Um 14.29 Uhr betritt Albert Riera am Dienstag den Pressekonferenzraum im ProfiCamp. Der neue Eintracht-Trainer, stattliche 1,87 Meter groß, trägt Trainingsklamotten. An seiner Seite Frankfurts Sportvorstand Markus Krösche. Der Raum ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Da steht einer an seinem zweiten Arbeitstag in Frankfurt im Rampenlicht. Der 43 Jahre alte Spanier Riera will „Albert“ oder „Coach“ genannt werden. Seine Dienstsprache ist Englisch, er spricht es fließend. Der ehemalige Nationalspieler (16 Partien) lächelt, als er auf dem Podium Platz nimmt. Seine Antworten auf die vielen Fragen sind ausführlich. Das sei eine gute oder „sehr gute Frage“, sagt Riera gelegentlich zuvor. Er spricht mit viel Mimik, ab und an sind seine Augen weit aufgerissen. Er agiert gestenreich. Riera strotzt an seinem neuen Arbeitsplatz vor Selbstbewusstsein. Von ihm sind große, teilweise markige Worte zu hören – so, als wolle er die Frankfurter Fußballkrise wortgewaltig wegreden. „Wenn ich einem Spieler sage, er soll vom Balkon springen, dann springt er“ – so lautet eine seiner Aussagen. Klein zu denken, ist nicht seine Sache. Der Spanier, der viel Temperament besitzt, ist ein Überzeugungstäter, dementsprechend setzt er sich selbst in Szene. Aufbruchstimmung ist nun aus seiner Sicht angesagt. Riera soll der Mannschaft „Halt“ geben Seit acht Pflichtspielen sind die Frankfurter sieglos, bei ihnen hatte sich in den vergangenen Wochen große Niedergeschlagenheit und eine gewisse Ohnmacht breit gemacht. Die Sportliche Führung des Vereins und die Mannschaft lechzten nach Orientierung in all dem Ungemach. „Bei uns hatte eine Rette-sich-wer-kann-Mentalität breit gemacht“, kritisierte Krösche am Dienstag. Es sei teilweise „nicht mehr als Kollektiv gearbeitet“ worden. Dazu hätten auch fehlende Strukturen beigetragen. Angesprochen fühlen musste sich Rieras Vorgänger Dino Toppmöller. Ein neuer Kompass musste sportlich auf der Kommandobrücke her. Mit Riera sei nun ein Trainer da, der der Mannschaft „Halt“ gebe. Einer, der nicht an seinen Fähigkeiten zweifelt. „Albert ist jemand, der überzeugt ist von dem, was er tut“, sagte Krösche. Und jetzt macht der neue Mann, der auf Mallorca geborene und mit einer Russin verheiratete zweifache Familienvater, schon an Arbeitstag eins bei der Eintracht ein Versprechen: „Natürlich werden wir auch Spiele verlieren“, sagte Riera in den vereinseigenen Medien, „aber ich kann garantieren, dass wir mehr Spiele gewinnen als verlieren.“ Als Trainer, der bisher überwiegend in Slowenien und kurze Zeit in Frankreich tätig war, verlor er nur 27 Prozent seiner Spiele. Es reicht ihm aber nicht, nur nach Zahlen erfolgreich zu sein. Frankfurts Fußball muss sich in Zukunft auch sehen lassen können. Sein Ziel sei es, „dass die Fans stolz darauf sind, wie wir Fußball spielen“, sagte Riera und kündigte an: „Wir werden etwas Wunderschönes kreieren.“ Er will „eine Identität schaffen“, einen Stil, „der vieles vom Tiki-Taka widerspiegeln“ werde. Nur: „Das bedeutet nicht alles. Wir wollen gut spielen. Aber wir wollen auch gewinnen.“ Selbstzweifel plagen Riera nicht, denn er wisse, „wie es geht. Ich habe es in der Vergangenheit geschafft und werde es hier schaffen.“ An der Umsetzung seiner Vorhaben wird er gemessen werden. Auf knapp zweieinhalb Jahre ist sein Vertrag angelegt, die Vereinbarung mit der Eintracht endet nach heutigem Stand am 1. Juli 2028. Riera hat großen Respekt vor seiner spanischen Heimat oder der italienischen Serie A. Aber er habe „nach Deutschland gehen und dort arbeiten wollen“, teilte der Trainer mit. Hier gebe es viele „starke Klubs“. Koch bleibt wohl Kapitän Rieras Vorgesetzter, Sportvorstand Markus Krösche, ist sich sicher, bei seiner Trainerauswahl die bestmögliche Lösung gefunden zu haben. Vor zweieinhalb Jahren trafen sich der Spanier und er zum ersten Mal bei einem gemeinsamen Abendessen, seitdem stehen beide in Kontakt. „Jetzt glauben wir, Albert ist der richtige Trainer für den richtigen Moment. Auf seinen Stationen hat er immer außergewöhnliche Dinge erreicht“, sagte Krösche. Kandidaten wie Marco Rose wurden es nicht. „Die offensichtliche Lösung ist nicht immer die beste Lösung“, meinte Krösche, ohne Namen zu nennen. Riera, dem einige Trainer – darunter Pep Guardiola – zum Job in Frankfurt gratulierten, soll dem Team die Überzeugungskraft vermitteln, die nötig ist, um Spiele gewinnen zu können. „Ein Spieler mit Selbstbewusstsein ist 50 Prozent besser als einer ohne“, meint der Fußballlehrer. Von ihm würden seine Spieler einen Plan und ein klares Konzept erhalten. „Die Spieler wollen Lösungen. Jedes Mal, wenn ihr auf den Rasen geht, werdet ihr wissen, was zu tun ist“, sagte er den Profis zu. Ihnen rief er bei der ersten Trainingseinheit unter seiner Regie am Montag zu: „Im Fußball dreht sich alles um Timing. Jeder muss zu jedem Zeitpunkt wissen, was zu tun ist.“ Davon war bei den Profis in den vergangenen Wochen auf dem Platz zu wenig zu sehen. In den ersten Tagen mit Albert Riera müssen die Spieler Schwerstarbeit leisten – auf dem Platz und für die Theorie im Konferenzraum. Wer unter Riera Kapitän wird, ist noch offen, er hörte sich aber so an, als solle Robin Koch das Amt behalten. Ärger mit ihm bekämen seine Spieler nur, wenn sie sich nicht an seine Vorgaben halten würden. „Wenn ein Schuss nicht reingeht oder ein Pass oder eine Flanke nicht ankommen, kann ich das verzeihen“, sagte Riera, der vielseitige Spieler schätzt. „Aber wenn wir uns nicht an den Plan oder unsere Idee halten, kann ich das nicht verzeihen.“ Riera verfolgt eine positive Herangehensweise an die Dinge. Für ihn gibt es keine Probleme, sondern Optionen. Es sei ganz einfach: „Wenn wir etwas falsch machen, ändern wir das“, sagte er. Riera wählt oft deutliche Worte. Er ist ein anderer Trainertyp als sein Vorgänger Dino Toppmöller, der kein Mann der großen Worte war und sein Selbstvertrauen nicht demonstrativ nach außen trug. Insofern wird sich auch Markus Krösche umstellen müssen. Man darf gespannt sein, wie sich ihre Zusammenarbeit in der Öffentlichkeit gestaltet. „Was heißt Kulturwandel? Jeder Trainer hat seine Art. Mit seiner Klarheit, Art und Überzeugung wird uns Albert helfen, in die Erfolgsspur zurückzukommen“, sagte Krösche. Ein konkretes Ziel für die verbleibenden 14 Bundesligaspiele wollte er aber nicht preisgeben. Krösche sagte nur: „Unsere Ambitionen haben sich nicht verändert. Wir wollen international spielen. Wir tun gut daran, keine Attacken auszurufen.“ Riera ist ein schlechter Verlierer An Emotionen mangelt es Riera nicht. Ihm wird nachgesagt, ein Trainervulkan zu sein. Einer, der als „Wettkämpfer“ – „kein Büro, ich brauche das Grün“, so seine Worte – extrem ehrgeizig und erfolgsorientiert ist. Der seine Mannschaft zu Höchstleistungen motivieren kann und von ihr erwartet, ihm zu folgen und alles zu geben. Der jedoch schlecht verlieren kann, was bei ihm in der Vergangenheit wohl schon zu Überreaktionen geführt hat. Besonders in seiner Zeit bei Girondins Bordeaux eckte Riera mit seiner dominanten Art bei Trainerkollegen an. Sie vermissten den Respekt im Umgang miteinander. „Wir hatten Kämpfe, die manchmal grenzwertig waren. Aber sportliche Kämpfe haben nur einen Grund: Ich will so sehr gewinnen, dass ich manchmal Dinge tue, bei denen ich hinterher denke: Oje, Albert, du hattest dich nicht unter Kontrolle“, sagte Riera der „Bild“-Zeitung am vergangenen Sonntag auf der Pressekonferenz seines ehemaligen Klubs NK Celje nach dem Spiel in Maribor. Er bezog sich bei seiner Antwort auf frühere Gegner. In Frankreich wurde Riera vorgeworfen, einen gegnerischen Spieler im Kabinengang womöglich geohrfeigt zu haben. Einen genauen Einblick in die damaligen Geschehnisse wollte der Trainer im Rückblick nicht geben. Im Umgang mit seinem Trainerstab und seinen Spielern soll Riera sehr respektvoll sein. Für ihre Belange hat er immer ein offenes Ohr. Vor persönlich harten Entscheidungen scheut sich der Fußballlehrer dennoch nicht, er kann kompromisslos sein, wenn er seine Ziele gefährdet sieht. Bei NK Celje wechselte Riera häufig die Torhüter ohne Rücksicht auf Namen, zählt für ihn doch zuvorderst die abgelieferte Leistung. In Frankfurt, wo die Gegentorflut in den zurückliegenden Wochen nicht abgeebbt ist, wird nun mit Spannung Rieras Entscheidung erwartet, ob Kaua Santos seinen Stammplatz im Auswärtsspiel an diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) gegen Union Berlin behält. Der junge Brasilianer zeigt aktuell nicht die Souveränität, die für einen Torwart mit gehobenen Ansprüchen nötig ist. Michael Zetterer könnte daher eine neue Chance zur Bewährung erhalten. „Für mich ist der Torhüter der beste, der Spiele gewinnen will.“ Namentlich legte sich Riera nicht fest. Einen neuen Spieler verpflichtete die Eintracht am Montag am Ende der Wintertransferperiode nicht. Albert Riera soll mit dem bestehenden Kader zufrieden sein. Nach 57 Minuten war Rieras unterhaltsame Vorstellungspressekonferenz am Dienstag vorbei. Sie verlief erwartungsgemäß ohne Zwischenfälle. 2022 in Ljubljana aber hatten ein paar vermummte Ultras den ersten Pressetermin von Riera massiv gestört. Sie beschimpften ihn. Dessen Vorgänger, den der Vereinspräsident freigestellt hatte, war in Ljubljana beliebt. Das galt später dann auch für den von den anfänglichen Vorkommnissen unbeeindruckten Riera, der mit dem Klub Titel gewann. Jetzt zählt für ihn nur Frankfurt. Meister und Pokalsieger in Slowenien bei zwei Klubs geworden zu sein, sei für ihn „ein guter Start“ gewesen. „Aber im Fußball gibt es nie genug. Was geschehen ist, ist geschehen und in der Vergangenheit“, sagte Riera. „Im Fußball gibt es keinen Kredit.“ In Frankfurt, davon ist er fest überzeugt, wird er sich neue Meriten aufbauen können. „Mit Selbstvertrauen kannst du viel erreichen“, sagt er. Den Worten müssen jetzt Taten folgen.
