Tag zehn im Trauercamp für Relevanz-Rekonvaleszenten. Mit Umut Tekin und Nicole Belstler-Boettcher wurden bereits zwei Verdachtsfälle auf akuten Glamour-Komplettverlust gnadenlos vom knallharten Zuschauer-Kuratorium aussortiert. Die zehn verbliebenen Matadore des kuratierten TV-Masochismus versuchen nunmehr zu zehnt, ihre ramponierte Vita durch Abstecher ans Dromedar-Anus-Buffet ein weiteres Mal durch den Karriere-TÜV zu schummeln. Der große Voting-Kehraus im Wartezimmer für fachärztliches Biographie-Botox aktiviert sogar Dschungel-Kandidaten wie Stephen Dürr zur Diskursteilnahme. Von dem hatte man bislang vermutet, er wäre durch Ariels Dauerpöbelattacken gegen Gil Ofarim wohl ins Koma gefallen. Dürr hatte die ersten neun Lagertage vornehmlich damit verbracht, seine Qualifikation für eine Anschlussverwendung als männliches Mia-Julia-Pendant zu manifestieren: Mittelgutes Aussehen und exhibitionistische Ader werden durch nicht vorhandenes Gesangstalent ausgeglichen. Jetzt kniet Dürr plötzlich vor Eva Benetatou wie ein Boxtrainer vor seinem in den Seilen hängenden Schützling kurz vor dem K. o. und offenbart, dass ihr „Patrick hier, Patrick da, wo ist Patrick“-Eiertanz den Eindruck erwecke, sie würde eine Balzoffensive einleiten. Hinsichtlich ihrer Ehebruchhistorie mit dem Gatten von Samira Yavuz ein brisanter Vorwurf. Entsprechend vehement reagiert die griechische Prinzessin der Unfehlbarkeit: „Ich würde mich niemals an einen vergebenen Mann ranschmeißen!“ Äh, aha. Das ist etwa so, als würde Richard David Precht beteuern, er würde sich nie in eine Talkshow setzen. „Überleg mal, wie müde der Typ war!“ Jenes Momentum der Eva-Defensive nutzt die Barbara Salesch der IBES-Armada, Ariel („ich bin sehr gut im Checken“) für eine schnelle Verhaltensanalyse: „Evas Plan war es, eine neue Eva zu zeigen. Aber sie macht wieder dasselbe wie immer. Sie flirtet mit vergebenen Männern!“ Harte Vorwürfe, aber zumindest vergibt Ariel den Schwarzen Camp-Peter – anders als Y-Chromosom-Bro Stephen Dürr – nicht ausschließlich an die Dame des Flirthauses. Auch Anbandel-Anspielpartner Patrick bekommt sein Abkanzelfett ab: „Du hängst 24/7 mit Eva rum! Ihr flirtet den ganzen Tag! Du bist ein ekelhafter Mann! Deine arme Freundin!“ Einmal in Fahrt, beerdigt sie gleich auch noch Lieblingsopfer Gil mit seiner Hotellobby-Vergangenheit. Minutenlang lässt sie das einschlägige Ofarim-Beschuldigungs-Bingo auf Gil einprasseln. Der reagiert allerdings desinteressiert: „Geh weg. Ich bin müde von dir!“ Diesen Elfmeter lässt sich die Schweizer Mondlandungsexpertin nicht nehmen: „Überleg mal, wie müde der Typ war, den du monatelang falsch beschuldigt hast! Du bist ein kranker Lügner. Du bist gestört! Was du einem Menschen angetan hast, ist Schmutz!“ Wie hätte sie auf gerichtsfest verurteilte Dschungelinsassen reagiert? Ariels persönliche Gil-Vendetta entwickelt sich langsam zu einem Musterbeispiel für psychologische Reaktanz: Je häufiger sie die immer gleichen Vorwürfe repetiert, umso genervter reagiert das Zuschauer-Auditorium in den Kommentarspalten. Wenn Ariel so weitermacht, hat sie bis spätestens Tag 13 etwas geschafft, was Gil Ofarim selbst auch in 13 Jahren nicht gelungen wäre: Mitleid mit ihm zu provozieren. So pathologisch, wie Ariel sich in das Davidstern-Märchen von Gil Ofarim verbeißt, fragt man sich immer häufiger: Wie hätte sie in anderen Staffeln wohl auf die gerichtsfest verurteilten Dschungelinsassen Günther Kaufmann (versuchte schwere räuberische Erpressung mit Todesfolge), Ingrid van Bergen (Totschlag), Arno Funke (schwere räuberische Erpressung) reagiert? Selbstjustiziales Wegsperren ins Dschungelklo? Standesrechtliches Auspeitschen? Von seiner beobachtenden Pole Position auf der erhöht über dem Lagerfeuerszenario thronenden Liege aus resümiert Trash-TV-Neuling Hardy Krüger jr. derweil: „Nur weil es Reality heißt, heißt das ja nicht, dass es real ist!“ Eine zutreffende Beobachtung. Zum Grand Slam der Dschungelweisheiten fehlt jetzt nur noch ein beherztes: „Nur weil ich Krüger heiße, bin ich ja kein Nationalpark!“ Ausgeklügelte Aufmerksamkeitsgenerierungstaktik? Um seinen Standpunkt detailerläuternd zu untermauern, fügt Nacktmull-TV-Profi Eva hinzu: „Darum wird ja auch ein Unterschied gemacht zwischen Trash und Reality!“ Und da hat sie recht. Ein Kurz-Tutorial: Hat man einen One-Night-Stand mit einem verheirateten Mann, dann ist das: Trash. Wird man dafür von der Öffentlichkeit als Ehebrecherin gecancelt, dann ist das: Reality. Aber auch zu Ariels Scharfrichter-Attitüde hat Medienanalytiker Hardy eine Theorie. Er hält ihr Verhalten für eine ausgeklügelte Aufmerksamkeitsgenerierungstaktik, um sich Bildschirmzeit zu erschleichen: „Ariel ist eine One-Girl-Show. 80 Prozent der Sendezeit geht auf sie!“ Wie eine einzelne Frau wie Ariel statt einer One-Girl-Show beispielsweise eine Two-Girl-Show sein könnte, erläutert der Campmethusalem nicht. Aber wenigstens hat er korrekt gegendert. Dieser unerwartete Wokeismus-Anfall muss belohnt werden. Beeindruckt zeigt Ariel sich einsichtig. Also, fast: „Ich nehme sehr gerne Ratschläge an. Aber nicht, wenn es um meine Meinung geht!“ Dieses auf den ersten Blick etwas zwiespältige Gefühl kenne ich: Ich habe immer sehr gerne Mathe gemacht. Aber nicht, wenn es um Zahlen ging. Nach den abermaligen „Gil ist ganz, ganz schlimm“-Redundanzfestspielen ist Tag zehn dann auch beinahe schon wieder rum. Eva kommentiert noch kurz ihre Gefühlslage, als sie am Vorabend beinahe das Camp hatte verlassen müssen: „Mir ist das Herz in die Hose gerutscht und dann wieder hoch!“ Umut Tekin, den es stattdessen traf, bedankt sich bei der Gelegenheit schnell bei seinen Fans: „Ich küsse euer Herz!“ Außer das von Eva natürlich. Das war ja gerade in der Hose und riecht daher eventuell etwas streng. Um seinen Camp-Exmatrikulationsfrust gebührend zu bekämpfen, ordert Tekin direkt nach seinem Auszug um acht Uhr morgens erst mal Tequila und Bier. Drüben im Versace-Hotel bejubelt Begleitpromi Claudia Obert stolz den promillebewussten TV-Torkelnachwuchs. Nun behauptet der Volksmund konsequent, aller guten Dinge wären drei. Das trifft allerdings nicht immer zu. Heute beispielsweise nicht für Mirja du Mont. Obwohl es laut dem Stimmungsbarometer an der IBES-Fanbase mit Ariel (erzählt zu viel), Stephen Dürr (erzählt zu schlechte Witze), Eva (erzählt zu viel Idiotisches) oder Hardy (erzählt im Prinzip nie was) ausreichend prädestinierte Rauswurfkandidaten gäbe, geht die Mietvertragskündigung für die Dschungel-WG heute überraschend an Mirja du Mont. Tja, was soll ich sagen: The Sky ist wohl doch nicht the Limit. Bis morgen!
