Selten lässt sich beobachten, wie sich eine Mannschaft in einem einzigen Moment verändert: Wer auf dem Platz ihre Stimme ist, vor den Kameras ihr Gesicht. Meist geschieht das schleichend. Nicht so bei der Frankfurter Eintracht im Jahr 2026. Seit ihr Stürmer Jonathan Burkardt fehlte, hatte sie ihren Kopf verloren. Am Samstagmittag in München bekam sie ihn zurück. Als Burkardt nach 62 Spielminuten auf den Rasen trat, wirkten seine zehn Mitspieler, als wüssten sie plötzlich wieder, was zu tun ist. Er jubelte über gewonnene Einwürfe. Er schoss einen Elfmeter ins Eck, schnappte sich den Ball und sprintete zur Mittellinie. Die Eintracht traf zweimal, sie verlor trotzdem, aber das ist in München verzeihlich. Wichtiger ist, dass sie im burkardtschen Kreislauf wieder jenen Punkt erreicht hat, der angenehm ist. Schon in Mainz kannten sie ihn, diesen Zyklus, der sich saisonweise wiederholt. Er geht in etwa so: Der Nationalstürmer Jonathan Burkardt spielt so gut, dass kein Trainer sich traut, ihn aus der Mannschaft zu nehmen. Dabei bräuchte Burkardt das, denn er verpasst regelmäßig Bundesligaspiele, weil ihm ein Muskel zwickt oder eine seiner Sehnen reißt. Burkardt spielt also weiter und verletzt sich. Seine Mannschaft steht ohne den Spieler da, der ihre Offensive ordnet, der ihre Tore schießt. In den elf Bundesligaspielen, die Burkardt bisher für die Eintracht machte, traf er neunmal. Das ist eine gute Quote für einen, der 21 Millionen Euro gekostet hat – und der alle zwei Monate ausfällt. Bei zwei Dritteln der Frankfurter Bundesligaminuten saß Burkardt auf der Bank oder der Tribüne. Burkardt ordnet das Spiel, schießt die Tore Rund einmal pro Spiel zu treffen, das schafft in der Bundesliga sonst nur Harry Kane. Der Bayern-Stürmer schoss am Samstag ein ähnliches Tor wie im Hinspiel, sein 28. in dieser Spielzeit. Knapp 20 Meter vor dem Eintracht-Tor lag der Ball vor seinem schwachen linken Fuß. Es war illusorisch zu glauben, Kane könnte den Ball von dort an Kauã Santos vorbeizirkeln. Er tat es (68. Minute) trotzdem. Wie er vieles Weitere tat: etwa das Bayern-Spiel aus dem Mittelfeld zu ordnen. Als Burkardt auf den Platz kam, unternahm er Ähnliches für die Eintracht. Burkardt ist, so wie die meisten Stürmer auf dieser Erdkugel, weit entfernt von Kanes Klasse. Aber für die Eintracht ist er der hessische Harry Kane: Er ordnet das Spiel, er schießt ihre Tore, seine Mitspieler schauen zu ihm. Nach dem Spiel sagte Burkardt: „Unser Spiel funktioniert gegen jeden Gegner, wenn wir es durchziehen.“ Nach 87 Tagen Pause war das Thema nicht die Zeit, die er benötigte, um ins Spiel zu finden (ein paar Minuten samt einem Lupfer an den Pfosten). Das Thema war vielmehr die Frankfurter Offensividee. Zumal Burkardt ohnehin keine Zeit zu verlieren hat: Vier Monate bleiben dem Stürmer noch bis zur Weltmeisterschaft. Man kann sich fragen: Wie wäre es wohl, wenn alle überdurchschnittlich guten Frankfurter Offensivspieler gemeinsam auf dem Platz stünden – Can Uzun, Arnaud Kalimuendo, Burkardt? Stünde die Eintracht dann auf einem Champions-League-Platz? Ja gut, äh – wie das Franz Beckenbauer zu sagen pflegte –, das ist und bleibt ein Idealbild. Eines, das nicht nur wegen unglücklicher Fügungen kein einziges Mal in dieser Saison gezeichnet worden ist, sondern weil die Frankfurter Fehler machten, zu selten wechselten, zu häufig dieselben anfälligen Spieler auf den Platz schickten. Burkardt ein „Stürmer, der alles kann“ All das ist zigfach beobachtet, zigfach geschrieben worden. Was sich bisher der Empirie entzog: wie gut Kalimuendo und Burkardt kombinieren. In München griff Kalimuendo über den rechten Flügel an. Er überlief seinen Gegenspieler Hiroki Itō und passte in die Mitte zu Burkardt, der sich freigeschlichen hatte. Markus Krösche lobte: Die beiden hätten eine unheimliche Qualität. „Wie Kalimuendo die Bälle festmacht, das gibt der Mannschaft Sicherheit“, sagte der Sportvorstand. Er glaubt, dass Burkardt und Kalimuendo in der Zukunft harmonieren. In der Gegenwart lobte auch Trainer Albert Riera Burkardt, den er das erste Mal live spielen sah. Vor allem dessen Einstellung, aber auch sein Können. „Er ist ein Stürmer, der alles kann“, sagte der Spanier. Und: „Wir sprechen oft von einer falschen Neun, weil er das spielen kann, aber er kann auch ein echter Stoßstürmer sein. Er ist komplett.“ Wie also ist es möglich, beide aufzustellen, Burkardt und Kalimuendo – nebeneinander, versetzt, einer auf dem Flügel, einer in der Mitte? Das sei keine Frage des Systems, betonte Riera. Er wolle lieber schauen, wer die guten Spieler sind, und für sie dann ein System finden, das passt. „So einfach ist das.“ Die besten Spieler finden, nicht das beste System: Vielleicht sorgt Rieras Bottom-up-Ansatz dafür, dass es gar nicht den einen Spieler braucht, um den Kreislauf zu durchbrechen. Sondern zwei: Kalimuendo und Burkardt.
