Leïla Slimani war 2014 auf einmal da, mit einer klaren, harten, fast atemlosen und zugleich berührenden Sprache, mit der sie sofort einen völlig eigenen Ton gefunden hatte. Und sie fiel auf mit einem Sujet, das den Erwartungen zuwiderlief. Die junge französisch-marokkanische Schriftstellerin schrieb in ihrem ersten Roman „All das zu verlieren“ über eine sexsüchtige Frau. Eine, die gar nicht anders kann, als sich immerzu auszuliefern und zu verausgaben, sich zu verletzen und sich verletzen zu lassen, ruhelos, getrieben, die überall mit Männern schläft, während sie zugleich ein bürgerliches Leben führt, in Paris als Journalistin arbeitet, mit einem Arzt verheiratet ist, der von ihrer Nymphomanie nichts weiß und mit ihr einen kleinen Jungen hat. „All das zu verlieren“ „Warum haben Sie Ihr erstes Buch über eine Nymphomanin geschrieben?“, wurde Slimani gefragt, als sie zwei Jahre später den renommierten Prix Goncourt für ihren Roman „Dann schlaf auch du“ schon gewonnen hatte. Und Leïla Slimani fragte zurück: „Warum nicht?“ Von Anfang an habe sie keine Lust gehabt auf „diese Idee der Frau als positive Figur“, sondern habe über eine Frau schreiben wollen, die feige sei und schwach, die lügt und zerstört. „Nur wusste ich lange nicht, was der Motor meiner Antiheldin sein könnte.“ Dann habe sie eine Dokumentation über Dominique Strauss-Kahn, den ehemaligen Direktor des Internationalen Währungsfonds, und dessen Sexsucht gesehen. „Und da wusste ich, dass ich über eine Frau schreiben will, die unter diesem Zwang leidet.“ Sie habe viel recherchiert, viele Berichte gelesen, mit Betroffenen in Foren gesprochen. Die Verzweiflung dieser Menschen sei entsetzlich. Sie verspürten ständig den Drang, von einem anderen Körper gepackt zu werden, müssten sich fühlen und empfänden dabei am Ende aber überhaupt nichts. „Es ist einfach nie genug, nie.“ Dominique Strauss-Kahn, dem vor seinem Sexskandal im Jahr 2011 sogar Chancen auf das französische Präsidentenamt eingeräumt worden waren, wurde während einer privaten Reise am John-F.-Kennedy-Flughafen in New York wegen des Vorwurfs versuchter Vergewaltigung, sexueller Belästigung und Freiheitsberaubung eines Zimmermädchens des New Yorker Hotels Sofitel festgenommen. Um Vergewaltigung und Freiheitsberaubung allerdings geht es in dem, was Leïla Slimani schildert, nicht. Adèle, wie ihre weibliche Hauptfigur heißt, hat innerhalb des Kontextes, in dem sie arbeitet, keine Machtposition inne und bringt nicht andere unter ihre Kontrolle, indem sie ihnen Gewalt antut (die Strauss-Kahn abstritt und für die er strafrechtlich nicht belangt werden konnte). Vielmehr lässt sich das, was sie vollzieht und was Slimanis Roman seriell schildert, eher in der paradoxalen Figur der versuchten Selbstermächtigung durch Selbsterniedrigung beschreiben. Adèle erobert reihenweise Männer. Aber es ist eben nicht nur der befreundete Kollege, durch den ihr Doppelleben irgendwann auffliegt. Es sind auch bezahlte Männer, von denen sie sich brutal schlagen lässt: „Sie war es, die gesagt hat: ‚Das reicht nicht‘, die geglaubt hatte, mehr ertragen zu können. Fünfmal, vielleicht zehn-, hat er ausgeholt und sein spitzes knochiges Knie auf ihre Scheide krachen lassen.“ Leïla Slimani wurde am 3. Oktober 1981 in Rabat geboren und wuchs mit ihren beiden Schwestern dort auf. Ihre Mutter, eine Elsässerin mit algerischen Wurzeln, war Ärztin. In ihrer Familie wurde Französisch gesprochen. Ihr Vater war von 1977 bis 1979 Wirtschaftsminister von Marokko, später leitete er eine Bank. 2002 wurde er wegen Veruntreuung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, 2010 posthum rehabilitiert. Im Elternhaus wurde Französisch gesprochen. Nach der Schule ging sie zum Studium nach Paris an die Eliteuniversität Sciences Po und berichtete als Journalistin für die Zeitschrift „Jeune Afrique“ über nordafrikanische Themen. „Sex und Lügen“ Als sie ihren ersten Roman veröffentlicht hatte, ging sie auch auf Leserreise nach Marokko. Damals kamen Frauen auf sie zu und erzählten ihr von ihrem Verhältnis zum Sex. Obwohl sie in den Städten lebten und emanzipiert waren, fühlten diese Frauen sich nicht frei. Es gab immer noch Gesetze, nach denen Menschen für vor- oder außerehelichen Sex eingesperrt werden konnten. Sie wurden selten angewandt, waren aber da. Und so berichteten ihr die Frauen, wie sie unter dem ständigen Versteckspiel litten. Manche hatten sich sogar ihre Jungfräulichkeit zurückbilden lassen, um einen Ehemann zu finden. „Sex und Lügen“ (2018) heißt das Buch, das Leïla Slimani aus diesen „Gesprächen mit Frauen aus der islamischen Welt“ gemacht hat. Sie hat darin auch auf Adèle Bezug genommen. Denn für sie steht ihre weibliche Hauptfigur, die im Roman maghrebinische Wurzeln hat, für Marokko und seine Schizophrenie. Das Ehe-, Familien- und Erbrecht beruht noch immer auf der Scharia. Zugleichs, so die Autorin, seien die Marokkaner große Pornokonsumenten. Abtreibungen sind verboten. Slimani zufolge werden davon täglich aber um die 600 vorgenommen. „Mein erster Roman“, schreibt sie in „Sex und Lügen“, „ist deshalb keine Ausnahmeerscheinung. Ich würde sogar sagen, es ist kein Zufall, dass ich eine Frau wie Adèle erschaffen habe: eine frustrierte Frau, die lügt und ein Doppelleben führt. Eine Frau, die von Gewissensbissen und ihrer eigenen Unaufrichtigkeit zerfressen ist, die Verbote umgeht und keine echte Lust empfindet. Adèle ist in gewisser Weise eine etwas überspannte Metapher für die Sexualität junger Marokkanerinnen.“ 2019 gehörte Slimani auch zu den Initiatorinnen eines Manifests, das sich gegen die Strafbarkeit von außerehelichem Sex und Schwangerschaftsabbrüchen in Marokko positionierte. Innerhalb weniger Tage unterzeichneten Tausende Marokkanerinnen und Marokkaner den Onlineaufruf und lösten eine große öffentliche Debatte aus. „Dann schlaf auch du“ Dass ihr erster Roman dennoch sehr wohl eine Ausnahmeerscheinung war, liegt an diesem schnellen, direkten Slimani-Ton, der auf Umschweife gerne verzichtet. Es ist eine Sprache, für die sie 2016 für „Dann schlaf auch du“ – das Buch verkaufte sich in Frankreich über eine Million Mal und wurde in 40 Sprachen übersetzt – den Prix Goncourt bekam. Diesmal allerdings ging es nicht um Sex, sondern um Mord: „Das Baby ist tot“, lautet der erste Satz des Romans, ein paar Absätze weiter erfährt man, dass auch die Schwester des Babys ihren Verletzungen erliegen wird. Zwei Kinder sterben, erstochen von ihrer Nanny auf den ersten drei Seiten. Dann geht Slimani in der Zeit zurück, erzählt vom sehr normalen Alltag einer ganz normalen Familie: Paul und Myriam sind „Bobos“, bourgeois et bohèmes, wie man sie treffender nicht beschreiben könnte. Sie sind beide Mitte dreißig, Paul ist Musikproduzent, Myriam Juristin, sie leben im 10. Arrondissement in Paris. Als sie Kinder bekommen, suchen sie eine Nanny – und finden Louise. Den Plot für ihren Roman hatte Slimani einige Jahre zuvor in einer Zeitung gefunden: 2012 erstach eine Nanny in der Upper East Side die beiden Kinder, auf die sie aufpasste. Ohne Motiv und ohne Grund. Sie hatte Geldprobleme und fühlte sich in eine Sackgasse gedrängt. Leïla Slimani erinnerte die Meldung an den französischen Schriftsteller Emmanuel Carrère und seinen Non-Fiction-Roman „Amok“, in dem ein Mann eines Tages seine gesamte Familie niedermetzelt, nur dass Slimani ihre eigene Perspektive fand – als Frau, Ehefrau, Mutter und Schriftstellerin. Sie erzählt die Kindsmordgeschichte vor dem Hintergrund der Klassenfrage und verarbeitet Anspielungen auf „Nannygeschichten“ der Film- und der Literaturgeschichte: von der amerikanischen Filmproduktion „Die Hand an der Wiege“ bis hin zu Pamela Travers’ „Mary Poppins“. Ende 2017 ernannte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron Slimani – nachdem sie einen Posten als Ministerin für Kultur abgelehnt hatte – zur Beauftragten zur Pflege des französischen Sprachraums. Dabei sollte sie „das Verhältnis zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien verändern und es auf Augenhöhe heben“. Macron hatte bereits auf der Frankfurter Buchmesse, deren Gastland Frankreich 2017 war, Slimanis Namen exemplarisch für seine Überzeugung genannt, „dass Lesen und Literatur einer Gesellschaft dabei helfen können, sich besser zu verstehen“. Die Schriftstellerin, die sich parteipolitisch nicht engagiert, hatte Macron und seine Bewegung „En Marche !“ im Wahlkampf gegen den rechten Front National unterstützt und der Delegation um Macron angehört, die Marokkos König Mohammed VI. und dessen Familie einen Freundschaftsbesuch abstattete. Das Amt der Botschafterin für die Internationale Organisation der Frankophonie, eine Organisation von 84 französischsprachigen Ländern, die die französische Sprache fördert, nahm sie an. Und begann zur gleichen Zeit an einer Trilogie zu arbeiten, die sich mit dem Kolonialismus auseinandersetzt und mit autobiographischen Anklängen über drei Generationen die Geschichte einer französisch-marokkanischen Familie erzählt. „Das Land der anderen“ Der erste Band dieser Trilogie, „Das Land der Anderen“, erschien 2020. Er erzählt von Mathilde und Amine, einer Elsässerin und einem marokkanischen Offizier, die kurz nach dem Krieg heiraten und sich in der Nähe von Meknès niederlassen. Ihre Geschichte orientiert sich an der Biographie von Slimanis Großeltern. Im Land der anderen leben beide: nicht nur die Französin, die sich bald damit abfinden muss, dass viele der ihr absurd erscheinenden Regeln hier für Männer und Frauen in unterschiedlicher Weise gelten. Auch Amine, der von den Besatzern „Mohammed“ genannt oder herablassend geduzt wird. Slimani schildert, welchen Druck dies auf eine Ehe ausübt und was es für eine Familie bedeutet, in einer revolutionären Situation keinem der beiden Lager anzugehören. Demütigungen und rassistische Gewalt waren in Marokko in den späten Vierziger- und Fünfzigerjahren alltäglich. Gewalt wurde dabei nicht nur von Franzosen gegen Marokkanerinnen und Marokkaner, sondern auch von den marokkanischen Nationalisten gegen französische Siedler verübt. In „Das Land der Anderen“ muss Mathilde sich in der patriarchalischen Kolonialgesellschaft Marokkos behaupten und wird doch ewig eine Fremde bleiben. Das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, kennt Slimani gut. „Manche“, hat sie 2021 in einem Interview gesagt, „sehen in mir ‚die Marokkanerin vom Dienst‘, andere wiederum die ‚bourgeoise Französin‘, die sich um nichts Sorgen machen muss. Wieder andere betrachten mich als die neue ‚Françoise Sagan‘. Ich lasse diese Zuordnungen inzwischen von mir abprallen. Wichtiger als die Frage, wer man ist, ist die Frage, was man macht. Wir werden durch unser Handeln definiert.“ Doch bleibt das Thema in allen ihren Büchern präsent: die Einsicht, dass es für sie keinen Ort zu geben scheint, an dem sie sich zu Hause fühlt, wirklich dazugehörig. „Lockdown-Tagebuch“ Kritik, insbesondere in sozialen Medien, musste Slimani für ihr in der Tageszeitung „Le Monde“ veröffentlichtes Lockdown-Tagebuch einstecken, das sie während der Corona-Pandemie auf ihrem Landsitz in der Normandie schrieb. Ihren Kindern – Slimani ist seit 2008 mit einem Banker verheiratet und hat mit ihm einen Sohn und eine Tochter – habe sie gesagt, es sei wie bei Dornröschen, das hundert Jahre schlafen musste, um nicht zu sterben, die Feen hätten sich das ausgedacht, um es zu retten, hieß es in der ersten Folge dieses Tagebuchs. „Bei uns ist es ähnlich, wir müssen uns nun ausruhen und zu Hause bleiben. Und so wie der Prinz eines Tages kam, um Dornröschen wach zu küssen, werden wir uns auch bald wieder küssen.“ In einem großen Landhaus in der Normandie eingesperrt zu sein, sei keine Qual, das seien Ferien, hieß es auf Twitter. Wieso es keine Tagebücher gebe von Frauen, die sich jetzt zu Hause von ihren Ehemännern verprügeln lassen müssten, von Franzosen mit kleinem Gehalt, von all jenen, die in den Vororten von Paris lebten, und von allen Franzosen, die keinen Notausgang aus dieser Krise hätten, schrieb ein anderer. Eine Kritik, die Slimani weder überraschte noch verletzte: „Frankreich ist ein zutiefst gespaltenes Land, das unter großen sozialen Ungerechtigkeiten leidet, in dem die Wut noch immer groß ist. Und die Leute halten mich für ein Mitglied dieser Bourgeoisie, die sie so hassen. Das ist nicht das erste Mal“, sagte sie 2020 dem „Spiegel“. Ein Jahr später zog sie mit ihrer Familie nach Lissabon, um in Ruhe weiter an ihrer Trilogie arbeiten zu können. „Schaut, wie wir tanzen“ Der zweite Band, „Schaut, wie wir tanzen“ (2022), erzählt von der Tochter von Mathilde und Amine, Aïcha Belhaj, die 1968 nach vier Jahren Medizinstudium in Straßburg nach Marokko zurückkehrt. In Frankreich gehen die Studenten auf die Straße, von den Barrikaden tönt der Ruf nach gesellschaftlicher Veränderung. Doch in ihrer Heimat trifft die angehende Ärztin auf eine erstarrte Welt. Die Farm von Aïchas Vater floriert zwar, die Familie allerdings ist zerrissen. Ihr Bruder Selim verschwindet in einer Hippiekommune an der Küste und versinkt im psychedelischen Drogenrausch. „Marokko lebt hier in zwei Geschwindigkeiten. Für die Jüngeren wie das Liebespaar Mehdi und Aïcha mag in den Städten das Leben freier geworden sein, sie tanzen in Lokalen, in denen fünfzehn Jahre zuvor noch Schilder verkündeten: ,Für Marokkaner kein Zutritt‘. Auch Jimi Hendrix, Jacques Brel und Roland Barthes kann man dort begegnen. In der Provinz aber herrschen nach wie vor die ehernen Gesetze. Das Land ist bitterarm und wird von einem reichen Königshaus mit harter Hand regiert. Frauen haben kaum Rechte, Studentenrevolten werden niedergeschlagen, und die junge Generation, die nicht nur leben, sondern auch lernen will, wird vom König verhöhnt: ‚Es wäre besser gewesen, ihr wärt alle Analphabeten‘“, schrieb Sandra Kegel in ihrer Besprechung des Romans in der F.A.Z. „Trag das Feuer weiter“ In „Trag das Feuer weiter“ (2026), dem letzten Band dieser großen Familientrilogie, schließlich befinden wir uns im Marokko der Achtzigerjahre. Slimani erzählt erstmals in dieser Reihe von einer Zeit, die sie selbst miterlebt hat. Im Zentrum steht das Schicksal des Vaters, Mehdi Daoud, eines angesehenen Bankers, der in Ungnade fällt und des Betrugs bezichtigt wird – wie Slimanis Vater auch. In ihrem autobiographischen Essayband „Der Duft der Blumen bei Nacht“ (2021), in dem sie ihre Überlegungen während einer Nacht, in der sie sich freiwillig in ein Museum in Venedig einsperren ließ, festhielt, hatte die Schriftstellerin das Schicksal des Vaters schon einmal zum Thema gemacht. Doch war es dort sie selbst, die über ihren Vater spricht, in der Fiktion – so hat sie den Unterschied selbst beschrieben – lässt sie ihn vielmehr durch sie hindurch sprechen. Sie habe angefangen zu schreiben, weil sie ein starkes Ungerechtigkeitsgefühl plagte, hat Leïla Slimani im Gespräch mit der F.A.S. gesagt. In Bezug auf ihren Vater, aber auch in Bezug auf Marokko, das Land, in dem sie aufgewachsen ist und von dessen Ungerechtigkeit sie selbst profitiert habe. „Ich habe mich immer gefragt, warum das so ist, warum manche alles haben und andere nichts. Ich habe mich dafür schuldig gefühlt. Als dann mein Vater ins Gefängnis kam, war ich natürlich von der Frage besessen, ob er schuldig oder unschuldig ist, nur wurde mir irgendwann klar, dass die Frage falsch gestellt ist. Die absolute Unschuld gibt es nicht, wenn überhaupt, dann nur in faschistischen Regimen. Wo Freiheit herrscht, macht man sich zwangsläufig irgendwie schuldig, sobald man lebt, erwachsen wird, Entscheidungen trifft. Es kommt vor, dass man sich kompromittiert, verrät, lügt, sich anpasst, so tut, als ob. Ich finde das keine traurige Feststellung, ich finde das schön: Wir sind nicht unschuldig, weil wir leben.“ „Trag das Feuer weiter“ ist auch die Geschichte zweier Schwestern. Die eine, Mia, in der man die autobiographischen Züge von Leïla Slimani erkennt, reagiert, als sie sechs Jahre alt ist und ihre Schwester Inès zur Welt kommen soll, so geschockt davon, nicht mehr die einzige Tochter zu sein, dass sie sich, als ihre Mutter von der Entbindungsstation zurückkommt, weigert, das Baby zu berühren: „Das ist ein Monster. Ich will sie nicht anfassen.“ Und weil sie eine solche Abneigung gegen dieses Baby verspürt, bedeckt sie es mit Kissen und Decken – haufenweise, sodass die Schwester um ein Haar darunter erstickt. „Mia war eine Mörderin. Sie hatte töten wollen“, schießt es der Mutter durch den Kopf. Slimani knüpft hier thematisch an ihr gefeiertes Buch „Drum schlaf auch du“ an. Da ist sie dann auch wieder, „diese Idee der Frau als rein positive Figur“, auf die Slimani von Beginn an beim Schreiben keine so große Lust hatte. Ihre Romane und Bücher kämpfen für eine Gerechtigkeit für Frauen. Das heißt aber nicht, dass Leïla Slimani nicht auch über Mädchen oder Frauen schreibt, die feige sind, schwach, die lügen und zerstören. Diese Ambivalenz und ihre Schonungslosigkeit sind es, die Slimanis Bücher so eindringlich machen – und ihre Literatur so groß.
