Mit der Edition von Bruckners Taschenkalendern wurde der Forschung neben den Briefen ein zweites authentisches Materialkorpus erschlossen, das wegen seiner Banalität des Alltäglichen (Hofkapelltermine, Adressen, Haushaltsrechnungen usw.) nur mäßiges Interesse zu beanspruchen schien. Tiefere Aufschlüsse über die Person oder gar übers Werk, schon gar nicht über deren strukturelle Gemeinsamkeiten, schien es kaum zu bieten. Da verließ man sich doch lieber auf die seit jeher reichlich strömenden Anekdoten. Und da diese inzwischen doch ein wenig anrüchig geworden waren, zitierte man sie nun nach dem das schlechte Gewissen absolvierenden Vorspruch, zwar seien es nur und mit Vorsicht zu genießende Anekdoten, zum Teil Jahrzehnte später niedergeschrieben, aber sie seien doch zu bezeichnend, als dass man auf sie verzichten dürfe. Bis heute sind sie nicht totzuschlagen. Eine genauere Sichtung der Kalender förderte indes aufblitzende Notizen zutage, die einen tiefen Durchblick auf die Person und homolog aufs Werk eröffnen. Sie betreffen Julius Payers Bericht von der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition, die Schweizerreise, den Brand des Ringtheaters und Gethsemane in der Bayreuther Stadtpfarrkirche. Ein fünfter Eintrag erscheint am extremen Rand eines Blattes, datiert auf den 12. November, sicher des Jahres 1880. Die damit annoncierte Bedeutungsschwere des notierten Ereignisses steht in scheinbar groteskem Gegensatz zur Mitteilung: „Fliege mich gequält – u[nd] vernichtet.“ Die Grammatik signalisiert Atemlosigkeit Wenn wir auf alle Anekdoten verzichten, dürfen wir von dem wenigen Authentischen, das wir besitzen, nichts unbeachtet lassen, auch wenn es auf den ersten Blick noch so kurios sein mag. Offenbar erleben wir Bruckner hier in einer Szene, wie sie sich immer wieder ereignet haben mag. Aber der Gedankenstrich und das triumphierende Wort „vernichtet“ deuten doch auf eine besonders zeit- und kraftaufwendige Jagd hin, die unerbittlich zu Ende gebracht werden musste – kein einfacher, kaltblütig-gezielter Schlag im präzise ergriffenen Moment. Und Atemlosigkeit signalisiert die Grammatik, die das Objekt der Vernichtung auslässt. Wir stellen uns einen höchst angespannten, durch sein Arbeitszimmer tobenden Bruckner vor, der am 5. Juni die zweite Fassung seiner 4. Symphonie mit dem neuen Finale vollendet hatte und nun an den Verbesserungen der von mehreren Kopisten besorgten Partiturabschrift sitzt. Nach den Desastern der Uraufführungen der 2. und 3. Symphonie soll nun endlich der Durchbruch gelingen. Da kann die Fliege ein böses Omen sein. „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“, dieser Spruch aus der Achtundsechziger-Revolte des vergangenen Jahrhunderts mag ein geheimer Leitspruch avant la lettre bei Bruckners Gewaltausbruch gewesen sein. Wir verstehen seine Handlungslogik, wenn wir die Vernichtung der Fliege als Ersatzhandlung deuten: In effigie, vermittelt durch die Metapher der Schmeißfliege, werden hier die Kritiker vernichtet, die bisher seinen Erfolg verhindert haben und die ihn nun bereits wieder unheilvoll umsummen. Aber diesmal kommt er ihnen zuvor. Das Mantra der (konservativen) Kritik war die „musikalische Logik“, wie sie Eduard Hanslick bei Brahms verwirklicht sah. „Organizität“ galt als das höchste Gut – als das Resultat kontinuierlicher Vermittlung aller Motiv- und Formdimensionen, die in gebändigter Einheit zur Ruhe kommen. Zu geradezu hellsichtigen Formulierungen gelangte Hanslick, als er 1885 aus Anlass eines Konzertes mit Bruckners „Mitternacht“ notierte: „Es bleibt ein psychologisches Rätsel, wie dieser sanfteste und friedfertigste aller Menschen – zu den jüngsten gehört er auch nicht mehr – im Moment des Componirens zum Anarchisten wird, der unbarmherzig alles opfert, was Logik und Klarheit der Entwicklung, Einheit der Form und der Tonalität heißt. Wie eine unförmlich glühende Rauchsäule steigt seine Musik auf, bald diese, bald jene groteske Gestalt annehmend. An genialen Funken fehlt es nicht, selbst nicht an längeren schönen Stellen. Aber man reiße aus dem Hamlet und König Lear die tiefsinnigsten Gedanken heraus, meinetwegen noch einige aus Faust dazu und bringe sie in den willkürlichsten Zusammenhang mit allerlei platten, confusen, endlos langen Reden, und frage sich dann, ob das ein Kunstwerk gibt.“ Hanslicks ästhetische Position ist kohärent, aber seine Kritik erreicht einen Komponisten nicht, der deren Voraussetzungen nicht teilt. Wohl aber gelingt dem Kritiker unfreiwillig die treffliche Charakterisierung einer musikalischen Physiognomie, die an die Stelle von totaler Vermittlung und Einheit die Balance einander widerstrebender dramatischer Ereignisse gesetzt hat. Balance als unabschließbare Aufgabe bleibt prekär, und deshalb treibt sie intern das einzelne Werk und insgesamt das Œuvre voran. Bruckner hatte nicht die theoretischen ästhetischen Mittel, um Hanslick auf seinem Feld Paroli bieten zu können, aber er konnte paradigmatisch eine Fliege erschlagen und mit diesem Akt der Disruption seine (implizite) Ästhetik der Balance höchst bildhaft artikulieren.
