FAZ 31.01.2026
08:54 Uhr

Dschungelcamp-Kolumne: „Ich habe selber Babys, ich esse keine kleinen Kängurus“


Weil im Dschungel schon über 146 Regelverstöße begangen wurden, kassiert RTLs Dramapraktikant die Zigaretten ein. Und unsere Kolumnistin erinnert sich an einen Spruch des Bundeskanzlers.

Dschungelcamp-Kolumne: „Ich habe selber Babys, ich esse keine kleinen Kängurus“

Der Tag acht bei „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ geht traditionell mit einer Zäsur einher. Die Nerven liegen blanker als die Brüste von Samira Yavuz im aktuellen „Playboy“, die Belegschaft in der australischen Betty-Ford-Dschungelklinik für Popularitätsentzugserscheinungen kramt die tränenaffinsten Privatanekdoten aus den Erinnerungssynapsen und es werden Allianzen geschmiedet, als könne man eine bei IBES rekrutierte Busenfreundin später gegen einige lukrative Baumarkteröffnungsjobs eintauschen. Nun bestimmen die Zuschauer nämlich nicht mehr, wer die Dschungelprüfung bestreiten wird, sondern wer das Camp verlassen muss. Plötzlich ahnen selbst (Achtung!) Dürrbrettbohrer wie Stephen, dass es für den Dschungelkönig nicht reichen wird, wenn man am Einzugstag ein „Haarband in der Arschritze schmuggelt“. Der bislang hauptsächlich auf seinem Feldbett vor sich hin vegetierende Dürr entwickelt plötzlich eine nominierungspanische Hyperaktivität. Gerade hatte er noch gezeigt, dass er das Freestyle-Talent einer Tasse Gurkenwasser besitzt. Jetzt befürchtet man an den heimischen TV-Geräten: Vor lauter Übermotivation könnte Schlagernovize Dürr sich demnächst an seinen größten Hit erinnern. „Schau lieber nicht zurück, sondern tief ins Glas“ „Stephen Dürrs größter Hit“, das klinkt ein bisschen wie „Der schönste Postbote in Usbekistan“, aber jenen Hit gibt es wirklich. Und er geht so: „Und wenn du’s richtig machst, hast du richtig Spaß. Schau lieber nicht zurück, sondern tief ins Glas“. Auf der nach unten offenen Ballermann-Skala eine stabile Minus zwölf. Da wäre dann mal richtig Stimmung in der recht trostlosen Lagerfeuerdisco. Oder wie Dürrs größter Fan, Friedrich Merz, sagt: „Rambo Zambo!“ Tag acht im Dschungelcamp ist jedenfalls ein bisschen wie ein 40. Geburtstag. Man ahnt, viel mehr als noch mal 40 Jahre wird es vermutlich nicht geben – und auch die nur, wenn man Glück hat. Selbst der Stephen Dürr der Oberhemden, Jan Köppen, ist schon ganz aufgeregt: „Heute startet das große Ausziehen“. Wobei viele Zuschauer an dieser Stelle denken: „Ach nee. Wir haben Stephen Dürr schon ausreichend nackt gesehen!“ Ganz andere Probleme haben die zahlreichen Raucher im bekanntesten intellektuellen Nichtschwimmerbecken des Landes. Als disziplinarische Notmaßnahme kassiert der Dramapraktikant von RTL alle Zigaretten ein und unterbindet zusätzlich die Nachschubversorgung. Der quotenstrategisch exzellente Schachzug für Lektionen in Nikotindemut war notwendig, „weil schon über 146 Regelverstöße begangen wurden!“ Mal wieder ein formallogisch zweifelhafter Eingriff in den Dschungelalltag. Was soll das heißen: über 146? 147, oder was? Zum Abendessen: „Das hintere Stück eines Wallabys“ So oder so, der Glimmstängel-Aderlass hinterlässt Spuren. Was mit Sprachzentren passieren kann, wenn man zu viele Texte von Stephen Dürr konsumiert, zeigt Samira Yavuz, als sie die Leidenssituation ihrer Entzugskollegen in Worte fasst: „Das tut dem Zustand jetzt auch nicht positiv irgendwie mitwirken“. Ein Satz, der auch beim 58. Lesen weniger Sinn ergibt als die Verschwiegenheitserklärungssaga um Gil Ofarim. Wer unter diesen Umständen gehofft hatte, ein üppiges Abendmahl würde für mehr Ausgeglichenheit sorgen, der sollte diese Woche keine größeren Summen in hochspekulative Geldanlagen investieren. Besonders nicht in Anteile an exotischen Fleischproduzenten. Die erleben nämlich ihr Image-Waterloo, als RTL den vor Hunger kognitiv schon teilsedierten Promisimulanten „das hintere Stück eines Wallabys“ zum abendlichen Verzehr überreicht. Sofort überschlagen sich im Netz die boykottbereiten Spontantierschützer vor Empörung. Ein Phänomen, über das man Bände empirischer Sozialforschung verfassen könnte. Tausende bigotte Tastaturphilosophen entdecken plötzlich ihre Liebe zu allen Lebewesen. Vornehmlich solche, die den Rest ihrer beruflich offenbar nicht sonderlich streng eingeschränkten Freizeitkapazitäten regelmäßig damit verbringen, die Social-Media-Welt mit Steak-, Cheeseburger- und Dönerverköstigungsfotos zu bereichern. Was ist der Unterschied zwischen dieser Kolumne und Nicole Belstler-Boettcher? Aber auch im Camp der Reichweitenvasallen mit renovierungsbedürftiger Karriere bleiben kulinarische Freudentänze um den Wallaby-Kadaver aus. Insbesondere die U40-Sektion der Lagerfeuerromantiker, die sich im echten Leben in erster Linie von Smoothies, Chai-Latte und Rabattcodes ernährt, fragt sich, was ein Wallaby überhaupt ist. Dazu gibt es unterschiedliche Theorien: Nicole Belstler-Boettcher nimmt an: „Das sind diese kleinen Kängurus!“ Simone Ballack korrigiert: „Nein! Das sind diese Tiere, die so langsam sind und nur rumhängen!“ Wobei sie Wallabys da eventuell mit Hubert Fella verwechselt, der das IBES-Basislager augenscheinlich für ein vierzehntägiges Dauerschlafexperiment nutzt. Entsprechend korrigiert Mirja du Mont: „Nee, das sind Faultiere!“ Während Umut Tekins Gesichtskirmes darauf hindeutet, dass er sich fragt: „Langsame Tiere – ist das dann Slowfood?“ Aber auch Samira Yavuz wirkt irritiert. Für einen Moment glaubt man, sie hätte versehentlich „das hintere Stück eines Wollny“ verstanden und ihr Frontallappen wäre daraufhin beim Versuch, fehlerfrei die Namen Sylvana, Sarafina, Jeremy-Pascal, Sarah-Jane, Lavinia, Calantha, Estefania und Loredana aufzusagen, wegkollabiert. Das Ergebnis jedenfalls ist eindeutig: „Ich habe selber Babys, ich esse keine kleinen Kängurus!“ Hoffentlich gibt es morgen körnige Milchprodukte. Dann freue ich mich auf Samiras Verzichtserklärung: „Ich habe selber ein Haus, ich esse keinen Hüttenkäse!“ Mit diesem schönen Wort zum Wochenende und einem exklusiven IBES-Rätsel möchte ich mich für heute aus dem Dschungelcamp-Pressezentrum an der Gold Coast verabschieden. Die Quizfrage des Tages lautet: Was ist der Unterschied zwischen dieser Kolumne und Nicole Belstler-Boettcher? Genau: Diese Kolumne kehrt morgen zurück. Nicole Belstler-Boettcher hingegen hat als erste Kandidatin des 2026er „Ich bin ein Star“-Kaders die Exmatrikulationspapiere der Zuschauerjury erhalten und das Camp bereits verlassen. Bis morgen!