Eishockey Selten bin ich so selig im Moment gewesen Von ALEX WESTHOFF (Text) und MAXIMILIAN MANN (Fotos) 27. November 2025 · Ich spüre, dass er mich sieht. Dass er weiß, was ich plane. Dass er noch diesen Moment abwartet, bis ich mein ungelenkes Bremsmanöver vollführe und dann mit allem, was ich habe, rechts raus sprinte. Richtung Bande, auf Höhe der blauen Linie. Dann kommt der Pass, und was für ein prächtiger, scharf, präzise zwischen zwei Gegnern hindurch. Danke, Bruder! Noch bevor der Puck mit einem satten Klack in der ausgefahrenen Rückhandseite meines Schlägers landet und kurz dort ruht, entfährt mir ein Jauchzer hinter dem Visier. Ein tiefer, ehrlicher Jauchzer. Kein verdruckstes Juhu, mehr so ein genießerisches Yiiiihaa. Ich habe den Puck nun in der Vorhand, biege ein Richtung Tor, registriere den heranrauschenden Gegner im Rücken, vermute links von mir irgendwo laufende Sturmkollegen, wie soll man das durch das Gitter vor den Augen auch genau sehen? Ich gerate ins Straucheln, falle aber nicht dank des als drittes Bein fungierenden Schlägers, schaufele die Scheibe noch Richtung Tor. Weil ein Verteidiger die Kurve nicht kriegt und schlecht klärt, bleibt der Puck in der Gefahrenzone, landet bei meinem weit aufgerückten Bruder, Schuss, erstaunlich gut, aber daneben. Ich schnappe mir hinter dem Tor den Abpraller, hart bedrängt, Zweikampf, verliere den Puck, stochere nach, gewinne ihn zurück, nein doch nicht, hetze hinterher, mit glühenden Schenkeln, knisternden Adduktoren und fiepender Lunge, aber mit einem wie betonierten Lächeln im Gesicht. Eishockey! Ich spiele wirklich Eishockey, geht es mir durch den Kopf. So richtig Eishockey, diesen wunderbar dauer-dynamischen, kapital-körperlichen, immerzu intensiven Sport, den hierzulande viele gerne anschauen, aber kaum jemand je ausgeübt hat. In voller Montur, mit zwei Teams, Trikots und sogar zwei Torhütern, die mit Maske und Kelle zwischen den Pfosten stehen. Ein Kindheitstraum wird wahr. Und dazu an einem Ort, an dem die Erinnerungen nur so hervorquellen und die Anekdoten mich regelrecht überfallen: im Eisstadion an der Brehmstraße. Das gerne in Verbindung mit dem vorangestellten Adjektiv „legendär“ verwendet und mit den großen Zeiten der Düsseldorfer EG (DEG) assoziiert wird. Und das für mich ein Stück Heimat bedeutet. Obwohl oder gerade weil ich Düsseldorf nach der Schulzeit verließ. Aufgewachsen bin ich ein paar 100 Meter entfernt, noch in Hörweite. Der Jubel der Fans wehte einst weit hinaus aus dem an drei Seiten offenen Eistempel, durch das gekippte Fenster auch hinein in mein Kinderzimmer. Im Bett liegend, an der Wand die Autogrammkarten meiner Lieblingsspieler, zählte ich als Kind, wie oft der Torschrei der DEG-Fans erschallte. Und malte mir so den Spielstand aus. Bis der Schlaf mich übermannte, im festen Glauben, Zeuge von etwas Großem zu sein. In den Neunzigerjahren wurde die DEG, die „Macht von der Brehmstraße“, deutscher Meister 1990, 1991, 1992, 1993 und 1996. Beim ersten Titelgewinn jener Zeit war ich neun, beim (bis heute) letzten 15 Jahre alt. Prägende Jahre. Hier werden Erinnerungen lebendig: Das Eisstadion an der Brehmstraße ist für unseren Autor ein Stück Heimat. Während der oft ausverkauften Heimspiele war unsere Straße schon Stunden vor Anpfiff grotesk zugeparkt. Aus den kreuz und quer auf dem Gehweg abgestellten Autos stiegen Personen in Trikots oder rot-gelben Wollpullis. Darauf Aufnäher mit oft derben Botschaften. Klassisch jener, auf dem ein Düsseldorfer Löwe einen Kölner Hai an der Angel hat. Wir beiden Brüder integrierten die fremden Fahrzeuge gerne in unser häufiges abendliches Versteckspiel mit den Nachbarskindern. Das Eisstadion lag auch direkt an meinem Schulweg. Morgens ging es die Frontseite entlang an der verkehrsreichen Brehmstraße, mittags die Rückseite entlang zurück durch den Zoopark. Auf dem nahen Weiher entstanden im Winter oft kleine Eishockeypartien auf vorher mühsam vom Schnee befreiten Eisflächen, mit Schlittschuhen oder unter Fußgängern, mit Schlägern und Puck oder Stöcken und Tennisball. Auf Tore, die aus zusammengeknüllten Jacken bestanden. Viele wollten bei uns mitspielen – wegen unserer richtigen Tore, die wir hüteten wie DEG-Autogrammkarten. Mein Vater hatte sie angefertigt, aus Holzlatten und Einkaufsnetzen. Natürlich träumten wir davon, eines Tages im DEG-Trikot an der Brehmstraße aufzulaufen, mimten trotz staksigem Schritt unserer dünnen Beine in den Schlittschuhen die DEG-Stars: Chris Valentine, Benoît Doucet, die Truntschka-Brüder, Uli Hiemer, den Abwehrhünen. Und wenn sonntagnachmittags die DEG parallel ein Heimspiel hatte, konnten wir vom Weiher aus die rot-gelb gekleideten Fans auf den obersten Stehrängen sehen. In den Drittelpausen drehten sich viele um und schauten uns auf dem Weiher zu. Nun stehe ich mehr als 30 Jahre später in der Kabine im Stadion vor einer dicken Eishockeytasche. Dort, wo einst nach gewonnenen Meisterschaften die Fotos entstanden mit der Trophäe in der Mitte, verstreuten Ausrüstungsgegenständen und stehenden, sitzenden, liegenden Profis. Bärtige, verschwitzte, vernarbte Kerle mit Siegerlächeln und Zahnlücken – für mich ein Bild für die Götter, ein Bild voller Götter. Den Geruch der Champions, diesen charakteristischen Eishockeykabinen-Geruch, bilde ich mir ein, dünstet das Gemäuer noch heute aus. Ein paar Kumpels, alles Anfang- und Mittvierziger, die sich zum Teil ewig kennen, haben sich für Lukas zum Geburtstag ein Geschenk ausgedacht: „Luki’s Hockey Night“. Gäste der Party on Ice: 30 Mann, aufgeteilt auf zwei Teams. Der Mann, der Eishockey für Jedermann ermöglicht, heißt Udo Schmid. Er war früher Profi, absolvierte knapp 400 Erstligaspiele und war, jawoll, Teil einer DEG-Meistermannschaft, 1992. Seine Agentur hat gut 100 Ausrüstungen und mehr als 1000 Paar Schlittschuhe zum Ausleihen auf Lager. Er findet auch immer zwei Torhüter, die sich gegen Honorar zwei Stunden zwischen die Pfosten stellen, wenn vor ihnen nach Herzenslust dilettiert wird. Das ungewollt Stümperhafte vieler Aktionen, die Duelle zwischen Edeltechnikern und Kämpfernaturen, eher Kreativen und eher Destruktiven, all das macht den Reiz aus. Die Teams bestehen aus je drei Reihen à fünf Spielern. Auf ein akustisches Signal kommt alle drei Minuten eine neue Reihe aufs Eis. So anstrengend das ist, und so schnell dieser Sport bei den echten Cracks live oder im Fernsehen wirkt – bei „Luki’s Hockey Night“ wirkt das Spiel von außen betrachtet grotesk langsam. Laufduelle, Zweikämpfe, Schüsse wie in Zeitlupe. Auf dem Eis aber, als Teil des Spiels, fühlt es sich rasant an, weil man auf ungewohntem Terrain alles gleichzeitig tun muss: laufen, spielen, koordinieren. Auf dem Eise befreit: Beim Eishockeyspielen ist unser Autor Alex Westhoff ganz bei sich. Mein Bruder verliert bei uns in der Abwehr kaum ein Duell, initiiert dazu Angriff auf Angriff mit seinen Pässen. Warum kann der immer noch so gut Eislaufen? Noch heute, er ist vier Jahre jünger, ziehe ich ihn mit der Erinnerung an ein Weihnachtsfest Anfang der Neunzigerjahre auf. Als er bei der Bescherung zweimal weinte: erst vor Gram, weil ein Päckchen tatsächlich Hausschuhe (weiß wattiert) enthielt, später vor Freude, als in einem anderen Päckchen ein Trikot von Helmut de Raaf (türkis-weiß) steckte, dem Torhüter-Gott der DEG. „Helmut, Helmut“, schallte es durch das Stadion, wenn de Raaf wieder unhaltbare Schüsse parierte. Ich habe noch vor Augen, wie mein Bruder an jenem Heiligabend den Stoff um die Rückennummer Eins mit beiden Händchen straffzog und dann sein Gesicht hineindrückte. Dieses Trikot wurde nicht mit Blut und Schweiß, sondern erst mal mit Tränen getränkt. Im Gegensatz zu dem Leibchen von Rick Amann, auf das im Kleiderschrank fast täglich mein Blick fällt. Amann war in den Neunzigern mein DEG-Held. Ein Abwehrspieler aus dem Bilderbuch, eine Erscheinung auf dem Eis. Breitschultrig, zweikampfstark, austeilend und einsteckend, mit seinem schwarzen Bart unter dem Helm oft bedrohlich finster dreinschauend, abseits des Eises mit seinem breiten kanadischen Deutsch aber immer freundlich daherkommend. Seit Jahrzehnten begleitet mich mein „Gummi-Amann“, eine Schlüsselanhänger-Figur mit aufgemaltem DEG-Trikot, die nie als solche zum Einsatz kam – weil sie immer auf oder in meinem Schreibtisch steht. Mit Kugelschreiber hatte ich ihm einst ein blaues Auge gemalt, weil Amann auch oft eines hatte. Als ich in dieser Zeitung einmal über den „Gummi-Amann“ schrieb, schickte mir Amann, heute Geschäftsführer der tief gefallenen DEG in der zweiten Liga, als Dank ein Originaltrikot, das er beim Gewinn der deutschen Meisterschaft 1993 getragen hatte. Vorne rechts ist noch ein Blutfleck zu sehen. Typisch Amann. Foto: Privat Bodychecks der Marke Amann würden unsereins wohl aus den Schlittschuhen befördern. Bei „Luki’s Hockey Night“ achtet man aufeinander, geht Karambolagen aus dem Weg. Höchstens ein bisschen gehakelt wird einmal mit dem Schläger. Geschieht das vor der Mannschaftsbank, heulen die Spieler, die draußen sitzen, theatralisch auf. Und mit einem breiten Grinsen hinterm Visier geht es weiter. Stürze aufs Eis tun dank der Panzerung nicht weh, die Ausrüstung fühlt sich an wie ein Vollkaskoschutz. Nur ein Zweikampf endet mit ein paar angeknacksten Rippen. Auch ich gehe ein paar Mal zu Boden. Es ist mir als Eis-Grobmotoriker physikalisch ein Rätsel, wie man in einer engen Kurve die klobigen Schlittschuhe galant seitlich übereinandersetzen kann. Gut, dass der Schläger als Stütze weiterhilft. Früher gingen wir mitunter mehrmals in der Woche nach der Schule an der Brehmstraße Eislaufen. Nachmittags, 16 bis 18 Uhr. Auch wenn wir es uns nie eingestanden hätten: Natürlich waren wir auch wegen der Mädels dort. Eine durch dicke Klamotten gedämpfte Berührung bei einem unverfänglichen Fangenspiel kann für Fünfzehnjährige schon im Großraum erotische Erfahrung verbucht werden. Man umkreiste sich, suchte oder vermied den Blickkontakt und kam keuchend, mit kondensierenden Atemwolken vor dem Mund, an den Werbebanden ins Gespräch, die beim Fangenspiel „frei“ bedeuteten. Leider vermochte ich mit meinem Laufstil nie ein Mädchen zu verzaubern – Schlittschuhe blieben Fremdkörper an meinen Füßen. Meine Unbeholfenheit versuchte ich mit Kraft und Kondition zu übertünchen, meine Stürze möglichst clownesk aussehen zu lassen. Sabrina, du kennst mich nicht, aber falls du dies liest: Du warst toll, deine Anmut in Schlittschuhen hat das Eis für mich schier schmelzen lassen. Ich habe mich damals nicht getraut, in den Kreis deiner Verehrer einzutreten, die immerzu versuchten, deine Aufmerksamkeit zu erregen, dich mit Bremsmanövern kniehoch mit Schnee einzustäuben. Ich habe es auf der anderen Seite der Eisfläche geübt. Aber meine vermeintlichen Vollbremsungen ergaben nie ein spektakuläres Stäuben, immer nur ein kärgliches Schaben. Fotos: Privat Es war die Zeit, als wir endlich allein zu den Heimspielen ins Stadion durften, wenn wir die knapp 20 Mark Eintritt daheim erfolgreich erbettelt hatten. Weil wir aufgrund unserer Körpergröße inmitten der Fans die Eisfläche kaum gesehen hätten, standen wir auf mitgebrachten Styroporblöcken. Es war eine wackelige Angelegenheit und eine echte Herausforderung, wenn die Fans vor dem Anpfiff, wenn die Ränge sich in ein Wunderkerzenmeer verwandelten, zum Altbierlied zu schunkeln begannen. Heute ist die DEG für ihre Heimspiele längst umgezogen in eine moderne Arena am Stadtrand. Ich rackere und ackere im Angriff. Wir Weißen haben die Gelben vor das eigene Tor gedrängt, ein Teamkollege schießt aus dem Gedränge heraus, kurze Verwirrung, der Puck hat sich in der Torwartausrüstung verfangen. Mein Glück, dass er rausplumpst, als ich vorbeikurve und ihn nur noch über die Linie schubsen muss. Tatsächlich: Ich schieße ein Tor im Stadion an der Brehmstraße. Gänsehaut, ein bisschen, ich gebe es zu. Ich kann auch nach zwei Stunden noch nicht die Finger von meinem Schläger lassen. Als die Letzten längst wieder in der Kabine sind, jage ich noch über das Eis, schieße Pucks in die leeren Tore. Mein Bruder steckt seinen Kopf aus der Kabinentür: „Alles klar bei dir?“ O ja, selten so selig und ganz im Moment gewesen wie jetzt. Denn ich spiele wirklich Eishockey, Eishockey, Eishockey. Studio Bernadotte & Kylberg Zu Besuch beim Prinzen von Schweden Möbelneuheiten Hoppela
