Herr Waechter, woran denken Sie, wenn Sie zeichnen? Thematisch an das, was ich da gerade tue. Wenn ich ein Bilderbuch zeichne, dann denke ich an die Szene, an die Geschichte, an die Charaktere, wie sie aussehen sollen und wie das Bild gestaltet sein soll. Bei meinen Tageskarten denke ich an meine Situation, die ich an dem jeweiligen Tag erlebt habe. Manchmal zeichne ich aber auch, ohne darüber nachzudenken. Das ist dann aber weniger projektbezogen, eher ein Gekritzel, wie wenn ich einen Einkaufszettel schreibe und ihn bezeichne. Und ein Motiv haben Sie dann schon im Kopf, oder entsteht es im Zeichenprozess? Es gibt ein Repertoire, das ich schon so oft gezeichnet habe, also Figuren in unterschiedlichen Situationen, Bewegungen. Ich kann das dann umsetzen, ohne groß darüber nachzudenken oder eine Vorzeichnung machen zu müssen. Meistens gelingt es. Wie gut gelingt es Ihnen, bestimmte Charaktere zu zeichnen? Im Vorgespräch erwähnten Sie, dass Sie jüngst Jay-Jay Okocha zeichnen sollten, der ein Kind auf dem Arm hält. Die Figur, die ich da zeichne, ist nicht als Jay-Jay Okocha zu erkennen. Dafür braucht es noch einmal irgendeinen Hinweis. In diesem erwähnten Fall war es eine stilisierte, schnell hingeworfene Zeichnung, von der ich einfach behaupte, dass es Jay-Jay Okocha ist. Falls jemand ein wirkliches Porträt von Okocha möchte, würde ich das wahrscheinlich absagen, weil es nicht das ist, was ich gut kann. Es geht mir bei meiner Arbeit nicht um naturgetreue Abbildung. Das macht mir auch keinen großen Spaß. Wenn ich eine Person nicht kenne, finde ich es besonders schwer zu beurteilen, ob ich sie getroffen habe. Was würden Sie sonst absagen? Politische Karikaturen haben mich nie interessiert. Die Weltpolitik ist zu weit weg, ich schöpfe eher aus meinem persönlichen Alltag und Erleben. Die Schönheit im Kleinen. Wie viel Prozent Ihres Alltags macht Eintracht Frankfurt aus? Häufig finden sich in Ihren Postkarten, die Sie täglich zeichnen, Motive mit SGE-Bezug. Gerade haben Sie ein neues Buch mit jenen Motiven veröffentlicht. Ich würde sagen, acht Prozent. Das ist aber eine sehr präzise Angabe. Es könnten auch zwölf sein. Es schwankt mitunter. Okay, sagen wir 15 Prozent. Ist es für Sie von Vorteil, Fan von dem zu sein, was Sie zeichnen? Dieses Fan-Sein oder die Leidenschaft für den Verein, für die jeweiligen Spieler, das macht schon sehr Spaß, besonders dann, wenn es mit einem persönlichen Erlebnis verbunden ist. Wenn ich im Stadion war, dort irgendwas erlebt habe und das dann anschließend zeichne, ist es völlig anders, als wenn mir jemand sagen würde: Zeichne doch mal was von Hannover 96, den Lars Stindl, als er dort gespielt hat. Ich würde das versuchen, aber es käme nicht wirklich aus mir heraus. Ist das Zeichnen für Sie emotional, rekapitulieren Sie währenddessen? Ja, auf jeden Fall. Wenn ich ein Spiel verfolgt habe und eine Zeichnung dazu mache, dann wirkt das nach. Ich freue mich oder ärgere mich oder frage mich: Warum hat er den nicht reingemacht, warum hat er da nicht den Ball rübergespielt, der Mitspieler war doch frei. Es wirkt nach. Der Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Kann eine Zeichnung das einfangen? Sobald ein Motiv gezeichnet ist, hat es etwas Bleibendes. Und wenn Sie „schnelllebig“ sagen: Ich kann mich nicht an alle Tore erinnern, die ich gesehen habe, aber wenn ich sie gezeichnet habe, kann ich sie immer abrufen. Und dann erinnere ich mich an die Situation, erinnere mich an das Tor, an das Spiel, an meine Stimmung, mit wem ich unterwegs war. Das ist eine Brücke in meine Erinnerungen, die ich durch eine Zeichnung abrufen kann. Haben Sie ein Beispiel dafür? Ein Spiel, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war gegen Hoffenheim. Es war kein besonders wichtiges Bundesligaspiel. Die Eintracht liegt zurück, dreht aber das Spiel, als Gonçalo Paciência in der 96. Spielminute das 3:2 köpft. Das habe ich gezeichnet. Mit dem Spiel ist so viel verbunden: Ich war mit meinem Sohn dort, und seine Freunde waren auch da. Nach dem Spiel sind wir aus dem Stadion raus, wo uns Engländer begegnet sind, die „We love you Frankfurt“ gesungen haben. Und wenn ich das nicht gezeichnet hätte, wäre mir das nicht mehr so präsent. Ist das bei all Ihren Zeichnungen so? Nicht immer so detailliert, wie gerade geschildert, aber wenn ich sie mir anschaue, dann kommt die Erinnerung beziehungsweise der Moment hoch. Wenn ich es gezeichnet habe, ist es festgehalten. Erinnern Sie sich an Ihr prägendstes Fanerlebnis? Es gibt einige. Als die Eintracht 1980 den UEFA-Pokal gewonnen hat, hatten wir als Familie Karten fürs Finale. Da aber zeitgleich eine Klassenfahrt anstand, musste ich mich entscheiden und habe gesagt: Ich fahre auf Klassenfahrt. Auf der Klassenfahrt habe ich dann im Bett am Radio gesessen und bedauert, nicht im Stadion zu sein. Wie alt waren Sie damals? Elf Jahre. Fiel Ihnen die Entscheidung schwer? Es war völlig klar, dass die Klassenfahrt vorgeht. Eine andere Sache war 1992, die verspielte Meisterschaft. Ich war gegen Werder Bremen im Stadion, als uns ein Sieg zum Meister gemacht hätte. Die Eintracht spielte 2:2. Danach hätten wir beim Absteiger Hansa Rostock nur gewinnen müssen, ich habe das Spiel mit Freunden in der Kneipe geschaut. Wir verlieren, und uns war klar: Diese Chance kommt nie wieder. Eine schönere, unvergessliche Erinnerung ist der erste Stadionbesuch mit meinem Sohn, der damals sechs Jahre alt war. Ich sprach eben davon. Ich wusste nicht: Macht ihm das Spaß? Will er nach zehn Minuten nach Hause? Wollte er? Wir sind mit der Straßenbahn ins Stadion, und der ganze Waggon hat gebrüllt: „Alles außer Frankfurt ist scheiße.“ Und ich dachte mir: Mein Sohn bekommt die Vollkrise. Aber er konnte das anschließende Spiel genießen und geht seitdem immer wieder – auch mit mir gemeinsam – hin. Verstehen Sie sich als Eintracht-Frankfurt-Chronist? Nein. Wenn ich die Tageskarten zeichne, dann macht die Eintracht einen Bruchteil aus, jene 15 Prozent. Es geht da um mein Leben und meinen Alltag, mein gezeichnetes Tagebuch, und dadurch, dass ich das seit vielen Jahren mache, taucht die Eintracht zumindest so oft auf, dass man ein Buch damit füllen kann. Aber das ist ein Nebenaspekt, andere Dinge sind wichtiger und nehmen viel mehr Raum ein. Haben Sie einen Lieblingsspieler bei der Eintracht? Da gibt es viele, die im Laufe der Jahrzehnte gewechselt haben. Als kleiner Junge fand ich Bernd Nickel immer super, weil er diesen Wahnsinnsschuss hatte. Und er konnte die Ecken direkt verwandeln. Als ich mit meinem Bruder gespielt habe, hat er immer gesagt, er sei Bernd Hölzenbein. Ich wollte jemand anderes sein, das war dann Bernd Nickel. Später fand ich Bruno Pezzey toll, auch Tony Yeboah war unfassbar. Wenn ich mich für einen entscheiden müsste, dann wahrscheinlich Yeboah. Haben Sie ihn mal gezeichnet? Als ich 2000 angefangen habe mit den Tageskarten, hat er nicht mehr bei der Eintracht gespielt. Und auch darüber hinaus habe ich ihn nicht gezeichnet. Wenn Sie sich Ihren Wunschfußballer zeichnen könnten, wie sähe der aus? Ein Offensiver, der hinter den Spitzen spielt und alles kann. Also einen guten Schuss hat und Tore aus 35 Metern erzielen kann, aber auch dribbelt und die Stürmer bedient. Schon ein Zauberer. Dann vielleicht doch jemanden wie Okocha? Ja, das kommt schon sehr nah. So einen Okocha hätte ich gerne noch einmal. Und dann auch gerne ein bisschen länger bei der Eintracht, er ist ja doch relativ früh gewechselt. Wobei er für heutige Verhältnisse richtig lange da war. Das klingt, als seien Sie Fußball-Romantiker. Ich betrachte den Fußball schon mit Wehmut. Vor allem, weil ich ein Problem damit habe, dass die Eintracht, aber alle anderen Mannschaften auch, jedes Jahr komplett umgekrempelt werden, die besten Spieler verkauft werden und neue hinzukommen. Hat man einen Spieler gerade lieb gewonnen, weiß man, dass er bald wohl schon wieder weg ist. Aber es gelingt mir noch jedes Jahr, Identifikation aufzubauen. Aber dass ich das nicht gut finde, ist so. Fürchteten Sie sich vor einer Entfremdung? Es gab Momente, in denen ich dachte, dass ich keine Lust mehr auf Fußball, keine Lust mehr auf die Eintracht habe, mich alles nervt. Aber dann habe ich gemerkt, dass diese Begeisterung doch so in mir drin ist, dass ich mich über Siege freue und bei Niederlagen enttäuscht bin. Das eine ist der Kopf, es gibt aber auch diese Emotionalität des Fan-Seins, die darüber hinausgeht. Womit identifizieren Sie sich bei der Eintracht? Die Eintracht war in den vergangenen Jahren ein Verein, der Haltung gezeigt hat, gegen Rassismus, gegen Antisemitismus, gegen Homophobie. Das finde ich wichtig. Das wurde repräsentiert von Menschen wie Peter Fischer. Ich merke aber auch: Die Eintracht ist in der Stadt total verankert. Die Leute identifizieren sich mit diesem Klub, Eintracht und Frankfurt gehören zusammen. Ich finde, dass ein Verein für eine Stadt total wichtig sein kann, als zusammenführendes Element. Wenn Sie einen optimalen Saisonverlauf für Eintracht Frankfurt skizzieren könnten, wie sähe der aus? Zunächst hätte der so ausgesehen, dass Elye Wahi seine Tore gemacht hätte, anstatt verliehen zu werden. Ich hatte bei ihm das Gefühl, dass er viel Pech gehabt hat. Er tat mir leid, und in den letzten Spielen hat es mich immer wieder beschäftigt. Ich dachte: Hoffentlich wird er eingewechselt und macht mal ein Tor. Davon abgesehen hoffe ich, dass sich die Eintracht für den Europapokal qualifiziert, es muss nicht die Champions League sein. Ein fünfter Platz und die Europa League wären auch wunderbar. Sonst wünsche ich mir ein paar schöne Spiele mit vielen Toren. Aber auch, dass die Stimmung gut bleibt innerhalb des Klubs, innerhalb der Fans; dass man sich einig ist, wofür man steht, und respektvoll miteinander umgeht. Und was löst die anstehende Weltmeisterschaft in Ihnen aus? Ich finde es furchtbar, wie die Politik, insbesondere Trump, die Weltmeisterschaft für sich nutzt. Die eine Seite in mir sagt, ich will mir das gar nicht anschauen. Andererseits sage ich mir: Das ist unser Fußball, und wir wollen uns das Spiel nicht nehmen lassen. Ich werde am Ende bestimmt wieder gucken. Aber die Nationalmannschaft ist für mich noch einmal ein eigenes Kapitel. Im Vergleich zur Eintracht gucke ich sie eher emotionslos. Aber am Ende ist im Fußball alles möglich, wer weiß.
