Wer die Spannungen über Grönland entschärfen könne, wurde der finnische Präsident Alexander Stubb am Mittwochmorgen in einer Davoser Debatte gefragt. Der antwortete, wie aus der Pistole geschossen: „Mark Rutte“. Der NATO-Generalsekretär lachte, das Publikum auch. Er wirkte äußerst entspannt dabei. Sieben Stunden später trafen Rutte und US-Präsident Donald Trump zusammen. Nach dem Treffen veröffentlichte Trump eine Nachricht auf seiner Plattform „Truth Social“, die alles veränderte: Er werde keine Strafzölle verhängen, wie er sie gegen acht europäische Staaten von Februar an angedroht hatte. In dem „sehr produktiven Treffen“ mit Rutte hätten sie „den Rahmen für ein künftiges Abkommen in Bezug auf Grönland und tatsächlich die gesamte Arktisregion geschaffen“, schrieb Trump. „Diese Lösung wird, wenn sie umgesetzt wird, für die Vereinigten Staaten von Amerika und alle NATO-Staaten von großem Nutzen sein“, hieß es weiter. Großes Aufatmen, besonders in Europa. Damit war die Krise erst einmal entschärft, die seit Samstag mit Trumps Zolldrohungen aus dem Ruder zu laufen schien. Die Staats- und Regierungschefs, die am Donnerstagabend in Brüssel zu einem informellen Europäischen Rat zusammenkommen wollten, konnten erst einmal einen Gang zurückschalten. Bis zu 18 US-Einrichtungen gab es auf Grönland Was der „Rahmen“ zu Grönland enthält, blieb allerdings zunächst nebulös. Als Trump später von Reportern gefragt wurde, ob der Besitz Grönlands dazugehöre, antwortete er: „Es ist der ultimative Langzeit-Deal.“ Er betreffe die Sicherheit und Mineralien. Wie lange? „Unendlich. Es ist für immer.“ Rutte sagte am Donnerstagmorgen dem Fernsehsender Bloomberg TV, es gehe um zwei Arbeitsstränge. Zum einen gehe es um eine engere Zusammenarbeit der sieben Verbündeten im hohen Norden, um sich besser gegen „jeglichen Gegner“ zu schützen, da werde die NATO „stark involviert“ sein. Zum anderen gehe es um die Wirtschaft und um die militärische Lage von Grönland im Besonderen. Das Thema Souveränität habe man „überhaupt nicht diskutiert“. Über die Militärpräsenz der USA müssten nun Amerikaner, Dänen und Grönländer verhandeln. In NATO-Kreisen wurde bestätigt, dass es durchaus in dem Gespräch darum gegangen sei. So solle das Abkommen von 1951 zwischen Washington und Kopenhagen zur Verteidigung Grönlands „überarbeitet“ werden. Das schließe die Aufnahme der von Trump geplanten Raketenabwehr „Golden Dome“ ein, die in Grönland stationiert werden soll und wohl weitere Stützpunkte dort erfordert. Im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg unterhielten die USA bis zu 18 Einrichtungen mit rund 10.000 Soldaten auf der eisigen Insel. Geht es aber nur um mehr Soldaten oder auch um eine Übertragung der Militärbasen an die USA? Wie die F.A.Z. noch am Mittwochabend von zwei Quellen aus NATO-Kreisen erfuhr, hatte die Allianz für das Treffen zwischen Rutte und Trump einen Vorschlag ausgearbeitet, der sich an der britischen Militärpräsenz auf Zypern orientierte. Dort verfügt London über zwei Luftwaffenstützpunkte, Akrotiri und Dhekelia, die zum britischen Staatsgebiet gehören. Diese Gebiete blieben beim Vereinigten Königreich, als die Kolonie Zypern 1960 unabhängig wurde. Ihr Status ist in dem Vertrag geregelt, mit dem die Republik Zypern geschaffen wurde. Aus Kopenhagen kommt Widerspruch Die beiden Militärstützpunkte werden als britisches Überseegebiet geführt und stehen als „Sovereign Base Areas“ unter der Verwaltung des britischen Verteidigungsministeriums. Allerdings gibt es Einschränkungen: Sie dürfen allein für militärische Zwecke genutzt, also nicht wirtschaftlich ausgebeutet werden. Das Zahlungsmittel dort ist der Euro, und Zyprer, die in Dörfern innerhalb der militärischen Zone leben, behalten ihre zyprische Staatsangehörigkeit. Es blieb am Donnerstag offen, ob und wie weit Rutte und Trump solche Details erörtert haben. Das Insistieren des US-Präsidenten auf einem „ewigen Deal“ legt eine Veränderung des rechtlichen Status der US-Truppen auf Grönland nahe. Bislang sind sie dort nur zu Gast, wenn auch ohne Enddatum. Doch kam aus Kopenhagen prompt Widerspruch. Der betraf nicht einen möglichen Ausbau des militärischen Engagements der Amerikaner. Dafür hat man sich trotz allen Streits stets offen gezeigt. Dass sich daran nichts geändert hat, machte Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen am Donnerstag deutlich. „Höchstwahrscheinlich wird es in Zukunft notwendig sein, dass die Amerikaner eine weitere militärische Präsenz aufbauen können“, sagte Poulsen. Nuuk hat kein Veto Eine ganz andere Frage aber ist aus dänischer Sicht, ob die Amerikaner auf dem Gebiet dieser Stützpunkte künftig das Hoheitsrecht haben sollen. Die „rote Linie“ sei die territoriale Integrität des dänischen Königreichs, hatte Ministerpräsidentin Mette Frederiksen zuletzt im Ringen mit Amerika oft wiederholt. Die „roten Linien“ Dänemarks seien dieselben wie bisher, sagte sie nun. Man werde natürlich keine Souveränität abgeben, und die Zukunft Grönlands werde von Grönland selbst bestimmt werden. Rutte habe kein Mandat, im Namen Grönlands und Dänemarks zu verhandeln. Auch Poulsen stellte klar, dass Rutte „keine Verhandlungen mit den Amerikanern über das Königreich Dänemark geführt hat“. Frederiksen gab an, man sei bereit, über alles Politische, etwa über Sicherheit, Investitionen und Wirtschaft zu verhandeln – nicht aber über die Souveränität. Heikel ist die Sache für Kopenhagen auch deswegen, weil fraglich ist, ob die mögliche Abgabe von Souveränität auf Teilen des grönländischen Territoriums durch Dänemark überhaupt möglich ist. Grönland ist ein teilautonomer Teil des Königreichs, aber Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik entscheidet formell Kopenhagen. Wenn diese allerdings Grönland „spezifisch“ betreffen, muss laut dem grönländischen Selbstverwaltungsgesetz Nuuk zurate gezogen werden. Das heißt, Grönland muss angehört werden, hat aber in der Sache kein Veto. Starmer weitet den Blick Faktisch aber bemüht man sich in Kopenhagen seit Längerem darum, die Grönländer als Partner auf Augenhöhe zu zeigen, auch um sie im Königreich zu halten. Denn die Insel strebt in die Unabhängigkeit. Frederiksen betonte nun, die dänische Regierung habe während des gesamten Prozesses ihre Bemühungen mit der grönländischen Regierung koordiniert. Der enorme Druck Amerikas hat Kopenhagen und Nuuk zusammengeschweißt. Eine Unabhängigkeit ist in weite Ferne gerückt. Würde Kopenhagen nun über die Köpfe von Nuuk hinweg über Fragen des Hoheitsrechts entscheiden, dürfte das die Fliehkräfte beschleunigen. Der britische Premierminister Sir Keir Starmer empfing am Donnerstag Frederiksen zu bilateralen Gesprächen auf seinem Landsitz Chequers nahe London. Nun könnten „die schwierigen Meter“ auf dem Weg zur Sicherung der Arktis in Angriff genommen werden, sagte Starmer. Es sei gut, dass die Androhung neuer Zölle gegen das Vereinigte Königreich vom Tisch sei. Starmer bemühte sich, den Konflikt nicht auf eine Auseinandersetzung zwischen Grönland oder Dänemark und Washington zu begrenzen, sondern den Fokus auf die gesamte transatlantische Gemeinschaft zu weiten. Er sagte, es gehe auf diesem Weg darum, „die Sicherheit für unser Land, für Europa und auf dem ganzen Erdball“ zu erhöhen. NATO-General: Wir sind bereit Eine Rolle spielte bei der Einigung nun auch die Frage der Ressourcen – auch wenn Trump in Davos sagte, Amerika brauche die Insel nicht deswegen. In Davos hieß es, die USA könnten ein Vetorecht erhalten bei Investitionsabsichten von Nicht-NATO-Mitgliedern in den Rohstoffabbau. Das soll Russland und China daran hindern, die Reichtümer der Insel auszubeuten. Entscheiden müsste darüber die Regierung in Nuuk. Denn Rohstofffragen sind Sache Grönlands. In Nuuk hatte man trotz allen Streits stets signalisiert, offen zu sein für ein verstärktes wirtschaftliches Engagement der Amerikaner. Ob das aber so weit geht, dass diesen ein permanentes Vetorecht zugestanden wird, wird sich zeigen. Souveränitätsfragen sind heikel in Nuuk, und Trumps Vorgehen hat tiefe Wunden hinterlassen. Schon bisher übten die USA, was die Rohstoffe angeht, großen Einfluss aus. Bis 2019 waren chinesische Staatsunternehmen in Grönland aktiv, vor allem im Bereich der Seltenen Erden. US-Vertreter warnten Kopenhagen damals vor den geopolitischen Risiken. Die übten dann Druck auf die grönländische Regierung aus, daraufhin unterband diese die Beteiligung chinesischer Firmen an den Projekten. Allerdings gab es danach kaum amerikanische Firmen, die tätig wurden. Zwar sind die Rohstoffvorkommen in Grönland immens. Doch gilt der Abbau aufgrund der Witterungsbedingungen bisher als nicht wirtschaftlich. In Brüssel äußerten sich die obersten Militärs der NATO am Donnerstag zurückhaltend zu den Vereinbarungen von Davos. Dänemark, Grönland und die USA hätten einen Rahmen gesetzt, sagte der Vorsitzende des Militärausschusses, der italienische Admiral Giuseppe Cavo Dragone. „Wir warten auf Anweisungen.“ General Alexus Grynkewich, der Oberbefehlshaber für Europa, sagte zu einer möglichen Überwachungsmission in der Arktis: „Wir sind bereit. Wir verfügen über umfangreiche Fachkenntnisse.“ Hinsichtlich der Sicherheit sei die wachsende Zusammenarbeit zwischen Russland und China in der Arktis sehr beunruhigend. Man beobachte das sowohl auf See als auch in der Luft, wo Langstreckenbomber gemeinsame Patrouillen flögen.
