Als Tim Brockmeier und Philipp Hofmeister, die beiden Hörfunk-Reporter des Hessischen Rundfunks, das Auswärtsspiel von Eintracht Frankfurt vor fünf Wochen in Neapel kommentierten, von dem Frankfurter Fans ausgeschlossen waren, füllten sie einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Live-Reportage mit ihrem Bedauern ob dieses Ausschlusses. Am Dienstagabend, das Frankfurter Team spielte das nächste europäische Auswärtsspiel in Barcelona, waren die beiden in wenigstens ebenso großen Teilen damit beschäftigt, als Augenzeugen antisoziales Verhalten Frankfurter Fans auf dem Oberrang des teilrenovierten Stadions Camp Nou zu schildern. Mit gelblicher Flüssigkeit gefüllte Becher fliegen auf den Unterrang Es flogen, berichteten Brockmeier und Hofmeister live, „eine Pyrofackel, die mitten in einer Menschengruppe gelandet ist“ (erste Halbzeit), „reihenweise Gegenstände und jetzt wieder Leuchtspur“, „eine ganz große Pyrofackel und Teile der Stadionverkleidung“ (zweite Halbzeit). „Unfassbar“, befand Hofmeister, „fassungslos“ war Brockmeier: „Ein absoluter Wahnsinn.“ Eintracht-Vorstand Philipp Reschke schilderte andere Wahrnehmungen. Erst in der zweiten Halbzeit sei eine Pyrofackel geworfen worden, sagte er dem Hessischen Rundfunk. Allerdings von Zuschauern im Unterrang über die Plexiglasscheibe „in den Gastbereich“ und danach „nach einigen Sekunden leider wieder zurück“. Handyaufnahmen aus Barcelona zeigen derweil unter anderem, wie von Zuschauerplätzen, vor denen Frankfurter Ultras ihr „UF97“-Banner gehängt hatten, etliche mit gelblicher Flüssigkeit gefüllte Becher auf den Unterrang fliegen und mindestens eine Zuschauerin am Kopf getroffen wird. In München hatten am Dienstag kurz zuvor die Ultras zu Beginn der zweiten Halbzeit aus der Südkurve mit Dutzenden Pyrofackeln das Stadion eingenebelt, zum Missfallen des Vorstandsvorsitzenden Jan-Christian Dreesen. Er fürchtet nun einen Zuschauerteilausschluss als Sanktion durch die Europäische Fußball-Union UEFA. Die Frankfurter Ultras sehen sich nicht als Teil der Protest-Allianz Da wie dort, in Barcelona und in München, sendeten organisierte Fans Botschaften an die Öffentlichkeit. Die hatte Ende vergangener Woche zur Kenntnis genommen, dass die deutschen Innenminister nach Protesten eines ganz großen Teils der organisierten Fanszenen in Deutschland ihr zuvor durchaus populistisch präsentiertes Repressionsbesteck (Gesichtserkennung, personalisierte Tickets) unbenutzt wieder eingepackt hatten: Dialog statt Konfrontation. Nun leuchtete der Bayern-Anhang Fackel für Fackel mit instagramtauglicher Selbstgefälligkeit den weiter bestehenden Dissens in der Pyrodiskussion aus. Fortsetzungen dürften alsbald folgen. Die Frankfurter Ultras aber sehen sich nicht als Teil der Allianz der Fangruppen, die in den vergangenen Wochen gegen Einschränkungen und Eingriffe in ihre Rechte protestiert hatten. Deshalb ist ihre Botschaft auch eine andere. Schon als Frankfurter Fans Ende November mit Raketen für eine Unterbrechung des Bundesliga-Spiels in Köln sorgten, war das ein pervertierter Ausdruck eines elitären Selbstverständnisses. Um das wahrzunehmen, müsste sogar nicht einmal die Frage geklärt werden, die Reschkes Darstellung des Geschehens in Barcelona aufwirft. Jene also, ob die zwei Augenzeugen des Hessischen Rundfunks am Dienstagabend simultan halluzinierten, als ihre Blicke vom Rasen auf die Ränge wanderten. Weit wichtiger und drängender ist die Frage, welchen Schluss die Verantwortlichen von Eintracht Frankfurt aus dem Selbstbild ihrer auffälligsten Fans ziehen.
