FAZ 14.01.2026
20:44 Uhr

Ein Besuch bei Liebhabern: Wie heutzutage Briefmarken gesammelt werden


Briefmarkensammeln ist nicht mehr so populär wie früher, aber auch nicht ausgestorben. Gesammelt wird heute eher nach besonderen Themen, wie ein Besuch bei Frankfurter Liebhabern zeigt.

Ein Besuch bei Liebhabern: Wie heutzutage Briefmarken gesammelt werden

In manchen Briefkästen findet sich dieser Tage noch verspätete Weihnachtspost zwischen Rechnungen und Werbung. Und das in einer Zeit, in der ein Brief längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist. In Dänemark etwa ist die öffentliche Briefzustellung zum Jahresende eingestellt worden, Briefmarken werden dort schon seit Wochen nicht mehr verkauft. Doch auch wer in Deutschland genauer hinschaut, entdeckt immer seltener eine klassische Briefmarke. Stattdessen steht oben rechts immer häufiger ein zweizeiliger Code, eine Kombination aus Zahlen und Buchstaben, mit dem Smartphone erzeugt, ohne Gang zur Post. Dabei gab es einmal eine Zeit, in der Briefmarken nicht wegzudenken waren. Sie gehörten zum Alltag, wurden gesammelt und getauscht. In den Siebziger- und Achtzigerjahren erreichte dieses Hobby seinen Höhepunkt. Alben füllten Regale, Vereine wuchsen, und Tauschbörsen waren gut besucht. Doch ganz verschwunden ist das Hobby nicht. Es gibt noch immer Sammler, für die die Geschichte der Briefmarke, häufig eines ganzen Briefes, erst nach der Reise wirklich beginnt. Wer sehen will, wie Philatelie heute noch praktiziert wird, muss nicht lange suchen. Frankfurt verfügt mit der Phila-Bibliothek Heinrich Köhler über eine eigene philatelistische Bibliothek, nur wenige Minuten Fußweg von der S-Bahn-Haltestelle Rödelheim entfernt. Es gibt regelmäßige Treffen und Onlinevorträge, begleitet von einem eigenen Mitgliedermagazin. Rund 25.000 Medieneinheiten beherbergt die Bibliothek. Darunter finden sich historische Preislisten, Stempelkataloge und Auktionsverzeichnisse. Monographien zur Postgeschichte Afghanistans stehen neben Gesetzesbänden zur kolumbianischen Postverwaltung des 19. Jahrhunderts. Frankfurter Sammlerverein zählt 100 Mitglieder Der Verein für Briefmarkenkunde 1878 zählt knapp 100 Mitglieder, von denen sich zweimal im Monat Gruppen in der Rödelheimer Bibliothek treffen. Zwischen Katalogen, Alben und Fachliteratur kommen hier Menschen zusammen, die sich der Postgeschichte auf unterschiedliche Weise nähern. Unter ihnen ist auch der Philatelist Björn Rosenau. Der 57 Jahre alte Sammler lebt in Frankfurt-Bornheim und sagt über sich, er sammle keine klassischen Briefmarken. Ihn faszinieren dagegen ganze Briefe. „Wir Philatelisten sagen immer, die Briefmarke flüstert, und der Brief erzählt.“ Auf dem ganzen Stück stehe oft mehr als nur das Porto. Absender, Empfänger, Laufweg, Stempel, Vermerke, Zensur und der Anlass, warum etwas so eilig war, dass es überhaupt geschrieben werden musste. „Mit einer Briefmarke oder einem Brief haben wir Sammler ein Stück Geschichte zu Hause“, sagt Rosenau, „quasi ein individuelles Museum zum Anfassen.“ Begonnen habe es bei ihm jedoch klassisch mit dem Sammeln von Briefmarken in der Familie, berichtet Rosenau. Sein Vater brachte früher Briefmarken aus dem Betrieb mit und weckte damit sein Interesse. Geboren in Uelzen in der Lüneburger Heide, dokumentiert er bis heute die Postgeschichte seiner Heimat.  Ein außergewöhnlicher Schwerpunkt kam später hinzu: Er sammelt Briefe, die einst für gefährlich gehalten wurden, die sogenannte desinfizierte Post. „Beispielsweise während der Cholera im Jahr 1833 fürchteten Menschen, sich über Briefe anzustecken. Also wurden sie beispielsweise durchlöchert, geräuchert, gebügelt, anschließend als desinfiziert markiert und mit Stempeln versehen“, erzählt Rosenau. Auch Frankfurt habe dabei eine Rolle als Umschlagplatz und Knotenpunkt des Verkehrs gespielt. Und genau dort, in dieser lokalen Geschichte, liegt für Rosenau die Faszination. In Frankfurt habe es zwei Desinfektionsstempel gegeben, einen schwarzen, der häufiger vorkomme, und einen roten, der ganz selten sei. Beim Sammeln hilft das Internet Einen Brief mit diesem roten Stempel suchte er mehr als 20 Jahre. Die Suche verlaufe selten über Tauschtage, sondern über Bildschirme. Rosenau durchforstete das Internet, meist schaute er bei Ebay, mit personalisierten Suchfiltern und Stichworten. Hinzu kam Philasearch, eine Plattform, die internationale Onlineauktionen bündelt. So kam er schließlich auch an seinen größten Schatz. Die Nachricht erreichte ihn spätabends. Es war gegen 23 Uhr, als eine E-Mail eintraf, versehen mit einem kleinen Vorschaubild. „Ich habe sofort gewusst, was ich da sehe. Ich war so aufgeregt, dass ich erst einmal aufstehen und ein paar Runden um den Block laufen musste.“ Das Stück selbst sei nicht einmal herausragend gut erhalten. „Es ist nicht einmal mein teuerstes Stück“, sagt Rosenau, „aber definitiv mein wertvollstes.“ Die Zahl der heutigen Philatelisten in Deutschland wird auf eine Million bis maximal zwei Millionen geschätzt. Dabei gab es einmal eine Zeit, in der Briefmarkensammeln ein Massenphänomen war. Viele sammelten vor allem die Neuheiten der Bundesrepublik. Über Abonnements bei der Post gelangten neue Marken in großer Zahl in die Sammlungen. Die massenhafte Verbreitung führte zu einem deutlich übersättigten Markt. Inzwischen lasse sich der Wert einer solchen Sammlung postfrischer Marken von 1949 bis in die Gegenwart, das sind 2500 bis 3000 Marken, je nach Vollständigkeit auf 800 bis maximal 1000 Euro beziffern, gibt Rosenau zu bedenken. Den Wert bestimmten ohnehin nur wenige Schlüsselstücke. Gleichzeitig gebe es weiterhin extreme Spitzen: Im Auktionshaus Heinrich Köhler in Wiesbaden würden auch Briefmarken in Millionenhöhe versteigert. „Bernd das Brot“ auf einer Briefmarke Mit dem Ende dieser Hochphase habe sich das Sammeln verändert, sagt Rosenau. Die Sammelleidenschaft löste sich von der Idee der Vollständigkeit und wandte sich zunehmend einzelnen Themen zu. „Die Briefmarke selbst ist dabei keineswegs tot“, sagt Rosenau. Am Design lasse sich noch immer der Zeitgeist ablesen: an DDR-Ausgaben Propaganda, an schwarzen Trauerrändern gesellschaftliche Konvention. Auch die Post spiele bis heute mit Trends: Es gibt Weihnachtsmarken, die mit „Tiptoi“-Stift Lieder abspielen, und sogar „Bernd das Brot“ ziert eine Briefmarke. Das Bundesfinanzministerium entscheidet dabei über Motiv und Ausgabe der deutschen Briefmarken. Es legt fest, welche Themen verwirklicht werden, während der Vertrieb bei der Deutschen Post liegt. Rund 50 neue Marken erscheinen jedes Jahr, ausgewählt aus etwa 500 Vorschlägen, die beim Bundesfinanzministerium eingehen. Zu den jüngeren Sondermarken zählt auch eine mit einem Motiv zu der im vergangenen Jahr gestorbenen Holocaustüberlebenden Margot Friedländer. Das Sammeln, sagt Rosenau, sei heute mehr als eine Jagd nach bunten Bildchen: Familiengeschichte, Sozialgeschichte, Wirtschafts- und Kriegsgeschichte, auch Social Philately genannt – darum gehe es. Wer hat wem wann geschrieben, und warum? Ein historischer Eilbrief kann heute wertvoll sein, weil er nicht nur selten ist, sondern auch einen Grund hatte: ein Kind, das im Sterben lag, ein Pastor, der dringend benötigt wurde. Wertvoll werde ein Brief vor allem dann, wenn er selten sei, etwa wenn er aus einer exotischen Destination stamme, wie Frankfurt–Japan aus der Thurn-und-Taxis-Zeit um 1860, von der es nur eine Handvoll Stücke geben soll. Oder wenn der Brief, wie Rosenau sagt, „ein Gesicht hat“, also eine auffällige Handschrift oder einen besonderen Stempel trägt. Dass Sammeln heute stärker über Wissen als über Masse definiert wird, zeigt sich auch bei Sammlerin Susanne Steinbach. Ihr Spezialgebiet ist das Eislaufen. Als Kind habe sie selbst auf dem Eis gestanden und zugleich Briefmarken gesammelt. Vor 30 Jahren, erzählt sie, sei beides zusammengekommen. Heute sammelt sie im Feld der sogenannten Open Philately. Neben Marken gehören dazu auch Münzen, Ansichtskarten, Medaillen, Urkunden und Autogrammkarten. Ein Schatz ist eine Postkarte aus dem Jahr 1902, auf der Johann Wolfgang von Goethe zu sehen ist, wie er auf dem Main Schlittschuh läuft. Dichter und Denker, sagt sie, hätten das Eislaufen im 17. und 18. Jahrhundert zu einer Freizeitbeschäftigung der bürgerlichen Mitte gemacht. Der Sport eigne sich besonders für diese Form des Sammelns. Bewegung und Ästhetik spielten ebenso eine Rolle wie Politik, Boykotte und nationale Repräsentation. Steinbach geht es nicht nur um die Motive, sondern auch um die Frage, wie sich ein kulturelles Phänomen über Poststücke hinweg erzählen lässt. Nicht alles ist wertvoll Auch Michael Hampel, Bibliothekar der Phila-Bibliothek Heinrich Köhler, gehört zu den organisierten Sammlern. Schon als Jugendlicher interessierte er sich weniger für begehrte Briefmarken oder spezielle Jahrgänge als für Themen. Dinosaurier oder Fossilien begeisterten ihn. Später studierte er Chemie. Seit mehr als drei Jahrzehnten beschäftigt er sich nun mit Chemie in der Philatelie. Seine Chemiesammlung umfasst heute drei Leitz-Ordner. Ein Kapitel seiner Sammlung widmet sich einem dunklen Thema der Geschichte: chemischen Waffen. Der Erste Weltkrieg, in dem Giftgas eingesetzt wurde, bildet einen Schwerpunkt, ebenso die Verwundeten, die Erfinder und die Entwicklung der Gasmaske. Auch lokale Spuren finden sich. So dokumentiert er die Geschichte eines Rödelheimer Unternehmens, das zunächst Automobilbrillen herstellte und später zum Lieferanten für Armee und Marine wurde. Selbst Gasmasken fanden ihren Weg auf Briefmarken. Nicht alles, was gesammelt wird, sei wertvoll, erklärt Hampel. Nur wenige Exemplare eignen sich als Wertanlage wie die „British Guiana 1 cent magenta“ von 1856. Als erste deutsche Briefmarke nimmt der 176 Jahre alte „Schwarze Einser“ eine Schlüsselstellung in der deutschen Postgeschichte ein und zählt zugleich zu den international bedeutendsten Raritäten der Philatelie. Der größte Teil dessen, was im Umlauf sei, gehöre jedoch zur Standardware. In den Vereinsräumen liegen daher immer wieder Alben, die niemand mehr haben möchte. „Jeder Sammler, der stirbt, belastet den Markt gleich zweimal, weil seine Sammlung ins Angebot drängt und zugleich ein Nachfrager wegfällt“, fügt Björn Rosenau hinzu. Wer bedeutendes Material besitze, suche meist gar nicht erst den Weg über Vereine oder Bibliotheken. „Diese Sammlungen landen direkt bei Händlern oder in Auktionshäusern“, erklärt Bibliothekar Hampel. Wie kommende Generationen in hundert Jahren auf Briefmarken und Briefe blicken werden, lasse sich kaum voraussagen. „Vielleicht wirkt Papier dann plötzlich besonders, als etwas Echtes, etwas Greifbares. Alte Dokumente wie Briefmarken und Briefe könnten eine neue Faszination entfalten“, sagt Hampel und lacht anschließend kopfschüttelnd. Gerade darin liegt möglicherweise der künftige Reiz: Was heute verschwindet, ist morgen selten und dadurch begehrt. Vielleicht liegt genau darin die Zukunft dieses selten gewordenen Hobbys, im Bewahren von Geschichte.