FAZ 14.02.2026
13:06 Uhr

Eintracht-Trainer Riera: „Folgt mir, dann wird alles einfach“


Er predigt Vertrauen, will Besitz von seinen Spielern ergreifen, misst Erfolg an leuchtenden Augen: Wie Albert Riera versucht, die Eintracht nicht nur spielerisch, sondern auch seelisch neu zu ordnen.

Eintracht-Trainer Riera: „Folgt mir, dann wird alles einfach“

Der Vergleich mit Christoph Daum sollte sich schon nach wenigen Minuten aufdrängen. Wenn Albert Riera über sich, den Fußball und das Leben spricht, dann tut er es mit einer Leidenschaft, mit einer Inbrunst, die beeindrucken – und die irritieren – kann. Wie für den 2024 verstorbenen Meistertrainer, der mit seinen Motivationsformen Fußball-Deutschland veränderte, geht auch Rieras Definition seiner beruflichen Tätigkeit weit über den sportlichen Ansatz hinaus. Der 43 Jahre alte Spanier, der seit einer Woche versucht, die Frankfurter Eintracht wieder in die richtige Umlaufbahn zu bringen, versteht sich nicht als Fußballlehrer oder als Vorturner mit Richtlinienkompetenz. Er will Besitz ergreifen von seinen Spielern, sie von sich überzeugen, zu seinen Jüngern machen. „Wenn ich sage, spring vom Balkon, dann werden sie springen“, sagte Riera bei seiner ersten Pressekonferenz in Frankfurt, die fast eine Stunde dauerte. Nach den ersten Eindrücken, dem 1:1 bei Union Berlin, wird es noch etwas dauern, bis der Prozess vollzogen ist. Ja, es gab Fortschritte. Die Eintracht agierte kompakter in der Abwehr, hatte 73 Prozent Ballbesitz. Aber dem Hauptziel, den verlorenen Glauben an sich selbst wiederzufinden, mit Selbstgewissheit, Überzeugung und Esprit Fußball zu spielen, kam die Mannschaft noch nicht näher. An diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) gibt es im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach die nächste Option. Wie groß sind die Chancen, dass Riera in die Köpfe der Frankfurter eindringt, ihnen die Unsicherheit nimmt, die sich dort nach neun Spielen ohne Sieg eingenistet hat? Das ist schwer zu beziffern, denn die tägliche Zusammenarbeit findet hinter verschlossenen Türen statt. Was auf Videos zu sehen ist, wie sich der Trainer gegenüber der Öffentlichkeit verhält und welche Philosophie er bei seinen Auftritten postuliert, das alles spricht jedoch dafür, dass Riera der richtige Mann am richtigen Ort sein könnte. So resolut und bisweilen melodramatisch er auftritt, so kommt doch immer wieder durch, dass er sich als Spielerversteher begreift – und nicht als unnahbarer Anführer, der kräftige Züge aus dem Kelch der Erkenntnis genommen hat und sein Wissen oktroyiert. Mit dem Gestus eines Alphatieres beschreibt der Spanier eine fast schon demütige Form der Zusammenarbeit mit seinen Spielern. Sein Credo: „Ein Trainer ohne Spieler ist ein Nichts.“ „Ihr (meine Spieler, d. Red.) seid meine Arme und meine Beine, ich brauche Euch.“ „Wenn meine Spieler Fehler begehen, dann ist es vor allem meine Schuld, dann habe ich ihnen nicht die richtigen Lösungen mitgegeben oder mich nicht verständlich gemacht.“ Sein Ansatz passt zu einer Mannschaft, die in den vergangenen Wochen und Monaten viele Fehler aneinandergereiht hat und von der Furcht gelähmt wird, neue zu produzieren. Riera nimmt die Verantwortung für den Erfolg auf seine Schultern, versucht, seine Profis vollkommen zu entlasten. Unsicherheit entstehe durch Unkenntnis oder Zweifel, wie eine Spielsituation zu lösen sei, behauptet der Spanier. Deshalb sagt er seinen Spielern: „Ich zeige euch den Weg, folgt ihm, tut, was ich sage, dann habt ihr keine Probleme, alles wird ganz einfach.“ Welche fußballspezifischen Details seinen Weg kennzeichnen, darüber hat sich Riera bisher nur grob geäußert. Die Linie ist: Ballbesitz und Spielkontrolle anstreben, hohe Intensität mit und ohne Ball haben, viele Torchancen kreieren – „eine Show bieten“, wie er in einem Interview einmal formulierte. „Gut zu spielen, ist mir im Zweifel sogar wichtiger als das Resultat, denn eine gute Spielweise erhöht die Chance, in Zukunft wieder zu gewinnen.“ Das sagte Riera in einer Phase seiner Karriere, als er mit Olimpija Ljubljana die slowenische Liga dominierte. Im Moment, bei der Eintracht, würde er wohl das schlimmste Gestolper in Kauf nehmen, solange die Mannschaft einen befreienden Sieg erlebt. Bis dahin muss Riera versuchen, allein mit seinem Wirken die Blockade zu lösen. „Ich will meine Spieler glücklich machen. Ich will, dass sie glücklich sind, wenn wir in der Gruppe zusammen sind. Sie sollen alles durch eine rosa Brille sehen, nichts soll dunkel sein.“ Wie er das erreichen will? Durch sein Verhalten – Riera bezeichnet sich als ehrlich, direkt und leidenschaftlich. Er sucht eine enge Beziehung zu den Spielern, strebt eine Art positiver Bunkermentalität an. Die Gruppe soll sich als geschlossene Einheit verstehen, getragen von Respekt, Zuneigung und einem Zusammengehörigkeitsgefühl. Zur Gruppe zählt Riera nicht nur Trainer und Spieler, sondern den gesamten Staff mit medizinischer Abteilung, Zeugwart, Platzwart. „Jeder Einzelne ist unglaublich wichtig für den Erfolg“, sagt der Spanier und macht das am Zeugwart fest: „Wenn er nicht da ist, müssen wir die Wäsche selber waschen, also genießt er unseren vollen Respekt.“ Für die Ergänzungsspieler gilt das erst recht, betont Riera. „Für eine erfolgreiche Saison brauchen wir 20, 21 Spieler, mit elf, zwölf oder 13 kommen wir nicht hin. Also muss ich dafür sorgen, dass sich die Spieler auf der Bank oder auf der Tribüne genauso wichtig fühlen wie die auf dem Platz.“ Diese Einstellung habe ihm sein früherer Trainer Luis Aragonés vermittelt, der Spanien 2008 zum EM-Titel führte. „Ich erinnere mich, dass er bei Mallorca nach den Punktspielen zwei Tage lang die Stammspieler fast ignorierte. Konnte er auch, weil die ja glücklich waren, gespielt zu haben. Dafür schenkte er den anderen ganz viel Aufmerksamkeit.“ Inspirieren ließ sich Riera auch in seiner Zeit als Assistenztrainer bei Galatasaray Istanbul von seinen Chefs Fatih Terim und Domènec Torrent. Von der türkischen Trainer-Ikone habe er „Meisterklassenunterricht“ in Sachen Organisation und Umgang mit den Spielercharakteren genossen, vom ehemaligen Assistenten und Vertrauten von Pep Guardiola tiefe Erkenntnisse im spieltaktischen Bereich. Mit Guardiola (Manchester City) und Mikel Arteta (FC Arsenal) verbindet ihn die Liebe zum Golf und eine Freundschaft. Natürlich tauschten sie sich auch über Fußball aus, aber es sei nicht so, dass er staunend zuhöre. „Manches von ihnen finde ich gut, manches weniger. Ich gehe jedoch immer meinen eigenen Weg.“ Den definiert Riera weniger über fußballerische Details, sondern durch seinen ganzheitlichen Ansatz. „Ich will, dass meine Spieler jeden einzelnen Tag glücklich sind, denn wenn sie glücklich sind, sind sie auch selbstbewusst, und Selbstbewusstsein macht jeden Spieler über 50 Prozent besser.“ Damit seine Spieler glücklich sind, gibt Riera vollen Einsatz. Anderthalbstündige Trainingseinheiten werden bis zu anderthalb Stunden in einer Mannschaftssitzung vorbereitet und bis zu einer Stunde nachbereitet. „Ich höre erst auf, wenn mir das Glänzen in ihren Augen zeigt, dass sie mich verstanden haben.“