FAZ 13.02.2026
13:46 Uhr

Edeka im Frankfurter „Four“: Vom Flüchtlingskind zum Supermarkt-Pionier


Jafar Graf ist mit seinem Edeka-Supermarkt der erste Händler im Frankfurter Hochhausquartier „Four“. Er kann mit wohlhabenden Kunden rechnen, doch bis sie eingezogen sind, steht er voll im Risiko. Das passt zu seiner Geschichte.

Edeka im Frankfurter „Four“: Vom Flüchtlingskind zum Supermarkt-Pionier

„Ich wollte die Fläche unbedingt.“ Wenn sich Jafar Graf etwas vorgenommen hat, dann geht er „auch mal mit dem Kopf durch die Wand“, wie er sagt. Es hat, wie so oft in seinem Berufsleben, auch diesmal geklappt. Gut drei Monate ist es jetzt her, dass der Händler seinen Supermarkt, Edeka Graf, im neuen Frankfurter Hochhausquartier „Four“ eröffnet hat. Das Viertel heißt deshalb so, weil hier zwischen Großer Gallusstraße und Junghofstraße vier Hochhaustürme auf engstem Raum hochgezogen wurden. Das gemischt genutzte Quartier wird gefeiert als das neue Leuchtturmprojekt Frankfurts. Rund zwei Milliarden Euro hat der Projektentwickler Groß & Partner investiert. Die Büroflächen und Eigentumswohnungen, für die Spitzenpreise aufgerufen werden, sind zum größten Teil schon belegt. Ein Fünfsternehotel, das Kimpton, ist vor einem Jahr eingezogen. 1500 Menschen sollen einmal im „Four“ leben, auch solche mit kleinerem Geldbeutel, denn ein Teil der Mietwohnungen wurde mit Mitteln des sozialen Wohnungsbaus gefördert. Dabei wollen die Planer weg von anonymen Hochhausfluchten. Entstehen soll ein urbanes Viertel mit Bars und Restaurants, Dachterrassen und Passagen, die allen Frankfurtern offenstehen. Edeka Graf ist daher als erstes Geschäft im Viertel sehr willkommen. Nicht nur bei Büroleuten und Bauarbeitern, die hier noch immer zu tun haben und jetzt belegte Brötchen und Salate für die Mittagspause finden. Mit der Eröffnung sollte auch das öffentliche Leben im Quartier beginnen. Allerdings ist es damit noch nicht weit her. Nachbarn wie Feinkost Meyer oder die Markthalle kommen erst im Laufe des Jahres.  „Viele wissen gar nicht, dass es mich gibt“, stellt Graf drei Monate nach der Eröffnung fest. „Ich habe jede einzelne Schraube finanziert“ Er selbst kam mit hohen Erwartungen. „Ich habe mein ganzes Leben in diesen Standort gesetzt. Jede einzelne Schraube habe ich finanziert.“ Graf bespielt mit rund 60 Mitarbeitern knapp 2000 Quadratmeter im „T2“, dem Turm an der Großen Gallusstraße. Allerdings liegt der Supermarkt im Untergeschoss und ist von außen kaum zu sehen. Besser sichtbar ist die Bäckerei im Erdgeschoss-Foyer, hier gibt es auch Sitzplätze und einen gläsernen Kaffeeautomaten, in dem ein Roboter den Espresso einschenkt. Das Vollsortiment in Grafs Supermarkt umfasst 30.000 Artikel. Groß ist die Auswahl an Salaten, Gemüse, Obst und Sushi, im Markt frisch geschnippelt und zubereitet für die Mittagspause. Fleisch, Wurst, Käse und Fisch werden an Bedientheken verkauft. Mit mehr als 20 Olivenöl-Sorten hat das Sortiment teilweise Feinkostcharakter. Die Spanne reicht von der Eigenmarke „Gut und Günstig“ bis zur hochwertigen belgischen Schokolade. Der Edeka-Händler ist überzeugt, dass er damit sowohl die Kunden aus den Luxuswohnungen gewinnen kann als auch die Mieter mit weniger Geld, die Discounter-Preise schätzen. „Wir können alle abholen“, sagt er. In der Branche sind aber auch kritische Stimmen zu vernehmen. Für die einen sei er nicht hochwertig, für die anderen nicht günstig genug, heißt es. Mit Lebensmitteln kennt sich Jafar Graf aus. Der gebürtige Iraner mit deutschem Pass hat nach einer Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann bei VW zunächst bei einem Fisch- und Feinkostgroßhandel den internationalen Einkauf organisiert und war dann viele Jahre als Vertriebler im Außendienst für die „Deutsche See“ tätig, bis er beim Rewe-Konzern anheuerte. Dort baute er in den Märkten der Region Mitte Theken für Seafood und Sushi auf, mit großem Erfolg. Oft war es der berühmte Sprung ins kalte Wasser, nach dem Motto „Mach mal“. Stets traute man ihm schnell Verantwortung zu, wie Graf erzählt. Sein Antrieb: „Nicht stehen bleiben, nach vorne kommen.“ Diese Haltung hat auch mit seiner Lebensgeschichte zu tun. Graf ist elf Jahre alt, als er 1988 mit einer Maschine aus Istanbul ganz allein am Frankfurter Flughafen ankommt, eine orangefarbene Mappe („das erinnere ich noch genau“) mit den wichtigsten Papieren, einem Brief des Vaters und 50 Mark um den Hals gehängt. Sein Vater hatte ihn auf die Reise geschickt. Damals herrschte Krieg zwischen Iran und Irak, der Erste Golfkrieg. In der Schule wurden die Kinder in olivgrüne Anzüge gesteckt, statt Englisch gab es Militärunterricht. „Mein Vater war alarmiert.“ Für Jafar bestand noch die Chance, das Land zu verlassen, weil er noch keine zwölf Jahre alt war. Diese Gelegenheit nutzte die Familie und organisierte die Ausreise nach Deutschland. „Ich habe angefangen zu weinen“ Immerhin kann der Junge so viel Englisch, dass es ihm gelingt, spätabends am Flughafen angekommen, das richtige Gepäckband zu finden und seinen Koffer abzuholen. Doch der „Mann mit dem Bart“, von dem ihm gesagt worden war, dass er ihn abhole, kommt nicht. „Da stand ich dann da und habe angefangen zu weinen.“ Der Junge wird in ein Kinderheim nach Butzbach gebracht. Schnell wird ihm klar: „Hier will ich nicht bleiben.“ Jafar lernt fleißig, besucht nach der Grundschule die Realschule, macht das Fachabitur und verdient nebenher Geld für die erste eigene Wohnung. Er mistet Pferdeställe aus und brät bis tief in die Nacht Burger in einer Imbissbude neben dem Eingang einer Diskothek, in die seine Schulkollegen ihre Freundinnen ausführen. Mit 18 Jahren macht er seinen Führerschein – und lernt in der Fahrschule seine heutige Frau kennen, mit der er eine inzwischen erwachsene Tochter hat. Alles habe er mit seinem eigenen Geld erarbeitet, sagt Graf. Viele Jahre später setzt er noch den Betriebswirt im Fernstudium drauf. Mit dem Edeka-Markt hat er sich noch einmal einen Lebenstraum erfüllt. „Ich wusste, dass es nicht einfach wird.“ Um fünf Uhr morgens beginnt der Tag. Es gibt Nächte, da fährt Graf gar nicht erst nach Hause – mit seiner Familie lebt er in der Nähe von Usingen –, sondern schläft im Büro, wie er beiläufig mit verschmitztem Lächeln erzählt. Bisher haben die Umsätze die Prognosen der Marktanalysen nicht erfüllt. Unterschätzt wurde offenbar auch, dass ein anspruchsvolles Publikum in den Türmen arbeitet. Im Internet bedauert jemand, dass er einen bestimmten Pudding, den er immer im Edeka in Oranienburg gekauft habe, im Frankfurter Markt nicht finde. Zwar geht es unter der Woche den ganzen Tag raus und rein – „wir haben ein starkes Rushhour-Geschäft“ –, aber davon kann ein Supermarkt dieser Größe nicht leben. „Ich brauche den Wocheneinkauf“, sagt Graf. Und dafür brauchen die Kunden Parkplätze. Umso mehr setzt der Händler jetzt auf eine Vereinbarung mit der Stadt über die Parkmöglichkeit in zwei benachbarten städtischen Parkhäusern. Danach sollen Kunden aller umliegenden Händler eine Stunde gebührenfrei parken können. Zudem gibt es eine Kooperation mit dem Lieferdienst Wolt, der Einkäufe auch mit dem Auto bringt. Die Bestellungen werden im Laden kommissioniert. Das erfordert zusätzliches Personal. Bei Graf bekommen auch junge Leute ohne Deutschkenntnisse eine Chance. Wichtiger seien ihm Respekt und Vertrauen. Ihm selbst habe sein Glaube im Leben über manche Klippe geholfen, sagt Graf. Ansonsten gelte für ihn: Einfach machen, nicht lange diskutieren. „Ob es gut wird, weiß man immer erst hinterher.“