FAZ 19.12.2025
10:31 Uhr

Einbruch der Nachfrage: Weniger Fahrschüler wegen Führerscheinreform


Der Führerschein wird immer teurer. Die angekündigte Reform der Ausbildung  schürt bei Fahrschülern Hoffnungen auf künftig niedrigere Kosten. Für Fahrschulen hat das aber schon jetzt Konsequenzen.

Einbruch der Nachfrage: Weniger Fahrschüler wegen Führerscheinreform

Zahlreichen Fahrschulen im Rhein-Main-Gebiet drohen erhebliche Umsatzeinbußen. Die Hoffnung, dass der Führerschein schon nächstes Jahr billiger werden könnte, hat offenbar dazu geführt, dass viele Fahrschüler bei ihrer Ausbildung auf die Bremse treten. Nach Auskunft der Branchenvereinigung Moving hat die Ankündigung von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU), die Fahrausbildung reformieren und damit günstiger machen zu wollen, einen regelrechten Einbruch der Anmeldungen in Fahrschulen verursacht. Insbesondere in größeren Städten wie Hamburg und Frankfurt habe der Rückgang im November bis zu 50 Prozent betragen. Schnieders „unausgereifter Plan“ gefährde die Branche und treibe die Kosten in die Höhe, warnen die Experten. Die Moving International Road Safety Association, in der unter anderem Fahrschulverbände organisiert sind, berichtet von einer alarmierenden Entwicklung. „Im November 2025 lagen die Anmeldungen über alle Führerscheinklassen hinweg im Durchschnitt um 20 Prozent niedriger als im November 2024“, teilte Moving mit. Schnieders Reformplan verursache „erhebliche Umsatzeinbrüche“ und führe zu einem „völlig sinnlosen Ausbildungsstau“. Jörg-Michael Satz, Präsident der Vereinigung, fordert daher Planungssicherheit für die Fahrschulen und Transparenz für die Fahrschüler, denn es sei vollkommen unklar, welcher Preisrahmen für einen Führerschein künftig als realistisch gelten solle. Schnieder hatte unter anderem angekündigt, die Präsenzpflicht beim Theorieunterricht aufheben zu wollen und dafür eine Lern-App einzusetzen. Zudem soll die Zahl der Sonderfahrten verringert und durch den Einsatz von Fahrsimulatoren ersetzt werden. Außerdem will er die Dauer der praktischen Fahrprüfung verkürzen und Fragen bei der Theorieprüfung streichen. Die vorgestellten Pläne wurden von zahlreichen Fahrlehrern im Gespräch mit der F.A.Z. als praxisfern und mitunter gar als Gefahr für die Verkehrssicherheit eingeordnet. Wartezeiten bei Prüfungen könnten noch länger werden Auch bei der Fahrschule Schwarz in Wiesbaden haben sich weniger Fahrschüler für den Autoführerschein angemeldet. „Bei Lkw- und Busführerscheinen ist alles beim Alten geblieben, ebenso beim Motorradführerschein, aber beim Autoführerschein merkt man schon, dass die Anmeldungen zurückgegangen sind“, sagt Fahrlehrer Felix Finsterseifer. Auf Nachfrage beziffert er den Rückgang auf etwa 15 Prozent. Er höre mittlerweile oft, dass die Kunden in der Hoffnung auf einen günstigeren Führerschein auf die versprochene Reform warten würden. Das aber ist seiner Einschätzung nach mehr als ungewiss. „Ich sage den Leuten, dass das im nächsten Jahr wahrscheinlich nicht der Fall sein wird und eine Umsetzung der Reform, so wie der Verkehrsminister sie vorgeschlagen hat, nicht zu 100 Prozent kommen wird“, sagt er und fügt an: „Wenn von den vorgestellten Änderungen 20 bis 25 Prozent umgesetzt werden, dann ist das schon viel.“ Fahrlehrer Finsterseifer warnt zudem vor den Konsequenzen. Wenn alle, die nun auf die Reform warten, ihren Führerschein in den kommenden Jahren machen möchten, werden die Wartezeiten bei den Prüfungen seiner Meinung nach noch länger. Dass Simulatoren den Führerschein verbilligen, bezweifelt er. „Ein Simulator kostet zwischen 30.000 und 50.000 Euro. Eine Fahrschule mit 600 B-Schülern kauft daher vier Simulatoren, und dann werden die Preise auf die Schüler umgelegt. Dadurch wird es also erst einmal nicht günstiger“, ist Finsterseifer überzeugt. „Ein Abwarten bringt keinerlei Vorteil“ Der hessische Fahrlehrerverband warnt angehende Fahrschüler auf seiner Internetseite: „So schnell werden die Führerscheinkosten nicht sinken – wenn überhaupt.“ Zusammen mit der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände berichten die Hessen, dass die Veröffentlichungen des Bundesverkehrsministeriums den Eindruck erweckt hätten, dass der Führerschein bereits nächstes Jahr billiger werde. In der Folge seien Fahrschüler verunsichert worden. „Einige möchten ihre Ausbildung verschieben, unterbrechen oder erst im nächsten Jahr beginnen“, heißt es in der Mitteilung. Es gebe aber noch gar keinen beschlossenen Gesetzesentwurf, sondern nur ein Eckpunktepapier, und die neu gebildeten Arbeitskreise würden ihre Arbeit gerade erst beginnen. Es sei daher nicht absehbar, wann und in welchem Ausmaß der Führerschein günstiger werde. Wer jetzt jedoch unterbreche, laufe Gefahr, dass der bestehende Ausbildungsvertrag ablaufe, Theorie- und Praxisanmeldungen verfielen und Unterlagen neu beantragt werden müssten. Das sorge nicht nur für Verzögerungen, sondern könne auch teuer werden. „Ein Abwarten bringt keinerlei Vorteil, weil es bis zum Sommer 2026 keine neuen Regeln geben wird“, stellt der Fahrlehrerverband klar. Ralf Kraus ist der zweite stellvertretende Vorsitzende des Fahrlehrerverbandes und kaufmännischer Leiter der Fahrschule Fahrwerk Hanslik in Maintal. Er bestätigt, dass viele Fahrschüler ihre Ausbildung unterbrechen, weil sie auf einen billigeren Führerschein hoffen. „Das geht auch meinen Kollegen so, das haben sie mir in zahlreichen Gesprächen berichtet“, sagt er. Exakte Zahlen hat er noch nicht, geht aber ebenfalls davon aus, dass der Rückgang der Anmeldungen in den größeren Städten des Rhein-Main-Gebietes bis zu 50 Prozent beträgt. Vorsitzender Frank Dreier kennt Beispiele, bei denen der Umsatz noch stärker eingebrochen ist, und hofft, dass sich die Situation wieder normalisiert. Sei das nicht der Fall, könne die Existenz von Fahrschulen gefährdet sein. Diese Befürchtung hegt auch Mario Wolff, Inhaber der gleichnamigen Fahrschule in Frankfurt-Rödelheim. „Die Anmeldezahlen sind bei uns zwischen 20 und 30 Prozent zurückgegangen“, sagt er. Viele Fahranfänger warten seiner Einschätzung nach derzeit auf konkrete Informationen, ob der Führerschein günstiger wird. Wolff geht indes nicht davon aus, dass dies der Fall sein wird. Zudem ist er der Meinung, dass die lange Ausbildungsdauer auch damit zu tun hat, dass es zu wenige Prüfungsplätze beim TÜV gibt. Für seine Fahrschule könnte die Situation bedrohlich werden, wenn sie länger anhalte. „In der Anmeldegebühr sind die Gebühren für den theoretischen Unterricht enthalten, aber auch unsere Kosten für Miete und Personal. Wenn weniger Leute kommen, macht sich das natürlich bemerkbar“, sagt der Fahrlehrer.