Der Airbnb-Stil Viele Airbnb-Vermieter beherrschen die hohe Kunst der Konfliktvermeidung. Auch im Interieur. Nichts darf zu persönlich sein, nichts zu teuer, zu billig, zu empfindlich. In der Praxis sieht das oft so aus: weiße Wände, helles Holz, graues Sofa, Nespresso-Maschine. Dazu ein paar Eames-Fakes, eine Kunstpflanze und ein gerahmter Stadtplan, damit man zumindest weiß, wo man sich befindet, wenn man es schon nicht an der Ausstattung erkennt. Wer eine Airbnb-Wohnung betritt, ahnt sofort, wo die Weingläser stehen, egal ob in Lissabon, Leipzig oder Ljubljana. Am Ende stehen sie dann doch ganz woanders, weil die Person, die die Wohnung eingerichtet hat, selbst davon keine Ahnung hat. Es wäre alles halb so schlimm, wenn dieser Stil nicht auf Wohnungen übergreifen würde, die als „furnished Apartments“ den Markt überschwemmen. Weil das so gut funktioniert, bleibt zu befürchten, dass wir mit diesem Graus noch eine ganze Weile werden leben müssen. Die Berliner Wand Die unverputzte Wand – Betonung auf die, es war meistens nur eine – war Berlins erfolgreichster Beitrag zur Wohnungsgestaltung seit der Ofenheizung. Anders als der Industrial Style, mit dem Menschen, deren schwerstes Werkzeug oft das Macbook ist, gern härtere Lohnarbeit romantisieren, dürfte die Berliner Wand eher zufällig entstanden sein. Irgendwo fiel der Putz ab, man hatte kein Geld oder keine Lust, ihn wieder aufzutragen, und plötzlich lag da diese raue Fläche frei. In einer Stadt, die sich nach 1990 pausenlos neu erfand, war so eine Wand der beste Beweis, dass wenigstens etwas alt geblieben war. Vor ihr konnte man sehr teure Möbel aufstellen, ohne sich dem Vorwurf der Bourgeoisie auszuliefern. Zügig wanderte die Berliner Wand, die es natürlich auch in anderen Städten gab (außer vielleicht in München), in Cafés, Agenturbüros, Boutique-Hotels und Neubauten. Mittlerweile ist aber vielen gedämmert, dass auch Putz und Tapete ihre Vorzüge haben. Hygge Wie kapituliert man möglichst gemütlich vor einer ungemütlichen Welt? Richtig: Kerze an, Wollsocken hoch, Realität raus. Und Zimtschnecken natürlich. Irgendwann merkte jemand, dass die Dänen einen schönen Begriff dafür haben: Hygge. Vor zehn Jahren war er derart omnipräsent, dass er nicht nur auf der Blacklist distinguierter Einrichtungsmagazine landete, sondern auch auf der Oxford-Shortlist zum Wort des Jahres. Das Problem an Hygge war nie die Gemütlichkeit selbst, die immerhin eine große zivilisatorische Leistung ist, sondern ihre Kommerzialisierung. Aus einem sozialen, atmosphärischen, schwer übersetzbaren Begriff wurde ein leicht kopierbarer Stil, der nicht immer die gewünschte Wirkung erzielte. Dann kam Japandi, die asketischere Nachfolgebewegung. Und mit ihr der Chandigarh-Stuhl, den Pierre Jeanneret in den Fünfzigern als schlichtes, robustes Massenmöbel für Behörden in einer indischen Planstadt entworfen hatte. Nun wurde es zum Distinktionsobjekt für Menschen, die sehr wenig besitzen möchten, aber bitte erkennbar das Richtige. Millennial Pink Es wäre übertrieben, einer einzelnen Frau die Entdeckung einer neuen Farbe zuzuschreiben, aber Ehre, wem Ehre gebührt: Im Juni 2014 eröffnete India Mahdavis rosafarbener Speisesaal der Gallery at Sketch in London, und plötzlich sah die Farbe nicht mehr nach Mädchenzimmer aus. Ihr Rosa war weich, aber nicht süß; feminin codiert, aber angeblich jenseits alter Geschlechterklischees. Es war urban, selbstbewusst, leicht ironisch. Spätestens als Pantone 2016 den Ton zur Farbe des Jahres erklärte, war es mit der Unschuld vorbei. Millennial Pink, so hieß es nun, tauchte überall auf: in Cafés, auf Sofas, Verpackungen, Buchcovern, Kosmetik, Start-ups. Es vertrug sich mit Messing, Marmor, Alt- und Neubau, machte Räume weich, ohne sie altmodisch wirken, und Marken zugänglich, ohne sie billig aussehen zu lassen. Das war natürlich auch seine Schwäche. Millennial Pink wurde so kompatibel, dass es austauschbar war. 2022 überarbeitete Mahdavi den rosa Raum. Die neue Farbe: Chartreuse, ein warmes, goldenes Gelb. Der „Eames Lounge Chair“ Der „Eames Lounge Chair“ ist so etwas wie der 911er der Wohnungseinrichtung: offiziell zeitlos, praktisch teuer und – pardon – ziemlich einfallslos. Natürlich könnte man einwenden: Wozu verbessern, was schon perfekt ist? Nur hatten Charles und Ray Eames, als sie 1956 angeblich den Komfort eines gut eingesessenen Baseballhandschuhs in ein Möbel übersetzen wollten, vermutlich nicht im Sinn, dass aus ihrer modernisierten Version des Ohrensessels einmal der Thron des aufgeklärten Selbstoptimierers werden würde. Und würden sich beim heutigen Preis wohl wundern, wie ein Möbel, das eigentlich nur gemütlich sein sollte, so viel soziale Distanz erzeugen kann. Die Monstera Es gab eine Zeit, da wucherte neben jedem dünnbeinigen Vintage-Sideboard designbewusster Städter eine Pflanze, deren Blätter aussahen, als hätten sie Architektur studiert. Die Monstera war Urwald im Keramikübertopf, Urban Jungle ohne Erde unter den Fingernägeln, Boheme ohne Chaos, Tropen ohne Flugscham. Vor allem aber war sie fotogen. Die Monstera kam natürlich nicht allein, sie war Teil einer größeren grünen Mid-Century-Restauration, die durch Altbauwohnungen, Concept Stores und Coffee Shops zog. Mit ihr kamen Eames-Stühle, String-Regale, Teakholz, Messingleuchten, Kelims, Kakteen und eine Idee, die revolutionär wirkte, aber uralt war: Dass ein Raum erst lebendig wird, wenn etwas darin Photosynthese betreibt. Dabei ist der Grund für ihre große Verbreitung vor allem, dass sie nicht nur genügsam vermehrungsfreudig ist, sondern auch erstaunlich leidensfähig. Terrazzo Seine große Blüte erlebte Terrazzo in Deutschland zur Gründerzeit. Er war nicht nur ansehnlich, sondern auch günstiger und – schönes deutsches Wort – gebrauchstauglicher als viele andere Böden. Terrazzo lag in Schulen, Rathäusern, Wohnblöcken, wurde also im Grunde überall hingelegt, bis man ihn nicht mehr sah. Dann kam die Gegenwart mit ihrer unerschöpflichen Fähigkeit, das Übersehene zur Entdeckung zu erklären. Terrazzo wanderte auf Tische, Küchen, Fliesen und sogar Teppiche. Nun konnten ihn sich auch jene ins Haus holen, die nicht den ganzen Boden erneuern wollten. Und jene, die genau das Gegenteil wollten, wie Max Lamb, der auf der Mailänder Möbelmesse einen ganzen Raum in sein Terrazzo Marmoreal kleidete. Hype-Sofas Erst kam das „Togo“, die französische Schaumstoffdüne von Michel Ducaroy. Ein Sofa ohne Beine, das jedem, der auf ihm saß, das Aufstehen fast unmöglich machte. Dann das „Camaleonda“, Mario Bellinis modularer Polsterbaukasten für Menschen, die sich selbst beim Sitzen Optionen offenhalten möchten. Beide stammen aus einer Zeit, in der das Wohnen informeller, weicher, körperlicher werden wollte. Mit dem Revival der Siebziger kamen sie nach Jahrzehnten ergonomischer Selbstoptimierung wieder in der Gegenwart an. Warum ausgerechnet die beiden für eine Renaissance auserkoren wurden? Man weiß es nicht. Durch Instagram wurden sie jedenfalls zu Heiligenbildern einer neuen Lässigkeit. Man sah sie bei Influencern, Schauspielern und Architekten. Und bald in Varianten, die zwar günstiger waren, aber nur noch entfernt so taten, als hätten ihre Erbauer das Original je von Nahem gesehen. Ikea-Boho 2015 erinnerte Ilse Crawford die Welt daran, dass Wohnen nicht nur visuell ist. Wie fühlt sich eine Oberfläche an? Was macht ein Bambusschirm mit einer nackten Glühbirne? Wie arbeitet es sich an einem Schreibtisch aus Kork? Ihre erschwinglich-sinnliche „Sinnerlig“-Kollektion für Ikea war die große Entspannungsgeste nach Jahrzehnten überkühler Eleganz. Mit Rattan, Bambus, Seegras, Kork, Leinen, Keramik kam wieder Leben ins Haus. Es war die Rückkehr des Berührbaren. Crawfords Ikea-Korkmöbel werden inzwischen auf Vintage-Plattformen gehandelt; die Leuchte blieb. Sie ist mittlerweile ein Klassiker im Ikea-Sortiment. Marie Kondo Does it spark joy? Falls sich Ihnen bei diesem Satz nicht die Nackenhaare aufstellen, herzlichen Glückwunsch. Sie haben Marie Kondo überlebt. Die Aufräum-Methode der Japanerin überrollte 2019 Deutschland. T-Shirts wurden gerollt, Socken ordentlich gefaltet, und Dinge, die man nicht mehr brauchte, wurden nicht einfach entsorgt, sondern erst noch höflich verabschiedet. Aus dem Anti-Konsum-Impuls wurde schon bald eine neue Konsumkultur der Boxen, Einsätze und Körbe. 2023 war der Hype größtenteils vorbei, und Kondo selbst gab zu, dass nach ihrem dritten Kind nun auch ihr Zuhause unordentlich sei.
