FAZ 26.12.2025
08:21 Uhr

Duell der Geschlechter: „Ich habe es damals nicht ganz ernst genommen“


Karsten Braasch erinnert sich gut an sein Tennis-Match gegen die Williams-Schwestern. Aber wie kam es 1998 dazu? Ein Gespräch über Geschlechterkampf auf dem Court und die Faszination solcher Duelle.

Duell der Geschlechter: „Ich habe es damals nicht ganz ernst genommen“

Karsten Braasch, 58 Jahre alt, war in den 1990er-Jahren und Anfang der 2000er als Tennisprofi aktiv. Seine unkonventionelle, aber geschmeidige Spielweise, insbesondere der Bewegungsablauf bei seinem Aufschlag, brachte ihm den Spitznamen „Katze“ ein. Obwohl er im Einzel und Doppel beachtliche Erfolge erzielte, in der Weltrangliste einst Position 38 erreichte und im Davis Cup für Deutschland zum Einsatz kam, bestritt er sein berühmtestes Match außerhalb der regulären Wettbewerbe gegen Serena und Venus Williams. Inzwischen arbeitet Braasch unter anderem als Tennistrainer beim Netzballverein Velbert 1898. Herr Braasch, rauchen Sie noch? Ja, tue ich. Sie wissen, warum wir fragen? Ehrlich gesagt, nicht wirklich. Weil es in diesem Gespräch um Ihr berühmtes Tennismatch gegen die Williams-Schwestern Venus und Serena gehen soll während der Australian Open 1998. Und weil sie damals zwischen den Sätzen, die sie gespielt haben, geraucht haben sollen. Sie gewannen 6:1 gegen Serena und 6:2 gegen Venus und die Zigarette wurde hinterher zu einer Art Symbol für ihre Überlegenheit erklärt. Erstens glaube ich nicht, dass ich zwischendurch geraucht habe. Und zweitens: Selbst wenn es so war, hatte es mit Sicherheit nichts damit zu tun, dass ich irgendwie Überlegenheit demonstrieren wollte. Andere Spieler haben auch geraucht. Ich war bloß der einzige, der es in der Öffentlichkeit tat. Bei Spielerpartys kamen viele Jungs zu mir, weil sie wussten, bei mir kriegen sie immer eine Zigarette. Viele von uns haben das Leben damals schon auch genossen. Sie sollen aber auch am Morgen vor dem Match mehrere Radler getrunken und eine Runde Golf gespielt haben. Wir hatten uns eigentlich für sonntags verabredet. Nur mit Serena, weil Venus noch im Viertelfinale spielen musste. Doch dann wurde das Match auf Dienstagnachmittag verschoben. Da hatte ich mich aber auch schon für den Vormittag mit meiner Golfclique verabredet. Wir hatten immer einen Riesenspaß und sind danach noch gemeinsam Essen gegangen. Für mich war das Match gegen Serena und Venus auch einfach keine so große Sache, wie hinterher draus gemacht wurde. Warum, glauben Sie, verfolgt es sie trotzdem bis heute? Weil die Leute diesen Vergleich der Geschlechter aus irgendwelchen Gründen faszinierend finden. Das berühmteste Duell zwischen Mann und Frau war sicherlich der „Battle of the Sexes“, bei dem Billy Jean King 1973 den damals 55 Jahre alten ehemaligen Profi und Comedian Bobby Riggs schlug. Allein 50 Millionen Amerikaner sahen damals im TV zu, vor einigen Jahren gab es einen Kinofilm dazu. An diesem Sonntag (16.45 Uhr MEZ bei Sporteurope.tv) bestreiten nun der Australier Nick Kyrgios und die Weltranglistenerste Aryna Sabalenka aus Belarus ein „Battle of the Sexes” in Riad. Warum braucht es das offenbar in jeder Tennis-Generation einmal? Ich kann es mir nicht wirklich erklären. Ich habe es damals ja auch nicht ganz ernst genommen. Weil es einfach ein Riesenunterschied ist von den körperlichen Voraussetzungen her. Bei Sabalenka und Kyrgios wird es offenbar besondere Regeln geben. Es gibt zum Beispiel keinen zweiten Aufschlag, außerdem soll das Spielfeld auf ihrer Seite verkleinert werden. Vielleicht macht es das etwas spannender. Denn wenn Kyrgios die Sache ernst nimmt, sollte das normalerweise kein Problem für ihn sein. Was war es denn, was sie damals gereizt hat gegen die Williams-Schwestern anzutreten? Das war einfach ganz spontan. Wir standen zur selben Zeit im Büro der ATP (Profitennis-Organisation der Männer, Anm. d. Red.) in Melbourne. Die beiden waren da schon vorher mal hereinmarschiert, weil sie wissen wollten, ob es irgendeine Regel gibt, die verhindern würde, dass sie auf der Männertour antreten dürfen. Die gab es nicht. Sie erzählten, dass sie einen Spieler beim Einspielen beobachtet hätten und sich sicher waren, dass sie den schlagen könnten. Irgendwann haben sie dann rausgehauen, dass sie einen Spieler, der um die Top-200 der Weltrangliste herum platziert ist, sicher besiegen könnten. Und ich stand einfach da, weil ich mich für Turniere anmelden wollte und hab dann halt gesagt: „Ich steh auf Platz 203. Ihr könnt’s ja mal probieren!“ Das war nur ein Spruch und die Mädels sind auch erstmal gar nicht darauf eingegangen. Aber hinterher kam dann jemand von der ATP auf mich zu und hat gefragt, ob ich das wirklich machen würde. Und weil mein Flug erst ein paar Tage später ging, habe ich zugesagt. Alles keine große Nummer. Und wie wurde es dann eine große Nummer? Weil Serena und Venus auf einer Pressekonferenz davon erzählt haben. Sie hatten gerade im Doppel 6:0, 6:0 oder so ähnlich gewonnen. Und dann erzählten sie, dass das kein allzu schweres Match gewesen sei, sie aber am nächsten Tag ein wirklich schweres Match hätten. Da wurden die Journalisten hellhörig, weil sie für den nächsten Tag gar nicht angesetzt waren. Und als wir dann gespielt haben – wir hatten uns extra auf den hintersten Platz der Anlage eingebucht, um den Betrieb nicht zu stören – waren die Tribünen voll mit Journalisten. Serena war damals 16, Venus 17 Jahre alt. Beide schon sehr gut, aber sicher noch nicht auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit. Wäre ein Duell zehn Jahre später spannender geworden? Wenn ich dann auch zehn Jahre älter, also schon über 40, gewesen wäre, vielleicht ein bisschen. Aber wenn ich auf demselben Level wie damals in Australien wäre, gehe ich davon aus, dass das trotzdem eine klare Nummer für mich ist. Denn – und das soll bitte nicht despektierlich klingen – ich habe bei unserem Spiel ja nicht richtig gespielt. Ich habe im Prinzip ohne ersten Aufschlag gespielt, weil ich wollte, dass wir ein paar Ballwechsel und einfach ein bisschen Spaß miteinander haben. Wenn Frauenteams im Fußball gelegentlich gegen Jungs testen und dabei hoch verlieren, gibt es anschließend meist Häme. Und immer auch die Frage: Warum machen die das überhaupt? Für den Fußball kann ich natürlich nur mutmaßen, aber ich könnte mir vorstellen, dass es für sie einfach auch ein guter Test ist. Egal, ob sie gewinnen oder verlieren. Wenn man sich im Sport mit Besseren misst, kann man dadurch lernen. Im Tennis gilt für mich: Wenn die Mädels das ausprobieren wollen, sollen sie es gerne tun. Das sind tolle Sportlerinnen. So wie Serena damals, die vor dem Match sagt: „Okay, Karsten, let’s give it a try.“ Dann dachte ich: Na gut, probier’s aus. Aber ich mache da keine ernsthafte Veranstaltung draus. Du wirst sehen, dass es nicht gut funktioniert für dich. Ich glaube, dass damals die Williams-Schwestern einfach jung und unbedarft waren und das vielleicht nicht ganz einschätzen konnten. Haben Sie mit den beiden nach dem Match noch Kontakt gehabt? Ich war zwar noch einige Jahre auf der Tour, aber Berührungspunkte gab es da wenige. Überraschenderweise kommen die beiden ja nicht mal eben in die Männerumkleide reinspaziert. Aber bei den French Open direkt nach dem Match in Melbourne stand ich im Spielertunnel zum Court-Susanne-Lenglen und habe mich mit einem Kollegen unterhalten. Serena lief mit ihrer Entourage vorbei. Erst hat sie so getan, als hätte sie mich nicht gesehen. Aber dann hat sie sich umgedreht. Wir haben uns angeguckt und sie sagte: „Karsten, du weißt, das Ding in Australien hat niemals stattgefunden.“ Das war der letzte bewusste Kontakt, den wir hatten. Ihre Karriere kannte auch andere Höhepunkte, Einsätze im Davis Cup zum Beispiel. Auch ihr Spitzname, „die Katze“, weil sie sich so geschmeidig bewegt haben, kam nicht von ungefähr. Trotzdem werden sie vermutlich am häufigsten auf ein Match angesprochen, das inoffiziell war und von dem es weder Videos noch besonders viele Bilder gibt. Stört sie das? Vielleicht ist es ein bisschen schade, dass andere Erfolge ein bisschen in den Hintergrund treten. Aber das ist völlig in Ordnung so. Ich bin noch immer Tennistrainer und gebe manchmal auch Camps mit Erwachsenen. Vor allem da kommt das Thema immer mal wieder auf. „Karsten, erzähl doch mal, wie war das damals mit den Williams-Schwestern?“, heißt es dann. Das stört mich in keinster Weise. Ist doch eine gute Geschichte.