Die Präsenz politischer Inhalte auf Tiktok hat sich der Wahrnehmung junger Menschen in Deutschland zufolge deutlich erhöht. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), die am Dienstagnachmittag vorgestellt werden soll und der F.A.Z. vorliegt, kommt zu dem Ergebnis, dass rund 80 Prozent der Fünfzehn- bis Zwanzigjährigen im Bundestagswahlkampf Anfang des Jahres „häufig“ oder „sehr häufig“ über Tiktok auf politische Inhalte gestoßen sind. Bei der Europawahl ein Jahr zuvor lag dieser Wert noch bei rund 40 Prozent. Die FES hat junge Menschen in unterschiedlich großen Kommunen in sechs Bundesländern befragt, knapp 4000 haben teilgenommen. Die Erhebung kommt zu dem Ergebnis, dass die Linke auf Tiktok zuletzt erheblich an Bedeutung gewonnen hat. Wer eine besonders häufig vertretene Partei auf der Plattform ausmachte, gab im Europawahlkampf in sechs von zehn Fällen an, dies sei die AfD. Im Bundestagswahlkampf machten nur noch vier von zehn Befragten, die eine dominierende Partei ausmachten, diese Angabe – fast genauso viele sahen die Linke ganz vorn. Alle anderen Parteien liegen abgeschlagen im einstelligen Prozentbereich und werden auf der Plattform zumindest nicht als dominant wahrgenommen. Auffällig ist, dass die Linke aus Sicht der Nutzer auf der Plattform deutlich positiver dargestellt wird als die AfD: Fast 60 Prozent derjenigen Befragten, die eine Partei besonders positiv dargestellt sehen, gaben an, dies sei die Linke. Über die AfD sagten dies weniger als 30 Prozent. Viele Männer ohne Abitur nehmen die AfD als dominant wahr Die Wahrnehmung politischer Inhalte unterscheidet sich allerdings erheblich, wenn man nach Geschlecht und formaler Bildung differenziert. Das Bild einer homogenen jungen Generation, das in der Öffentlichkeit oft gezeichnet werde, stehe den Ergebnissen der Studie entgegen, halten die Autoren fest. Für Männer ohne Abitur haben sich mit Blick auf die Plattform Tiktok zuletzt kaum Verschiebungen ergeben: Die AfD wird von ihnen dort als dominante Partei wahrgenommen, knapp 70 Prozent derjenigen, die in dieser Gruppe hierzu eine Angabe machten, sahen die in Teilen rechtsextreme Partei vorne. Die Linke holte nur marginal auf und lag im Bundestagswahlkampf bei etwas mehr als zehn Prozent. Jungen Frauen mit Abitur hingegen erschien die AfD bei der Europawahl 2024 als einzige Partei besonders häufig dargestellt zu sein, bei der Bundestagswahl 2025 wurde sie in dieser Gruppe deutlich von der Linken überholt, die jede zweite junge Frau mit Abitur, die eine Angabe hierzu machte, in dieser Phase als dominant wahrnahm. Viele junge Menschen sehen sich leicht links der Mitte Einen steilen Aufstieg legte die Linke auch mit Blick auf das Wählerpotential hin, wie die Studie verrät. Sie habe dieses binnen kurzer Zeit verdoppelt – und sei in dieser Kategorie von Platz vier auf Platz eins aller Parteien gesprungen. Immer mehr junge Menschen können sich also grundsätzlich vorstellen, die Linke zu wählen. In den Städten sei dadurch eine massive Konkurrenz zwischen SPD, Grünen und Linken entstanden, deren Potentiale sich bei jungen Menschen vielfach überschnitten. Rund 70 Prozent der Befragten sehen sich auf dem linken Teil des politischen Spektrums, ein Großteil davon moderat links. Trotz des Erfolgs der AfD sieht sich nur ein kleiner Teil der Befragten deutlich rechts der Mitte. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass junge Menschen ihre Wahlentscheidung nicht weniger ernst nehmen als ältere und sich für eine Wahlberechtigung von 16 Jahren an auch bei Bundestagswahlen aussprechen. Die Demoskopen machen eine Unzufriedenheit bei jungen Wählern aus, die etwa bei der Europawahl 2024 wählen durften, bei der Bundestagswahl im Jahr darauf jedoch nicht. Insbesondere bei denjenigen, die zum regulären Wahltermin im Herbst ihre Stimme hätten abgeben dürfen, durch das Vorziehen der Wahl aber aus der wahlberechtigten Gruppe fielen, sei die Frustration groß gewesen.
