FAZ 20.11.2025
15:26 Uhr

Durch Pestizide vergiftet: Noch ein Todesfall in Istanbul


Schon vor einem Jahr starb eine deutsche Studentin in Istanbul durch eine Pestizidvergiftung. Die Beschuldigten wurden bis heute nicht belangt.

Durch Pestizide vergiftet: Noch ein Todesfall in Istanbul

Der Fall weist frappierende Ähnlichkeit mit dem Tod der vierköpfigen Hamburger Familie Böcek in Istanbul auf: Im November 2024 starb die deutsche Austauschstudentin Marlene P. ebenfalls in der türkischen Metropole. Auch sie stammt aus Hamburg. Und auch bei ihr gehen die Gerichtsmediziner ­davon aus, dass sie eine Gasvergiftung durch den unsachgemäßen Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln gegen Bettwanzen erlitt. Es gibt aber auch bedeutende Unterschiede: Anders als nach dem Tod der ­Familie Böcek wurden im Fall der 21 Jahre alten Erasmus-Studentin bisher keine Verdächtigen festgenommen. „Die Beschuldigten wurden erst letzte Woche von der Polizei vernommen“, berichtet der Istanbuler Anwalt der Familie P., ­Hakan Hakeri, der F.A.Z. „Darauf warten wir seit einem Jahr.“ Vernommen worden seien der Besitzer und ein Mitarbeiter der beteiligten Schädlingsbekämpfungs­firma. Die Vernehmungsakte sei noch bei der Polizei, sodass er sie noch nicht habe einsehen können, sagt Hakeri. „Wir warten auf die Anklage.“ Zunächst auch Lebensmittelvergiftung vermutet Ein Grund für die Verzögerung: Der Obduktionsbericht wurde erst Monate nach dem Tod der Hamburger Studentin fertiggestellt – und das darauf basierende gerichtsmedizinische Gutachten erst im August dieses Jahres. „Das ist leider normal“, sagt Hakeri. Die gerichtsmedizinischen Kapazitäten in der Türkei seien ­begrenzt, die Arbeitsbelastung sei hoch. Fälle aus dem ganzen Land würden vornehmlich am selben Institut in Istanbul bearbeitet. Ein weiterer Grund für die Verzögerung sei, dass die erste mit dem Fall befasste Kammer aufgrund der ­Autopsie keine Todesursache feststellen konnte. Da das Insektizid sich wohl in Gasform in Marlene P.s Unterkunft im Stadtteil Kadıköy ausgebreitet hatte, fanden die Gerichtsmediziner keine Spuren davon in ihrem Körper. Die anschließend mit dem Fall befasste Kammer zog den Polizeibericht hinzu und geht laut ihrem Gutachten „einstimmig“ von einer „Vergiftung durch Pestizid zur Bekämpfung von Bettwanzen“ aus. Aufgrund der Symptome hatten die Behörden zunächst vermutet, Marlene P. sei einer Lebensmittelvergiftung erlegen. Dann aber wurde bekannt, dass zwei ihrer Mitbewohner ebenfalls erkrankten und ambulant im Krankenhaus behandelt wurden. Die Polizei und Zeugen stellten außerdem einen auffälligen Gasgeruch im Haus fest. Wie sich herausstellte, wurde eine Wohnung im ersten Stock des ­Gebäudes mit Schädlingsbekämpfungsmitteln besprüht. Das Pestizid habe sich in Gasform verwandelt und im ganzen Gebäude verbreitet, heißt es im gerichtsmedizinischen Gutachten. Acht Personen wurden formell inhaftiert Die drei Studenten wohnten demnach im zweiten Stock. Laut der Zeitung „Hürriyet“, die am Dienstag als erste über Marlene P.s Tod berichtet hatte, sagten die beiden überlebenden Austausch­studenten aus, sie seien alle drei am 2. November vergangenen Jahres gegen Mitternacht wegen Übelkeit aufgewacht. Während ihre Mitstudenten sich ambulant behandeln ließen, verschlechterte sich demnach Marlene P.s Zustand. Sie starb am 4. November im Krankenhaus. Der Anwalt der Familie sagt, man strebe eine Verurteilung der beteiligten Schädlingsbekämpfer wegen bewusster Fahrlässigkeit an. Beziehe man die zwei ­verletzten Studenten mit ein, rechne er mit Haftstrafen von sechs bis zehn Jahren. Hakeri geht davon aus, dass sowohl der beteiligte Schädlingsbekämpfer als auch der Besitzer der Firma belangt ­werden. Übereifer bei Festnahmen durch großes Medienecho? Angesichts der Ähnlichkeiten zum ­tragischen Tod der Böceks stellt sich die Frage, warum die Polizei und die Staats­anwalt in deren Fall so viel robuster und schneller gegen Verdächtige vorging. Elf Personen wurden zunächst in Gewahrsam genommen. Acht von ihnen wurden inzwischen formell inhaftiert, drei wurden unter Auflagen freigelassen. Obwohl ein vorläufiges Gutachten zu dem Schluss kommt, dass eine Lebensmittelvergiftung unwahrscheinlich ist, sind vier Lebensmittelverkäufer noch immer in Haft. Die Vermutung liegt nahe, dass der Übereifer mit dem großen Medienecho zu tun hat, das das Schicksal der Böceks hervor­gerufen hat. Türkische Medien haben unterdessen weitere Fälle zusammengetragen, in denen ein unsachgemäßer Einsatz von Aluminiumphosphid zum Tod von Anwohnern geführt hat. In einem Fall in Ankara starben zwei Personen, zehn weitere mussten im Krankenhaus behandelt werden. Die Staatsanwaltschaft forderte bis zu 22 Jahre Haft für die Beschuldigten. Sie sollen das hochgiftige Mittel ­ohne die nötige Lizenz des Landwirtschaftsministeriums versprüht haben. Die Lizenz ist offiziell auch für den Erwerb von Aluminiumphosphid nötig. Das Mittel ist aber derzeit frei im Internet ­erhältlich. Das Ministerium kündigte ein neues Verfahren an, wonach Pestizide nur noch auf Rezept erhältlich sein sollen, das von Fachpersonal ausgestellt werden soll.