FAZ 25.11.2025
12:39 Uhr

Eintracht sucht neuen Stürmer: Um Wahi herum wird es unruhig


Wie gut ist die Kommunikation zwischen Eintracht-Trainer Toppmöller und seinem Stürmer? Wird der Franzose richtig eingesetzt? Im Winter könnten sich Verein und Spieler trennen.

Eintracht sucht neuen Stürmer: Um Wahi herum wird es unruhig

Der Stürmermarkt im Fußball funktioniert nach ein paar einfachen Weisheiten. Ein Angreifer, von dem jeder weiß, er spielt immer, er trifft immer – ein solcher Angreifer kostet mehr als 20 Millionen Euro. Die Frankfurter Eintracht hat sich in Europa einen Namen gemacht, indem sie Angreifer findet, die 20 Millionen Euro oder weniger kosten. Und das trotzdem können. Ihre Stürmer bleiben trotzdem eine Mystery Box. Ein kleines Paket also, bei dem man trotz detaillierten Scoutings nicht weiß, was genau herauskommt. Ein bisschen Geheimnis ist immer dabei. Das war bei Hugo Ekitiké so, den die Frankfurter von der Tribüne in Paris kauften und ein Vierteljahr aufbauten. Das war bei Randal Kolo Muani so, den Europas Spitzenvereine erst entdeckten, als er schon 23 Jahre alt war. Und auch bei Omar Marmoush, der in Wolfsburg und Stuttgart auf der Bank saß, bevor er für die Eintracht funktionierte wie ein Cheat Code, ein Schummelcode bei einem Videospiel. Wird das noch was mit Wahi bei der Eintracht? Dann war der Ägypter weg, die Franzosen auch. Jedes Mal für sehr hohe Millionenbeträge, insgesamt verdiente die Eintracht, die an diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) in der Champions League auf Atalanta Bergamo trifft, mit ihren Stürmern in den vergangenen Jahren rund 400 Millionen Euro. Das Motto lautete: Geht ein Stürmer, kommt ein Stürmer, geht ein Stürmer, kommt ein Stürmer. Der nächste hieß Elye Wahi. Er kostete mehr als die meisten vor ihm, 25 Millionen Euro. Ein Tor aber hat der Franzose noch nicht geschossen. Seit einem Jahr ist er in Frankfurt. Wird das noch was? Die Eintracht gibt ihren Talenten drei Jahre Zeit. Im ersten Jahr ankommen, im zweiten eingewöhnen, im dritten glänzen. Das klingt entspannt, aber es ist Sportgeschäft auf allerhöchstem Niveau. In den vergangenen Wochen bekam Sportvorstand Markus Krösche, der Entdecker von Ekitiké, Marmoush und Co., Besuch von der „New York Times“. Die amerikanische Zeitung analysierte das Businessmodell der Eintracht und des „Transfergurus“ mit einfachen Worten: „Evolution has to be dramatic rather than gentle.“ Die Entwicklung von Spielern müsse dramatisch sein, nicht behutsam. Ein Drama im besten Sinne, also für die Verteidiger der anderen, war Wahi in Montpellier. Er sprintete dort 2021 in die Köpfe der Scouts. Er rannte schneller als 36 Kilometer pro Stunde. Das schaffen auch in der Bundesliga nur wenige Spieler. Er traf 19-mal in der Ligue 1, einer Liga, die kaum schlechter ist als die deutsche erste Liga. Dann wechselte er zu Lens, in die Champions League. Schon da ging es für den Franzosen bergab: In der Liga traf er nur noch neunmal, dafür in der Königsklasse zweimal. Am Ende der Saison kaufte ihn Olympique Marseille, einer der größten Klubs des Landes. Und dann, ein halbes Jahr später, die Eintracht. Das erste Mal ein Klub aus dem Ausland. Wahi sollte der nächste große Stürmer in Frankfurt sein. Aber die meiste Zeit wechselte ihn Toppmöller ein. Kommt er spät ins Spiel, verliert der Franzose manchmal den Ball, oder er trifft das Tor nicht. Von Weggefährten aus Frankreich heißt es: Wahi fehle das Selbstvertrauen, weil ihm sonst kaum jemand in Frankfurt vertraue. Er sei ein sensibler junger Spieler, der alles versucht, um wieder das Tor zu treffen. Aber aktuell sei die Situation für den Franzosen hart, sehr hart. Wie gut ist die Kommunikation zwischen Toppmöller und Wahi? Noch im Sommer hatte er sich nach einer ordentlichen Vorbereitung in den USA bereit für die neue Saison gefühlt, dann aber unerwartet oft auf der Bank gesessen. Der 22 Jahre alte Angreifer glaubt nach F.A.Z.-Informationen aus Frankreich immer noch an seine Chance. Er wolle sich in Frankfurt durchsetzen, weil er den Klub möge und es nie sein Plan gewesen sei, nach einem Jahr wieder zu verschwinden. Aber: Weder die Kommunikation mit Trainer Toppmöller noch dessen Aufstellungen stoßen bei Wahis Wegbegleitern auf Verständnis. Von den vielen Gesprächen, von denen öffentlich zwischen Toppmöller und Wahi die Rede ist, sollen nur wenige stattgefunden haben, heißt es. Zu den 13 Spielern, auf die der Trainer zähle, gehöre Wahi nicht. Menschen, die ihm nahestehen, sagen deshalb: Wahi denke über seine sofortige Zukunft nach, „logischerweise“. Nach Wahis letzter Einwechslung wählte Toppmöller deutliche Worte. In Köln, Wahi kam wieder spät ins Spiel, war der Franzose zehnmal am Ball. Er verlor ihn viermal. Und Toppmöller sagte danach: „Am Ende müssen wir natürlich auch über Spieler sprechen, die reinkamen und keine Eigenwerbung für mehr Einsatzzeiten für sich betrieben haben.“ Das verstanden viele als Kritik an Wahi. Aus dem Klub heißt es: Wahi trainiere gut, er sei ein netter Mannschaftskollege. Aber gut genug, um den Trainer dazu zu bringen, für ihn mit zwei Stürmern zu spielen – das sei er nicht. Wahi könnte in einem Zweimannsturm neben seinem Konkurrenten Jonathan Burkardt spielen. Er wäre in dieser Position vermutlich am gefährlichsten. Bisher aber spielt Burkardt meist allein, Wahi wird für ihn eingewechselt. Der gebürtige Darmstädter wechselte im Sommer aus Mainz zur Eintracht, er hat seitdem acht Tore in der Bundesliga geschossen, vier in der Champions League. Wahi steht weiter bei null Toren. Im „Kicker“ sagte Toppmöller am Montag: „Ich bin nach wie vor überzeugt, dass Elye noch wichtig für uns sein kann.“ Und dann: „Ich glaube aber schon, dass das Pendel mehr in seine Richtung ausschlagen könnte, wenn er noch mehr investieren und eine noch größere Gier zeigen würde.“ Wahis Stärken liegen im Konterspiel Manche seiner Aktionen wirken unglücklich. Zweimal lenkte Wahi den Ball am leeren Tor vorbei, in Hoffenheim und Heidenheim. Dort aber, in Heidenheim, schoss er ein Tor, das fälschlicherweise aberkannt wurde. Manche in Frankfurt fragen sich: Was wäre passiert, hätte das Tor gezählt? Es war eines von drei Spielen, in denen Wahi in dieser Saison von Anfang an in der Bundesliga spielte. In den Wochen darauf wechselte ihn Toppmöller ein, aber oft änderte sich damit auch das Spiel. Burkardt ist den deutschen Pressingfußball gewohnt. Er rennt und rennt und rennt, nicht nur mit dem Ball, auch ohne ihn. Das entlastet die Frankfurter Abwehr, weil weniger Bälle auf sie zufliegen. Wahi ist ein anderer Spieler, ein schneller Konterfußballer. Als er zur Eintracht kam, war sie das beste Konterteam im Land. 13 Tore schossen die Frankfurter in der vergangenen Saison so. In dieser Saison haben sie ihren Stil angepasst, trafen in der Bundesliga einmal nach einem Konter. Vielleicht passt Wahis Stil also besser nach Frankreich als nach Frankfurt. Bereitet der Spieler eine Frankreich-Rückkehr vor? Dazu passen würde: Im Spätsommer hat sich Wahi in einem großen Porträt der französischen Sportzeitschrift „L’Équipe“ abbilden lassen. Es geht darin um seine Zeit in Frankreich, in der Wahi nicht nur so viele Tore schoss, dass ihn später Marseille und Frankreich verpflichteten, sondern dass er auch in den Schlagzeilen stand. Eine junge Frau erstattete Anzeige gegen ihn, weil Wahi beim Verlassen einer Disco gewalttätig ihr gegenüber geworden sein soll. Wahi sagte dazu in „L’Équipe“: „Als ich mich an diesem Abend entschloss, allein nach Hause zu gehen, sah ich eine Menschenansammlung, der ich aus dem Weg ging. Und dieses Mädchen, das getrunken hatte, begann, mir zu folgen und mich anzusprechen. Ich wollte nur weg, und irgendwann schob ich sie leicht weg, um weiterzugehen. Da kamen ihre Freunde hinzu und sie beschuldigte mich, sie geschlagen zu haben. Aber ich habe sie nur beiseitegeschoben. Es gab keinen Schlag.“ Die Anzeige wurde später fallen gelassen. Der 22 Jahre alte Wahi wollte sich damit öffentlich vom Druck befreien, der ihn und seine Familie in Frankreich seitdem belastet. Das war im August. Damals sagte er, alle Ampeln stünden auf Grün, „keine Geier kreisen mehr um mich“, er wolle sich in Frankfurt beweisen. Das ist ihm auch im zweiten Halbjahr am Main nicht gelungen. Für die Eintracht ist das nicht weiter schlimm. Sie hat ja Burkardt – und mit ihm die fünftbeste Offensive Europas, zumindest was das Toreschießen angeht. 27-mal hat der Eintracht-Sturm schon getroffen, besser waren in Europas Topligen nur Barcelona, Madrid, München und Marseille. Die Frankfurter suchen dennoch einen zweiten Stürmer, den Dänen William Osula von Newcastle etwa. Oder den Elversberger Angreifer Younes Ebnoutalib, geboren in Frankfurt am Main. Für Wahi hieße das: weiter Bank, höchstens. Wahi könnte also im Winter in sein Heimatland zurückkehren. In Frankfurt möchte sich dazu niemand äußern. Der Verein hofft darauf, dass Wahi noch seine wahre Stärke findet. Es ist die alte Hoffnung. Die darauf, dass aus der Mystery Box doch noch ein Angreifer auftaucht, den plötzlich halb Europa kennt. Sie war schon mal realistischer.