Sein rechtes Auge sah schon wieder besser aus, nachdem es in der 42. Minute „mit Blut vollgelaufen“ war und er trotz Blinzelns nur „einen schwarzen Fleck“ wahrnahm. „Rot“ gesehen hatte Andreas Wolff dabei schon vor dem EM-Auftaktspiel gegen Österreich – in deutlichen Worten hatte er die Spielweise der südlichen Nachbarn als unattraktiv gebrandmarkt. Da wirkte der Kopftreffer Sebastian Frimmels 18 Minuten vor Schluss wie eine gut getimte Antwort. Was er nicht war: Unabsichtlich traf der Linksaußen den deutschen Torwart im Gesicht. Als Wolff nach kurzer Behandlung zurückkam, wurde er sofort wieder zur menschlichen Mauer, wehrte insgesamt zwölf Würfe ab und wurde zu einem Hauptdarsteller des deutschen 30:27 (12:8) am Donnerstagabend vor 5000 Menschen in der Jyske Bank Boxen. Sein Jubel in der 58. Minute – Wolff hielt den Siebenmeter Frimmels, als es nach zäher zweiter Halbzeit 28:25 stand – ließ die deutsche Bank aufspringen und die Fans „Andi, Andi!“ rufen. Wie fast immer bei großen Turnieren hat der 34 Jahre alte Torhüter geliefert. „Ich habe bewusst etwas überspitzt formuliert“, sagte Wolff später, „aber in der Sache hat mir keiner widersprochen. Für mich ist und bleibt dieses Sieben-gegen-Sechs Anti-Handball.“ Bei dieser Spielweise spielt man mit einem Feldspieler mehr und nimmt den Torwart heraus. Zu einem richtigen Kampf wurde die Partie gegen Österreich auch, weil die Deutschen vier Würfe ins verlassene Gehäuse verpassten. „Wir haben ja das leere Tor nicht getroffen“, stöhnte Bundestrainer Alfreð Gíslason und erklärte, warum dieser Gegner ein unangenehmer ist: „Sie versuchen Standhandball und ewig zu spielen, wir versuchen das Gegenteil.“ Sollte man zwei deutsche Profis nennen, die leistungsmäßig seit Jahren über jeden Zweifel erhaben sind, dann wären das Andreas Wolff und Johannes Golla. Der deutsche Kapitän warf sieben Tore aus acht Versuchen und war von Beginn an ungewohnt deutlich an klarer Körpersprache interessiert – erst rang er Spielmacher Lukas Hutecek zu Boden, später duellierte er sich mit Abwehrchef Lukas Herburger und riss die Fäuste in die Höhe. „Ich wollte früh ein Zeichen setzen und eine Richtung vorgeben“, sagte der freundliche Flensburger. Kopftreffer und Wespe stören nicht Dergestalt zündete er seine Nebenleute Tom Kiesler und Julian Köster so effektiv an, dass sein Team nach elf Minuten erst ein Gegentor kassiert hatte. „Die Abwehr war überragend“, lobte mithin Gíslason – allerdings war das lahme Überzahlspiel Österreichs auch von vorgestern. Vorn wurde es mit Juri Knorr als Regisseur für Köster nach 23 Minuten geordneter, schneller, zielstrebiger, und die DHB-Auswahl führte zur Pause 12:8 durch den ebenfalls guten Miro Schluroff. Allerdings wurde schon nach den ersten 30 EM-Minuten deutlich, dass Renars Uščins seine Olympia-Form weiterhin sucht und sein Ersatz vom Bundesliga-Letzten Leipzig, Franz Semper, Würfe verweigert – die rechte Rückraumseite könnte zur deutschen Problemzone werden. Nach den beiden überzeugenden Testspielsiegen über Kroatien hätte gegen die deutlich schwächere Alpenrepublik mehr Souveränität gutgetan auf dem Weg durch ein Turnier voller Schwergewichte. Die ließ Gislasons Sieben in den zweiten 30 Minuten vermissen – immer wieder kam das rot-weiße Team des spanischen Trainers Iker Romero zurück, auf 14:12 (37. Minute), 20:17 (44.) und 26:24 fünf Minuten vor Schluss. „Wir haben manchmal zu schnell abgeschlossen“, monierte Golla, während Köster sagte: „Ohne Risiko geht es nicht. Wir müssen den Gegner auch mal schnell bestrafen.“ Erst mit dem Tor von Renars Uščins zum 29:25 in der 59. Minute und der geschilderten Parade Wolffs lag der Deckel auf dem Sieg. „Es war kein perfektes Spiel, aber wir sind ein intaktes Team“, lobte Juri Knorr, „es war mehr Gutes als Schlechtes dabei.“ Trotzdem braucht es Phantasie, um aus diesem Auftritt Inhaltsstoffe für Erfolge gegen die „Großen“ herauszufiltern. Beim DHB entschied man sich, die Kritik zu formulieren. Unter dem Strich überwog Zufriedenheit: „Dass wir in Überzahl verlieren, geht nicht, das war sehr schlecht. Insgesamt hätten wir höher gewinnen müssen. Jeder muss erst mal reinfinden in solch ein Turnier. Das haben wir heute geschafft. Mit Golla und Andi ohne Fehl und Tadel“, bilanzierte Gislason. Dabei hatte weder der Kopftreffer nachhaltig gestört noch eine Wespe, die sich in die Arena verirrte und eine Auszeit sabotierte. Am Samstag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, in der ARD und bei DYN) geht es gegen Serbien weiter – und für sie nach ihrer Niederlage gegen Spanien schon um alles in dieser „Hammergruppe“ A.
