FAZ 20.12.2025
13:50 Uhr

„Ehrliche und harte Arbeit“: Der HSV ist wieder konkurrenzfähig


Merlin Polzin und seine Spieler füllen ihre Ankündigung mit Leben: Keine andere Mannschaft in der Bundesliga führt so viele Zweikämpfe wie der Hamburger SV. Wenn da nur ein bekanntes Problem nicht wäre.

„Ehrliche und harte Arbeit“: Der HSV ist wieder konkurrenzfähig

Am Ende stand der Trainer da, vor der Kurve, mit Tausenden Fans des Hamburger SV und streckte den Daumen zu ihnen nach oben. Eine Viertelstunde zuvor war das Spiel in Hoffenheim abgepfiffen worden, der HSV verlor 1:4, und trotzdem wurden die Mannschaft und ihr Trainer Merlin Polzin mit Applaus von ihren Anhängern verabschiedet. „Wir wissen, welche Qualität unsere Fans haben, in den richtigen Momenten da zu sein“, sagt Polzin. Knapp 15.000 Anhänger des HSV waren in der vergangenen Woche gegen Hoffenheim dabei, an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) wird das Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt abermals ausverkauft sein – und die Anhänger auf den Rängen sollen wieder den vielleicht entscheidenden Unterschied machen. 13 ihrer bisher 15 Punkte haben die Hamburger im Volksparkstadion gewonnen. Sie haben dort Werder Bremen im Nordderby trotz Rückstand besiegt (3:2), das Spiel gegen Stuttgart trotz Unterzahl spät für sich entschieden (2:1) und gegen Borussia Dortmund durch ein Tor Sekunden vor dem Abpfiff noch ein Unentschieden (1:1) erkämpft. „Wir wissen, was der Volkspark für Momente in dieser Saison gezeigt hat“, sagt Polzin. Er stand als Jugendlicher selbst auf der Nordtribüne, ehe er an seiner Trainerkarriere gearbeitet hat und über Osnabrück und viele Jahre als Ko-Trainer beim HSV zu dem Mann wurde, der den Klub nach sieben Jahren Zweitklassigkeit wieder in die Fußball-Bundesliga geführt hat. Als die Stadt ihn und die Mannschaft nach dem Aufstieg feierte, sagte Polzin im Hamburger Rathaus, die Bundesliga solle einen anderen HSV erleben als den, den sie verabschiedet hatte. „Wir wollen für ehrliche und harte Arbeit stehen“, sagte Polzin zu Beginn dieser Saison in einem Interview mit der F.A.S. Er und seine Spieler haben diese Ankündigung mit Leben gefüllt. „Wir dürfen uns keine Pause erlauben“ Keine andere Mannschaft in der Liga führt so viele Zweikämpfe, kein Spieler gewinnt so viele Kopfballduelle wie der erst 18 Jahre alte Verteidiger Luka Vušković. 13 der bisher 24 Gegentore hat der HSV gegen Bayern München, den 1. FC Köln und Hoffenheim hinnehmen müssen, steht ansonsten defensiv aber äußerst stabil. Nach eigenem Ballverlust musste das Team erst ein Gegentor hinnehmen. Genau so soll es gegen die Eintracht weitergehen: „Wir müssen über die 100 Prozent gehen“, sagt Polzin, „wir müssen in jedem einzelnen Zweikampf da sein, von der ersten bis zur letzten Minute. Wir dürfen uns keine Pause erlauben.“ Das Problem bleibt die Offensive. Nur Mainz, Heidenheim und St. Pauli (je 13) haben noch weniger Tore erzielt als der HSV (15). Dabei kommt die Mannschaft von Polzin im Durchschnitt 17-mal pro Partie zum Abschluss, nur fünf andere Teams in der Liga schießen noch häufiger auf das Tor. Gegen die Eintracht fehlen nun neben dem Linksaußen Jean-Luc Dompé auch die Stürmer Robert Glatzel und Yussuf Poulsen, der sich am Donnerstag im Training verletzt hat. Polzin trifft das gleich doppelt, weil er das Spiel über Dompé gern in die Breite verlagert. Der Franzose soll die Angelegenheit dann im Eins-gegen-eins-Duell lösen oder in den Strafraum flanken. Ohne Glatzel und Poulsen ist der HSV dort auf Ransford Königsdörffer angewiesen, der erst ein Tor erzielt hat. Trotzdem wurde Polzin zuletzt gefragt, ob das Spiel gegen die Eintracht nicht eine Chance bedeute, weil die Hessen nicht nur die zweitschlechteste Defensive der Liga stellen, sondern auch seit Wochen nicht mehr überzeugen. Polzin konnte darüber nur milde lächeln, ehe er antwortete: „Da kommt eine Mannschaft auf uns, die vor zwei Wochen noch gegen Barcelona konkurrenzfähig war und im Camp Nou Fußball spielen durfte. Wir kommen aus ganz anderen Gefilden.“ Polzin hat dennoch in nur 14 Spielen bewiesen, dass dieser HSV wieder konkurrenzfähig ist in der Bundesliga. „Je länger wir zusammenarbeiten, desto besser werden wir“, sagt er. Eines steht vor dem Anpfiff gegen die Eintracht fest: Auf einem Abstiegsplatz werden andere Weihnachten feiern müssen.