Doch, Kauã Santos wird auch an diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) im ersten Rückrundenspiel bei Werder Bremen das Bundesligator der Frankfurter Eintracht hüten. Darauf hat sich Cheftrainer Dino Toppmöller im Einklang mit Torwarttrainer Jan Zimmermann schon festgelegt. Wobei „hüten“ vielleicht nicht das richtige Wort ist. 24 Gegentreffer hat sich der 22 Jahre alte Brasilianer in seinen sieben Saisonspielen eingefangen, womit er den Rekord aller Bundesligatorhüter eingestellt hat, die am wenigsten verhindern konnten. Wie Klaus Basikow von Tasmania 1900 in der Spielzeit 1965/66 musste Santos pro Spiel (aufgerundet) 3,43-mal den Ball aus dem Netz holen, genau 24-mal in sieben Begegnungen. Der Berliner erlebte in 14 Fußballpartien diesen Frust 48-mal. Während Basikow allerdings dem schlechtesten Team der Bundesliga-Geschichte angehörte (zehn Punkte nach der Dreipunkteregel bei 15:108 Toren), hat die Eintracht Ambitionen, sich wieder für die Champions League zu qualifizieren. Kann die Eintracht einem Torwart mit dieser Quote vertrauen, wenn sie nicht ihr Ziel gefährden will? „Durchaus“, sagt Zimmermann, seit 2020 Torwarttrainer in Frankfurt. Sein Termin mit den Medien am Mittwoch war schon länger terminiert; er erhielt durch das Bundesligaspiel am Abend zuvor zusätzliche Relevanz. Denn Santos hatte einen erheblichen Beitrag zur 2:3-Niederlage geleistet, indem er durch einen Fangfehler dem Stuttgarter Demirovic den Ausgleich zum 1:1 ermöglicht hatte. Und er entfachte die Frankfurter Torwart-Diskussion aufs Neue, die vor einem Jahr begonnen hat. Damals war der Diskurs für den Brasilianer nur positiv besetzt. Während einer Verletzungspause von Kevin Trapp hatte Santos als Nobody und Anfänger mit zahlreichen spektakulären Paraden begeistert. Die wenigen Fehlgriffe wurden ihm mit Hinweis auf seine Unerfahrenheit nachgesehen. Michael Zetterer wurde als Nummer zwei geholt Sein ungeheures Leistungspotential veranlasste die Eintracht, das Talent im Sommer 2025 zur neuen Nummer eins zu erklären, was wiederum dazu beitrug, dass Trapp ein Angebot des FC Paris annahm. Was der Eintracht nicht unrecht war, da damit die Diskussion im Umfeld „Emporkömmling Santos oder der alte Platzhirsch Trapp?“ beendet war. Trapp-Nachfolger Michael Zetterer (geholt von Werder Bremen) wurde eindeutig die Position Nummer zwei zugewiesen, die er einzunehmen hatte, sobald Santos von seiner Verletzung genesen war. Die hatte er sich im April im Europa-League-Viertelfinale gegen Tottenham bei einem Zusammenprall zugezogen, als er ungestüm aus seinem Tor gestürzt war, um eine gegnerische Torchance zu verhindern. Die Aktion nahm den denkbar schlechtesten Ausgang: Elfmeter für Tottenham, Sieg für Tottenham, Ausscheiden der Eintracht, Kreuzbandriss für Santos. Und die Szene erinnerte daran, dass der Brasilianer nicht nur ein großes Leistungsversprechen für die Eintracht bedeutet, sondern zudem ein erhebliches Risiko. Aber das ging die Eintracht ein, auch im Zuge der allgemeinen positiven Stimmungslage nach der Qualifikation für die Champions League durch Platz drei in der Bundesliga. Ernüchterung trat ein, als Santos bei seiner Rückkehr ins Eintracht-Tor im vergangenen September nicht an die alten Leistungen anzuknüpfen verstand. Toppmöller sah sich veranlasst, das Talent wieder herauszunehmen und mit Torwarttrainer Zimmermann für das Jahr 2026 neu aufzubauen. Mit dem Ergebnis, dass die Eintracht mit Santos gegen Borussia Dortmund (3:3) und den VfB (2:3) schon wieder sechs Gegentreffer hinnehmen musste und zumindest bei den Fans so langsam Verzweiflung um sich greift angesichts der Verteidigungsschwäche. Torwarttrainer Zimmermann: „Fehler gehören zum Geschäft“ „Fehler gehören zum Geschäft“, sagte Zimmermann am Mittwoch, wobei er den Fehlgriff seines Torwarts meinte, der zum Stuttgarter Ausgleich führte. Dieser Fehler ändere aber nichts an seiner grundsätzlichen Bewertung von Santos. „Ich sehe, wie er im Training arbeitet, ich sehe seine körperlichen Voraussetzungen, ich sehe seine Leistungsfähigkeit; die habe ich auch in Stuttgart gesehen. Wir müssen uns nicht auf das Prinzip Hoffnung verlassen.“ Der 40 Jahre alte gebürtige Offenbacher spricht dessen Abwehraktionen und dessen „Ausstrahlung und ruhige Entscheidungsfindungen“ in der zweiten Halbzeit gegen den VfB an. „Nach all dem, was im letzten Jahr auf Kauã an Positivem und Negativem eingeprasselt ist, kann man vom Worst Case sprechen, was ihm in der ersten Halbzeit gegen den VfB passierte. Er steckte bis zum Hals im Sand; wie er dann den Kopf wieder herausgekriegt hat, imponiert mir ungemein und gibt mir großen Optimismus für die nächsten Spiele.“ Zimmermann widerspricht der Darstellung einiger Medien, er und einige Spieler wären Santos wegen seiner Leistung in der ersten Halbzeit angegangen: „Ich werde einen Spieler, der noch 45 Minuten vor der Brust hat, doch nicht emotional weiter runterbuttern. Und auch die Mitspieler haben ihn bestärkt.“ Ob Santos noch das Vertrauen seiner Vorderleute genieße wegen seiner riskanten Spielweise, beantwortete Zimmermann nicht eindeutig. Der Trainer sieht dessen Risikofreude positiv. „Dass Kauã viel herausgeht, stellt einen Mehrwert für uns dar. Es gab Zeiten, da blieben den Fans unsere Torhüter zu viel auf der Linie.“ Zimmermann erinnert daran, dass „sogar ein Manuel Neuer zu Beginn seiner Karriere durch schlechte Phasen musste und stark für seine riskanten Unternehmungen kritisiert wurde. Im Übrigen hat Kauã sein Spiel schon angepasst.“ Zimmermann wirbt dafür, bei der Bewertung des Brasilianers dessen Unerfahrenheit zu berücksichtigen. Und tatsächlich ist es erstaunlich, wie wenig Spielpraxis Santos erworben hatte, bevor er in Frankfurt ankam und 15-mal in der Bundesliga, 13-mal in der Regionalliga, fünfmal in der Europa League und einmal in der Champions League spielte. Auf ganze 22 Ligaeinsätze kam der jugendliche Torwart in seiner Heimat; dazu durfte er zwei U-20-Länderspiele bestreiten. Bis auf Weiteres genießt Santos das Vertrauen der Trainer, aber Zimmermann sagte auch: „Kauã muss mehr verhindern, als er uns kostet. Am einfachsten wäre es, er begeht die nächsten vier Spiele keine Fehler, und wir gewinnen davon zwei wegen ihm.“
