FAZ 01.02.2026
08:47 Uhr

Dschungelcamp-Kolumne: „Die Erde ist flach. Das habe ich auf Tiktok gesehen!“


Gil Ofarim hat so viel zu erzählen, aber auch an Tag neun im Dschungel wollen alle nur über sein Gerichtsverfahren sprechen. Zumindest bis Ariel einen spektakulären Ausflug in die Abgründe der Verschwörungstheorie wagt.

Dschungelcamp-Kolumne: „Die Erde ist flach. Das habe ich auf Tiktok gesehen!“

Hier in Berlin läuft aktuell die Fashion Week. Gertenschlanke, junge Models schlittern über die spiegelglatten Bürgersteige. Vielen Dank an den Umut Tekin der Landeschefs, Kai Wegner. Sie haben es der Fachpresse vermutlich entnommen: Der hatte zuvor nicht akkurat streuen lassen. Beim Eisbalancieren beten die Runway-Grazien, sich nicht ausgerechnet vor der Kilian-Kerner-Show die Knöchel zu brechen. Ihr Einsatz lohnt sich. Das mit ihrer Präsenz einhergehende phänotypische Upgrade verändert das von Friedrich Merz kürzlich angemahnte Stadtbild merklich. Nicht nur deswegen ist die Berliner Fashion Week das Dschungelcamp der Modewelt. Die Ähnlichkeiten zwischen der Berufsgruppe, die unterernährt wirkt, weil sie zu ungeschickt für Dschungelprüfungen ist, und der, die unterernährt wirkt, weil sie sich vornehmlich von in Orangensaft getränkten Wattebäuschen ernährt, sind frappierend. Zwar ist es nicht wahrscheinlich, dass Sonja Zietlow auf der Avenue Montaigne mit Anna Wintour verwechselt wird – aber immerhin sieht Hardy Krüger Jr. ein bisschen aus wie der junge Wolfgang Joop. Gil Ofarim ist überzeugt, man konzentriere sich auf das Falsche Während der Modewoche zieht es selbsternannte Fashion-Blogger fast so zielstrebig nach Berlin, wie Eva Benetatou in die Betten verheirateter Männer. Und noch etwas gibt es nur auf der Fashion Week: Du stehst oben ohne in einem Raum mit 40 Männern – und alle gucken nur auf deine Hose. Ein bisschen so fühlt sich auch Gil Ofarim auf der Fashion Week für karriererecyclinginteressierte Talentsimulanten. Er ist nämlich ebenfalls überzeugt, man konzentriere sich bei ihm auf falsche Details: Er hat so viel zu erzählen, aber alle wollen nur über sein Gerichtsverfahren sprechen. Vor allem Ariel. Die Hotelrezeptionisten-Barbie erinnert ihn 48-mal am Tag daran. Dabei gibt es viele andere Geschichten über ihn. Etwa, warum seine Ehe in die Brüche ging und wie er seine Ex-Frau damals behandelt hat. Warum nur interessiert sich die Nation dafür noch weniger als für Filme über Melania Trump? Im Wiederbelebungscamp für dahinsiechende Starbiographien ist Gil isoliert. Das hat er sich selbst zuzuschreiben. Wenn das RTL-Straußenpenis-Experiment in einer Woche endet, werden die zwölf Lagerfeuerromantiker die Vokabel „Verschwiegenheitserklärung“ öfter gehört haben als ihren eigenen Namen. Viele neutrale Beobachter befürchten sogar, Umut Tekin könnte sich reflexartig „Ich darf nichts sagen“ auf den Rücken tätowieren lassen. „Die viele Blondierung hat sich durchgefressen“ Doch woran liegt es, dass Gil Ofarims Vergangenheit für Empörungswut sorgt, während die toxische Art des pathologischen Reality-Fremdgehers Tekin unerwähnt bleibt? Fragt man den Allroundgelehrten Stephen Dürr, liegt es daran: „Ruhm, Neid, Missgunst“. Das klingt ein bisschen wie eine Single aus dem Kultalbum „Lachen, Weinen, Tanzen“ von Matthias Schweighöfer. „Lachen, Weinen, Tanzen“ gilt als „Abbey Road“ der deutschen Popkultur. Stephen Dürr hingegen hätte am Vortag beinahe das Camp verlassen müssen. In letzter Minute jedoch konnte er sich in einem Kopf-an-Kopf-Abstimmungsrennen haarscharf gegen Nicole Belstler-Boettcher durchsetzen. Um mal ein wenig vom Gil-Thema abzulenken, wagt Ariel einen spektakulären Ausflug in die Abgründe der Verschwörungstheorie: „Die Erde ist flach. Das habe ich auf TikTok gesehen!“ Und das ist keine reine Schwurbeltaktik. Für ihre staunenden Mitcamper hat sie eine lupenreine Erklärung parat: „Wenn du mit einem Flugzeug fliegst, und die Erde wäre rund, dann würdest du irgendwann an einen Punkt kommen, wo man nicht weiterkann!“ Dass man hingegen, wäre die Welt eine Scheibe, mit einem Flugzeug irgendwann nirgendwo mehr landen könnte, weil man über ihren Rand hinausgeflogen ist, auf den Gedanken kommt Ariel nicht. Ihr Ausflug in die Selbstdenker-Szene bleibt auch beim Ältestenrat des Dschungelensembles nicht unbemerkt. Hubert Fella mutmaßt: „Die viele Blondierung hat sich durchgefressen“. Hardy Krüger Jr. ergänzt: „Wer braucht Schule, wenn es TikTok gibt?“ Tja, Ariel vermutlich nicht. Sie hat sogar ein weiteres Aluhut-Ass im Ärmel: „Die Mondlandung hat es nicht gegeben. Dieser Armstrong war nie auf dem Mond, das ist alles Fake!“ Wobei sie da formaljuristisch nicht mal angreifbar ist. Theoretisch könnte sie Lance Armstrong gemeint haben. Und der war an vielen Orten, geheime Labore zum Beispiel, in denen man sich illegales Blutdoping verabreicht – aber ganz sicher nie auf dem Mond. Umut Tekin fliegt relativ überraschend raus Anschließend erliegt Quotenbauer Patrick Romer mal wieder seinem latenten Popularitätsneid: „Auch in anderen Formaten ist Stephen ja nicht so gut angekommen. Darum weiß ich nicht, wie groß seine Fanbase wirklich ist.“ Patrick hingegen ist in seinen vorherigen Formaten stets tsunamiartig mit Sympathiewellen überrollt worden. Vor allem für seinen Auftritt im „Sommerhaus der Stars“ gab es den Andrej-Mangold-Gedächtnispreis für die beste emphatische Gesamtleistung. Seine Ex-Freundin Antonia Hemmer hatte er dort mit einem Gebrauchtwagen verglichen. Ob seine Fanbase also deutlich größer ist als die von Dürr, darf bezweifelt werden. Zumal Kühe selten in Televotings eingreifen. Das alles ist zu viel für Feingeist Eva: „Ich mag so negative Energien nicht.“ Zum Glück übernimmt dann Flatearther Ariel schnell wieder das Pöbelzepter. Zur Auflockerung erinnert sie Patrick daran, dass er zwar eine Freundin hat, seine Zeit im Camp dennoch fast ausschließlich mit Eva verbringt. Und das nicht mit lauteren Absichten: „Wenn hier keine Kameras wären, hätte er sie schon längst gebumst!“ Wobei mich diese These ratlos zurücklässt. Ich nahm bislang an, kameraorientierter Beischlaf wäre genau das Ziel von hauptberuflichen Reality-Darstellern. Um das Kopulationskonzept im einschlägigen Horizontal-TV zu durchschauen, muss ich bis morgen wohl alle Staffeln „Tempation Island“ nachholen. Vielleicht leistet mir Umut Tekin dabei Gesellschaft. Relativ überraschend nämlich wählen die Zuschauer ihn als zweiten Kandidaten aus dem Rennen um den Dschungelthron. Wen es morgen trifft, das verrate ich dann ebenfalls genau hier. Bis dann!