Es bietet sich an, am Ende eines bewegten Kölner Fußballjahres wieder einmal mit dem Klischee von der fröhlichen Stadt zu spielen, deren Einwohner angeblich mit dieser besonderen Fähigkeit zum positiven Denken gesegnet sind. Nur ein einziger Sieg ist dem 1. FC Köln in den vergangenen neun Pflichtspielen gelungen, aber die Laune ist weiterhin gut. Das Fußballmagazin „11 Freunde“ hat gerade seine Januarausgabe mit den Brüdern Said und Malek El Mala im Konfetti-Regen auf dem Cover publiziert. Auch die Tabelle sieht ja ganz okay aus, der FC ist Zehnter. Das hilft sehr beim Prozess der Erdung, der gerade jenseits aller emotionalen Befindlichkeiten stattfindet. Im Spätsommer war ja nicht nur von Fans, sondern auch von Bewerbern um die Vorstandspositionen recht konkret vom Europapokal geträumt worden. Am vergangenen Wochenende hat Lukas Kwasniok nun endgültig den Blick auf das andere Ende der Tabelle gelenkt und erläutert, wie schwierig es werden wird, den abermaligen Abstieg zu vermeiden: „Um in dieser Liga zu bleiben, wirst du am Ende ungefähr zehn Siege brauchen“, sagte der Trainer nach der 0:2-Niederlage in Leverkusen. „Wir haben jetzt aktuell vier. Insofern gilt es, noch sechs Siege zu holen.“ Blick zurück in die Geschichte als Ansporn Um nach der Hinrunde die halbe Strecke auf diesem Weg bewältigt zu haben, ist also aus den Partien gegen Union Berlin am Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga, bei Sky und DAZN) sowie in Heidenheim und gegen Bayern München zu Beginn des neuen Jahres noch ein dreifacher Punktgewinn erforderlich. Aber selbst dann müssen die Kölner noch einmal eine ähnlich gute Rückrunde spielen, was keinesfalls einfach wird. Um das zu illustrieren, wirft Thomas Kessler, der Sportchef, einen Blick zurück in die Geschichte. Von einer entspannten Saison ohne Krisenphase und Abstiegsangst auszugehen, widerspreche allen Erfahrungen, sagt er: „Ich habe das Privileg, seit 25 Jahren Teil des 1. FC Köln zu sein. In diesen 25 Jahren haben wir es dreimal geschafft, besser als Platz zehn abzuschließen.“ All die anderen Jahre waren zumindest phasenweise geprägt von der Furcht vor dem Absturz. Und diesmal werden in der zweiten Saisonhälfte auch noch ein paar günstige Umstände aus der ersten Saisonphase fehlen. Der Vorteil ist aufgebraucht Die Aufstiegseuphorie, die Kräfte des Neuanfangs nach der Trennung vom langjährigen Sport-Geschäftsführer Christian Keller und der Vorteil, ein für viele Gegner noch recht unbekannter Neuling zu sein, sind aufgebraucht. Der FC ist in der Realität angekommen, „für uns war es von Beginn an klar, dass es einzig und allein darum geht, den Klassenerhalt zu schaffen“, sagt Kwasniok Ähnlich klingt Kessler, der alle dem FC verbundenen Menschen darum bittet, „sehr rational und ehrlich miteinander“ zu sein. Mit den Klubs aus der oberen Tabellenhälfte könne der FC, der vor wenigen Jahren wirtschaftlich als Sanierungsfall galt, einfach nicht mithalten. Genau das wird gerade erkennbar, und das wird auch am Handlungsspielraum auf dem winterlichen Transfermarkt sichtbar werden, wo ein paar der zuletzt deutlich gewordenen Schwächen behoben werden sollen. In 14 Pflichtspielen nur einmal zu null gespielt Luca Kilian, Timo Hübers, Dominque Heintz und Joel Schmid würden schon im gesunden Zustand eine im Bundesligakontext eher schwächere Abwehrkette bilden, nun sind diese vier Profis auch noch verletzt. Heintz kommt zwar womöglich am Samstag zurück, aber dass die Mannschaft in den 14 Pflichtspielen seit August nur einmal zu null spielte, zeigt die Probleme. Zumal parallel zu den Schwierigkeiten der Abwehr vorne eine bedenkliche Abhängigkeit von den Toren des Teenagers Said El Mala entstanden ist. Es ist faszinierend, dass dieser Angreifer trotz des verrückten Hypes um seine Person, trotz seiner Nominierung für die Nationalmannschaft im November und trotz der angeblichen Millionen-Offerten aus der Premier League einfach unbeirrt weiter kickt. Vor der Niederlage in Leverkusen am vergangenen Wochenende rettete er mit seinen Treffern in Bremen und gegen St. Pauli jeweils zumindest ein 1:1. Ohne El-Mala-Tor hat der FC schon seit dem dritten Spieltag keinen Punkt mehr erspielt. Dem gegenüber steht jedoch eine gegenläufige Entwicklung im Kreis der übrigen Kölner Offensivleute, die eigentlich den stärksten Mannschaftsteil bilden sollten. Den Facettenreichtum der Kölner Offensive mit El Mala (Dribbling), Ragnar Ache (Kopfball), Marius Bülter (Durchsetzungskraft), Luca Waldschmidt (linker Fuß), Linton Maina (Tempo) und Jakub Kaminski (Passspiel) kann kein anderer Abstiegskandidat bieten. Aber jenseits der El-Mala-Momente entwickeln diese Spieler gerade zu wenig Torgefahr, das war im August und September noch anders. „Wir haben uns zu Beginn der Saison ein Polster aufgebaut – von dem zehren wir nach wie vor“, sagt Kwasniok. „Dennoch würde es uns gut zu Gesicht stehen, wenn wir auch mal wieder dreifach punkten könnten.“ Das Duell mit dem 1. FC Union Berlin am Samstag bietet eine schöne Möglichkeit auf den fünften Saisonsieg, der den Jahresabschluss zu einer Art Bergfest am Wochenende der Wintersonnenwende werden ließe.
