FAZ 10.02.2026
08:31 Uhr

Dschungelcamp-Wiedersehen: Plötzlich ist es Ariel, die sich entschuldigt


Der Dschungelkönig ist gekrönt und trifft sich letztmals mit den anderen Kandidaten im Baumhaus. Eine gute Nachricht vorweg: Dieses Mal checkte er offenbar reibungslos im Teamhotel ein.

Dschungelcamp-Wiedersehen: Plötzlich ist es Ariel, die sich entschuldigt

Nun ist es vorüber, das erfolgreichste Sozialexperiment im deutschen Abendprogramm: das Dschungelcamp. Die Gil-Ariel-Schweigefuchs-Orgie lockte so viele Schaulustige vor die linearen TV-Bildschirme – RTL erwägt, die Popularität der zwei Publikumslieblinge für das neue Format „Dschungelcamp – Das Promispecial“ zu nutzen und beide noch drei Monate länger im australischen Busch zu internieren. Bis dahin sitzen die Camp-Antagonisten aber erst mal im Baumhaus und stellen sich gemeinsam mit ihren zehn Lagerfeueradjutanten den knallharten Fragen der Investigativjournalisten Sonja Zietlow und Jan Köppen. Leider verpasst Zietlow die Gelegenheit für ein legendäres Opening: Zietlow: „Gil, wie geht es dir jetzt, 24 Stunden nach deinem Sieg?“ Gil: „Ich darf dazu nichts sagen!“ Trotzdem wartet die Nation gebannt auf den Showdown im Baumhaus. Jedenfalls die paar, die noch zuschauen. Denn wenn wirklich jeder seinen RTL+-Account gelöscht hätte, der ebendies für den Fall eines Sieges von Gil Ofarim vollmundig als Protestnote angekündigt hatte, läge RTL in den Abos aktuell bei etwa minus 40.000. Des Empörungskönigs neue Kleider sind äußerst lukrativ Eine gute Nachricht für alle Mitarbeiter im Teamhotel: Gil ist da. Der konnte dieses Mal offenbar reibungslos den Check-in-Prozess absolvieren. Tja, Hotellobby-Märchenonkel Gil. Man kann ihn lieben oder hassen. Oder man liebt die, die ihn hassen. Sicher ist nur: Nach 17 Tagen Camp-Beschimpfungen und Kommentarspalten-Volksgerichtshof fährt er mit 400.000 Euro nach Hause. Des Empörungskönigs neue Kleider mögen kontrovers sein, lukrativ sind sie dennoch. Kurz bevor man sich fragt, ob bei RTL die Angst vor Kompletteskalation eingesetzt hat und Ariel darum vor der Aufzeichnung sediert wurde, erscheint sie endlich am Talkshow-Tisch mit Gil. Große Erkenntnisgewinne bleiben jedoch aus. Ariel wirkt, als sei sie von ihrem Management aufgefordert worden, während der Sendung acht bis zehn Gänge zurückzuschalten. Nachdem die Attacken-Superspreaderin sich ihre Camp-TED-Talks zum Thema „Du bist ein Lügner, Gil“ noch mal in Superzeitlupe angesehen hat, überrascht sie mit unverhoffter Selbstreflexion: „Ich rede manchmal schneller, als ich denke.“ Und als wäre das nicht schon dramabetäubend genug, dreht sich der Abend dann in einen skurrilen Gegenteiltag. Plötzlich ist es Ariel, die sich entschuldigt: „Ich habe Gil gesagt: Ich möchte nicht, dass du dich angegriffen fühlst. Wenn ja, dann tut mir das leid.“ Wie bitte? Hat RTL Konfro-Barbie Ariel gegen eine handzahme KI getauscht? Wenn Ariel sich bei Gil entschuldigt, was ist dann noch alles möglich? Hat Trump sein gesamtes Vermögen an Frauenhäuser gespendet? Wechselt Haaland zu Hertha BSC Berlin? Holt die SPD irgendwo über 20 Prozent? So zensiert man sich selbst Nachdem auf Social Media wochenlang Gil-Hasser und Gil-Supporter zum erbarmungslosen Kommentarspaltenkrieg aufeinandergeprallt waren, sollen jetzt Eskalationswogen geglättet werden. Nachdem RTL 17 Tage lang Benzin ins Feuer gegossen hat, löschen Zietlow und Köppen angestrengt sachlich nun alle Brandherde. So zensiert man sich selbst und spart alle Themen aus, die redaktionell zweifelsfrei zum Wiedersehen gehört hätten. Niemand spricht Gil auf die sehr gut dokumentierten Unwahrheiten an, die er ständig wiederholt hatte. Auch Umut wird verschont. Der hatte im Lagerfeuer-Infight mit Ariel behauptet, ein Video zu besitzen, das beweist, sie hätte ihm angeboten, im Camp eine sendezeitoptimierende Lovestory zu inszenieren. Wo ist es? Und auch Ariels Ausflug in die Abgründe der Aluhut-Evidenzignoration wird unter den Harmonieteppich gekehrt. Deeskalationsstrategie am Tag nach dem Finale, das führt zu zwei Dingen: irritierte Kandidaten und gähnende Langeweile. Man hätte mit dem Brisanz-Sprengstoff aus 17 Tagen Campromantik alles in Brand stecken können. Von einem Quotenfreudenhaus wie RTL hätte man eigentlich genau das erwartet. Um weiteren Schaden vom Sender fernzuhalten, haben Jan Köppen und Sonja Zietlow aber Samthandschuhe an. Der bemerkenswerteste Dialog bleibt daher dieser: Patrick Romer: „Ich finde, Gil hätte sich entschuldigen sollen!“ Sonja Zietlow: „Bei wem?“ Patrick Romer: „Bei niemandem!“ Aha. Schöner wäre nur noch gewesen: Patrick Romer: „Gil schuldet mir noch richtig viel Geld!“ Sonja Zietlow: „Wie viel?“ Patrick Romer: „Gar nichts!“ So bleibt vom Wiedersehen lediglich die diffuse Angst, RTL könne den Gil-Erfolg als Casting-Inspiration verstehen und für 2027 Jérôme Boateng, Luke Mockridge und Attila Hildmann ins Dschungelcamp bitten. Dann implodiert nämlich das Internet.