Es gibt Vereine in der Fußball-Bundesliga, die sind ungeduldiger mit ihren Cheftrainern als Finanzmarkt-Neulinge mit ihren Aktien. Kaum dreht die Performance ins Negative, wird sich von der vermeintlichen Belastung getrennt. Die Frankfurter Eintracht gehört nicht zu diesen Klubs. Dino Toppmöller ist nach Armin Veh, Niko Kovac, Adi Hütter und Oliver Glasner erst der fünfte hauptverantwortliche Trainer, den der hessische Traditionsklub in den vergangenen zehn Jahren bezahlt. Das ist die geringste Fluktuation auf den Chefsesseln der ersten Klasse, wenn man die beiden Sonderfälle Heidenheim und Freiburg außen vorlässt, wo Frank Schmidt ununterbrochen den Posten besetzt und Christian Streich nach insgesamt zwölf Jahren im Sommer 2024 von Julian Schuster abgelöst worden ist. Nur so zum Vergleich: In Stuttgart, Köln und Wolfsburg wurden in der letzten Dekade 14 bis 16 Trainer eingestellt. Dino Toppmöller darf davon ausgehen, dass die Leitung der Eintracht auch bei ihm keine Entscheidung auf Grundlage einer Panikattacke treffen wird. Im Prinzip möchte der Klub mit seinem Cheftrainer weiterarbeiten. Aber sollten im Bundesliga-Heimspiel an diesem Samstag gegen den FC Augsburg (Anstoß 15.30 Uhr, im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) wieder Auflösungserscheinungen in seiner Mannschaft zu beobachten sein, dann könnte das Prinzip doch recht schnell über den Haufen geworfen werden. Rückendeckung für den Trainer von vielen Seiten Der 35 Jahre alte Toppmöller hat sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren durch seine akribische Arbeit und seine Persönlichkeit innerhalb der Profiabteilung inklusive Führungsgilde eine deutlich größere Anerkennung erarbeitet als bei der Fanbasis. Ein gar nicht so kleiner Teil der Anhängerschaft wirft ihm Schwächen beim Coaching vor, insbesondere bei Einwechslungen. Dass Toppmöller jedes Detail richtig entschieden hat, behauptet niemand. Aber bei der Eintracht wird gnädiger darauf geblickt. Es ist stärker im Bewusstsein, dass Entscheidungen im Nachhinein leichter zu kritisieren sind als im Vorhinein zu treffen. In dieser Woche erhielt Toppmöller Einiges an Rückendeckung. Der immer noch einflussreiche ehemalige Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing sieht im Gespräch mit der F.A.Z. vornehmlich die Spieler in einer Bringschuld und erwähnt den Einfluss der Sportlichen Leitung auf die Leistungsfähigkeit des Kaders. Abwehrspieler Arthur Theate lobte ausdrücklich die Kompetenz des Trainers in einem Interview mit der „Bild-Zeitung“. Sportdirektor Markus Krösche sprach Toppmöller öffentlich das Vertrauen aus und nahm intern die Mannschaft nach dem 0:6 in Leipzig in einer seiner seltenen Ansprachen in unmissverständlicher Schärfe in die Pflicht. Es ist jedoch ein Punkt erreicht, an dem die Frage nach der Schuld Toppmöllers an der derzeitigen Situation nicht mehr zu ignorieren ist. Der Chef trägt die Verantwortung für die regelmäßigen Abstürze mit hohen Niederlagen, oder mit Gegentreffern in rascher Folge, die gute Ansätze im Spiel vollständig zerstören und Auswärtssiege wie das 6:4 in Mönchengladbach und das 4:3 in Köln verdunkeln. 29 Gegentore sind der schlechteste Wert aller 18 Bundesligavereine – und das als Teilnehmer an der Champions League. In jeder Sekunde droht ein Aussetzer Einerseits kann Toppmöller nichts dafür, wenn Collins in Leipzig vor dem 0:2 wie ein Fußball-Schüler den Weg zum Tor freimacht, wenn Koch den gegnerischen Stürmern mit missglückten Abwehrversuchen freie Schussbahn verschafft, Bahoya von einem Schüchternheitsanfall nach dem anderen gegenüber seinen Gegenspielern überfallen wird, Wahi selbst auf der Torlinie den Ball nicht über die Linie bugsieren kann und Torwart Zetterer durch seinen Strafraum irrt, als wäre sein Navi kaputt. Andererseits: Kann der Cheftrainer alles richtig machen, wenn so viele seiner Spieler außer Form oder so fehleranfällig sind? Das wirklich Beunruhigende an der Eintracht-Malaise: Es gibt kein Grundniveau, auf das sich die Mannschaft verlässlich zurückziehen kann, wenn sie am Straucheln ist. In jeder Sekunde droht ein Aussetzer, der ins Verderben führt. Selbst in Barcelona, wo das Frankfurter Team am vergangenen Dienstag wirklich engagiert und konzentriert auftrat, führten zwei hohe Flanken auf den zweiten Pfosten in die 1:2-Niederlage, die vergleichsweise leicht zu verteidigen waren. Für die fehlende Stabilität gibt es Gründe: Die schon angesprochene Formschwäche einzelner, die Verletzungsserie von wichtigen Spielern wie Uzun, Larsson, Burkardt, Kristensen, Skhiri und Götze. Zudem fehlt es dem Team offensichtlich an einem Leader, der den Laden zusammenhält, wenn die Fliehkräfte eines negativen Ereignisses im Spiel zu wirken beginnen. Es ist nicht zu leugnen, dass einige Profis geblendet waren von ihren Leistungen in der vergangenen Saison und jetzt erkennen, dass sie doch noch nicht reif für die Champions League sind. Die Begegnung mit der Realität lässt sie an sich zweifeln. Das alles jedoch erklärt nicht das Ausmaß der Problematik. Wie sie zu lösen ist? Von außen ist es nicht zu beurteilen, an welchen Stellschrauben Toppmöller drehen muss, um mehr Konstanz in die Mannschaft zu bringen. Sportvorstand Krösche jedoch erwartet vom Trainer eine schlüssige Antwort. Sie ist die Grundlage für eine gemeinsame Zukunft – und der ein oder andere Sieg.
