Kurz bevor das Jahr endet, hat Ricarda Lang ein Geschenk für Molly, den Hund von Markus Söder. Etwas verdutzt wirkt Söder, als Lang ihm beim Jahresrückblick auf RTL ein Geschenk überreicht, aber ihm bleibt trotz der jahrelangen politischen Fehde mit Lang nichts anderes übrig, als die Puppe mit dem Beißschutz anzunehmen. Der Großmeister der Grünen-Kritik versucht selbst noch ein bisschen zu beißen, sein Hund esse – wie er – gerne Fleisch. Lang könnte jetzt ein blutiges Steak aus der Tasche ziehen oder eine Moralpredigt halten. Aber sie hat nichts davon vorbereitet. Also muss Molly sich gedulden. Bei nächster Gelegenheit werde sie das nachholen. Die Grünen-Politikerin verspricht dem Tier ein Stück Tier. Es ist Dezember, es ist die Zeit des Gebens. Für die Grünen war 2025 eher das Jahr des Einsteckens. Erst verloren sie die Bundestagswahl, dann mussten sie zusehen, wie Friedrich Merz die Schulden machte, für die er die Partei im Wahlkampf noch bekämpft hatte. Auch Monate nach dem Machtverlust sind die Grünen ziemlich unsortiert. Ein paar wollen auch in der Opposition konstruktiv sein, andere fragen sich, was das heißen soll. Und die Leute wundern sich: Wer sind die Grünen nach Annalena Baerbock und Robert Habeck? Zur unübersichtlichen Lage passt, dass die prominenteste aktive Politikerin der Partei eine ist, die selbst nicht mehr in der ersten Reihe steht. Ricarda Lang ist seit mehr als einem Jahr nicht mehr Parteichefin, aber jetzt ist sie es, die bei RTL auftritt. Sie tourt durch die Republik, als wäre sie noch Vorsitzende. Wenn in Köln oder Kiel ein Grüner die Chance hat, Oberbürgermeister zu werden, fährt sie hin. In den großen Talkshows sitzt sie weiterhin, obwohl sie eigentlich nichts von Talkshows hält. Aber sie hält auch nichts davon, ausgerechnet jetzt abzutauchen. Aus grüner Sicht sind die Zeiten paradox. „Plötzlich sind wir es, die den Status quo verteidigen“, findet Lang. „Und die Reaktionären gehen voran.“ Die Grünen wollten immer die Partei sein, die an die Zukunft denkt. Jetzt verteidigen sie auf einmal die Errungenschaften der Vergangenheit: die Klimaziele, die westlich-liberale Demokratie, den Glauben, dass Ordnung besser ist als Chaos. Alles hehre Ziele, und trotzdem hat Ricarda Lang „keinen Bock“ mehr auf Verteidigung. Nur auch noch nicht auf Angriff. Lang geht es darum, erst einmal die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der nächste Angriff funktionieren könnte. „Blitzgescheit“ und trotzdem gescheitert Ihr erster Versuch ist ziemlich umfassend gescheitert. Nach einer Eilkarriere in der Partei wurde sie so jung wie noch keine Politikerin der Grünen im Februar 2022 zusammen mit Omid Nouripour an die Spitze gewählt. In Umfragen waren die Grünen damals gleichauf mit der Union. Die über Jahrzehnte gereifte Vorstellung einer grünen Volkspartei, eines grünen Kanzlers hätte unter Langs Führung Wirklichkeit werden sollen. Mit 28 Jahren schien Ricarda Lang, schwäbische Tochter einer Sozialarbeiterin und eines Künstlers, ohne eigene abgeschlossene Ausbildung, den grünen Großtraum vollenden zu können. Eine russische Invasion und eine Ampelregierung später sagte Lang in ihrer Rücktrittserklärung: „Es braucht neue Gesichter, um diese Partei aus der Krise zu führen.“ Da waren die Grünen gerade aus dem Landtag in Brandenburg geflogen. Lang sagte am Wahlabend im September 2024, was man nach Niederlagen eben so sagt. Ein paar Krisensitzungen später trat sie zurück. Irgendwann in diesen Stunden als Sprechautomat, als Beschönigerin, als Verliererin habe sie gemerkt, dass sie das nicht mehr wolle. Und auch: Dass sie nicht mehr klinge wie Ricarda Lang. Der Parteivorsitz, sagte sie später, habe sie eingeengt wie ein Korsett. Vor den Mikrofonen habe eigentlich eine andere gestanden: Eher ein Roboter Lang als Ricarda Lang. Das Scheitern der Grünen bei einer ganzen Reihe von Wahlen hatte nicht nur mit Ricarda-Roboter Lang zu tun. Aber auch. Nach und neben Robert Habeck wurde sie zur Hassfigur, über ihr Äußeres musste Lang sich Unflätigstes anhören. Sie war formal nicht Teil der Ampelregierung, aber als Parteivorsitzende saß sie in den Koalitionsrunden, die manchmal nächtelang verhandelten, um dann am nächsten Morgen zu erklären, wobei man sich zwischen SPD, FDP und Grünen nicht einig geworden sei. „Viele nehmen Politiker vor allem damit wahr, dass sie erklären, warum sie nichts an den Umständen ändern können. Hinterher haben die Leute dann noch mehr Bock auf jemanden, der mal richtig was durchzieht.“ Wolfgang Schäuble nannte Ricarda Lang einmal „blitzgescheit“. Aber während sie Parteichefin war, kam es ihr vor, als tue sie dauernd etwas ziemlich Dummes. Sie habe, berichtet sie in der Rückschau an einem Novembertag in ihrem Abgeordnetenbüro, so viele Termine gehabt, so viele Gespräche geführt, dass sie sich abends kaum noch daran erinnert habe – tiefere Gedanken? Keine Chance. Es stimme schon, sie sei immer noch viel unterwegs, sagt Ricarda Lang. Aber im Vergleich zur Zeit als Vorsitzende habe sie als einfache Abgeordnete nun viel Zeit. Die habe sie genutzt, um den eigenen Absturz nachzuvollziehen – und den der Partei gleich mit. „Wir sind in Regierungszeiten irgendwann dazu übergegangen, zu glauben, wir könnten Mehrheiten vor allem dadurch gewinnen, dass wir die eigenen Positionen abschwächen.“ Lang hält das rückblickend für einen Fehler. Es ist nicht lange her, da plakatierten die Grünen: „Zusammenhalten statt Spalten“. Jetzt sagt Lang: „Du musst auch emotionalisieren, du musst politische Gegner benennen.“ Wer Gegner sucht, braucht erst recht Freunde. Davon hat Lang im politischen Berlin viele. Sie gehört zu den Politikern, die auch in andere Parteien freundschaftliche Beziehungen pflegen. Und über Parteien hinaus. Am Abend vor dem Gespräch in ihrem Büro trifft sie sich mit Steffen Mau vor dem Deutschen Theater. Der Soziologe ist einer der Großerklärer der bundesdeutschen Gegenwart, Lang und er haben sich während der Ampelzeit kennengelernt, als seine Diagnosen in der Regierung viel gelesen wurden. Lang hat ein Buch mit einem Starsoziologen geschrieben Mit Lang zusammen stellt er an diesem Abend ein gemeinsames Buch vor. Der ostdeutsche Professor und die süddeutsche Politikerin haben ihre Gespräche darin verschriftlicht, unbescheiden geht es um die „großen Themen unserer Zeit“. Das Berliner Publikum will an diesem Abend erkennbar keine Bescheidenheit, sondern endlich jemanden, der politisch groß denkt. Das liefern Mau und Lang gerne (er redet etwas mehr, sie dafür – wie stets – schneller). Für die Bühne umstellen muss sich Ricarda Lang dafür nicht. Schon in der Garderobe hat sie mit Mau über Thesen seines Soziologenkollegen Aladin El-Mafaalani geredet, über das Bildungssystem, über ihre Erkältung, über eine Einladung für ihre Lesereise nach Sylt und über Maus Heizung. Überhaupt kann man mit Lang nicht länger reden, ohne dass sie eines der Bücher erwähnt, die Männer wie Mau oder Andreas Reckwitz oder Philip Manow geschrieben haben, um die Gegenwart zu deuten. Aber wird sozialwissenschaftliche Satisfaktionsfähigkeit den Grünen helfen? „Solange wir als Elitenpartei wahrgenommen werden, können wir uns das mit der Mehrheitsfähigkeit in die Haare schmieren“, sagt Lang dazu im Buch, das sich den für Politikerbücher seltenen Luxus gönnt, nicht für alles gleich eine Antwort vorzuschlagen. Andererseits wüsste man schon gerne, was Lang meint, wenn sie sagt, die Grünen sollten eine linke Partei sein, wenn auch nicht „klischeehaft“. Auf keinen Fall wolle sie zurück zur Identitätspolitik, da sollten die Grünen lieber „an der eigenen Substanz arbeiten“, fordert sie am Tag nach dem Theaterauftritt in ihrem Abgeordnetenbüro. Der Soziologe Mau hatte auf der Bühne die Parteien immer wieder „strukturelle Schwächlinge“ genannt. Stört sie das nicht als frühere Vorsitzende? Nein, sagt Ricarda Lang. Mau habe doch recht. Die SPD gerade? „Ein Trauerspiel.“ Die CDU? „Zerrissen zwischen einem AfD-offenen Flügel und dem ehemaligen Merkel-Lager“, sagt Lang. Die Union wisse offenbar selbst nicht mehr, was konservativ heute bedeute. „Aber auch wir müssen die Frage neu beantworten: Wofür stehen wir?“ Überhaupt sei es gerade eine „zu ängstliche Phase“. Eigentlich, findet Lang, müsste ihre Partei eine „Hoffnungsalternative“ bieten angesichts der allgemeinen Krisenstimmung, stattdessen zeige man sich selbst beim eigenen Kernthema verunsichert. „Wir haben das Versprechen eines sozial gerechten Klimaschutzes zu lange nicht klar genug ausbuchstabiert. Auch ich nicht.“ Schon wieder eine Analyse. Kommt da noch eine Antwort? „Ich habe gerade auch nicht die fertige, perfekte Strategie, wie die Grünen – oder grundlegend wir Progressiven – aus der Defensive rauskommen. Aber es formen sich zunehmend ein paar Ideen.“ Für die Klimapolitik trägt sie ihre Antwort in Fragen vor: „Wer profitiert eigentlich vom Ausbau der Erneuerbaren: Vattenfall oder die Menschen vor Ort? Wer zahlt eigentlich die Zeche: Menschen mit normalem Einkommen oder die Gas-Lobby, die über Jahrzehnte von Umweltzerstörung profitiert hat?“ Lang stellt infrage, vor allem auf individuelle Förderung zu setzen. Ihr Lieblingsmoment in der Ampelzeit war, als die Regierung das 9-Euro-Ticket erfand. Ein Angebot für viele. Ein starker Staat. In ihrer Partei ist Lang so beliebt wie vielleicht noch nie Ende November, beim Parteitag der Grünen in Hannover, sprach Lang dann doch noch Klimaklartext: Ohne Zumutungen werde es nicht gehen. „Aber ich habe keinen Bock mehr, über den CO2-Fußabdruck von Leuten mit mittlerem Einkommen zu reden, während die fossile Gaslobby über Jahrzehnte hinweg riesige Profite mit Umweltzerstörung gemacht hat“, rief sie in den Saal. Die Begeisterung, die sie damit ausgelöst hat, dürften auch die aktuellen Parteivorsitzenden Felix Banaszak und Franziska Brantner bemerkt haben. Da sprach nicht einfach eine Abgeordnete, die im Sozialausschuss sitzt, um in der zweiten politischen Karriere die Grundlagen der Ausschussarbeit nachzuholen. In den meisten sozialen Netzwerken hat Lang allein mehr Follower als Brantner und Banaszak zusammen. Lang investiert einiges an Zeit in ihren Auftritt, vor allem auf Instagram. Zu ihren Gegnern dort gehört ein Hundehalter aus einem südlichen Freistaat, aber auch Parteifreunde, die so tun, als wäre es allein die Aufgabe der Konservativen, die AfD zurückzudrängen. Immer wieder verteidigt Lang dort politische Gegner. Eine geplante Hausdurchsuchung bei dem Publizisten Norbert Bolz nannte sie „absurd“. Er hatte, wohl sarkastisch, die NS-Parole „Deutschland erwache“ verwendet, um sich über Wokeness lustig zu machen. In ihrer Partei wird Lang für ihre kämpferische Haltung geliebt. Zunehmend auch von Realos. „Sie ist immer noch eines der größten Talente der Partei“, sagt einer, der von einem Linksruck der Grünen nichts halten würde. Früher habe er Ricarda Lang „sehr kritisch“ gesehen, jetzt aber würde er sich freuen, wenn sie in ein paar Jahren wieder mehr Verantwortung übernehmen würde. Fragt man die Parteivorsitzenden, wie sie es finden, dass ihre Vorgängerin öffentlich über die Strategie der Partei nachdenkt, antwortet Felix Banaszak: „Die Zeiten, in denen alle Widersprüche und Dilemmata innerhalb einer Person aufgelöst werden mussten, sind vorbei.“ Es sei „super“, wenn alle mitdächten. Und was sagt Lang zu ihren Plänen für die Zukunft? Sie habe keine Eile, sei immer noch jung, und das werde auch noch Jahre so bleiben. Aber sie wirkt vorbereitet, die eigene Angriffsfläche hat sie sicherheitshalber schon mal verkleinert. Seit einigen Monaten hat sie einen Studienabschluss (Markus Söder hatte gerne geätzt, sein Hund Molly habe Lang etwas voraus – „seine abgeschlossene Ausbildung als Schutzhund“). Sie hat erheblich abgenommen. Details aus ihrem Privatleben wie ihre Hochzeit mit einem Mathematiker streut sie geschickt, hat Auftritte in der „Bunten“, beim Boulevard und in der „Apotheken-Umschau“. Kein Zufall, sondern ein bewusstes Experiment sei das, heißt es aus ihrem Umfeld. Wer bei RTL mit Boris Becker, Andrea Kiewel und Tim Mälzer auftritt, muss nicht fürchten, von Gegnern als weltfremde Berliner Bullerbübewohnerin karikiert zu werden. Aber Beliebtheitsgewinne werden ihr mittelfristig keine politischen Positionierungen ersparen. Leicht fällt Lang das nicht immer. Nach Merz’ Äußerung zum Stadtbild erklärt sie erst, dass sie dazu nichts sagen wolle, von der reflexhaften Empörung nichts halte. In vielen Städten sei die Situation „real gerade einfach nicht geil“. Einige Tage später aber demonstriert sie mit anderen jungen Frauen vor der CDU-Zentrale. Ein flapsiges Zitat, kein Problem, findet Lang. Aber dass Merz die Debatte nicht beendete, sondern auch noch auf das Sicherheitsgefühl der Töchter im Land ausweitete, ging ihr dann doch zu weit. Lang fand: Merz sollte merken, „dass Widerspruch nicht nur von ,Nius‘ kommen kann, sondern auch von progressiver Seite“. In ihrem Abgeordnetenbüro steht außer ihrem Schreibtisch und einem Laufband nicht viel. Nur eine Trophäe erinnert an die erste politische Karriere der Ricarda Lang. Ein Magazin hatte sie als „Newcomerin des Jahres“ ausgezeichnet, da hatten ihre Grünen am Vortag gerade die Europawahl verloren. Das habe daran gelegen, dass man eher vor der AfD gewarnt als für die eigene Politik geworben habe, sagt sie mittlerweile. Lang war spätestens nach dieser Niederlage angeschlagen, trotzdem hat sie die Trophäe behalten. Als Ansporn für eine Rückkehr in die erste Reihe? Das, sagt Lang, würde sie ausschließen, wenn sie dafür wieder anders reden müsste. Die Parteien müssten sich modernisieren, ihrer Spitze mehr Freiheit geben. „Ich würde nur zurückgehen, wenn ich das Gefühl hätte, dass das gehen würde.“ Das müsste dann also zumindest ein bisschen eine Ricarda-Lang-Partei sein? Da widerspricht sie nicht. Sie sagt aber auch nicht Ja. Stattdessen analysiert sie, warum Keir Starmer Premierminister und Friedrich Merz Kanzler wurde. Dafür, meint Lang, sei die Schwäche ihrer jeweiligen Gegner verantwortlich gewesen. Das kann man als kleinen Gruß an Robert Habeck verstehen. Oder als Ansage, dass da noch andere Gegnerinnen auftreten könnten.
