FAZ 25.01.2026
11:04 Uhr

Dschungelcamp-Kolumne: „Das G in Gil steht für gelogen“


Schon am zweiten Tag im Dschungel fährt RTL alles auf, was das deutsche Trash TV so zu bieten hat: Alkoholsucht, Verschwiegenheitserklärungen, Ehebruch. Und Gil Ofarim plaudert aus dem Nähkästchen.

Dschungelcamp-Kolumne: „Das G in Gil steht für gelogen“

Erst Tag zwei im RTL-Auffanglager für relevanzspartanische Karriereasketen, und schon sind alle Quotenlampen an. Drama, Charakterlosigkeiten, Lügen, Ehebruch und Prüfungsdesaster: Check. Kaum 48 Stunden am Lagerfeuer der Leichtmatrosen, und die gesamte Klaviatur der Trash-TV-tauglichen Brandbeschleuniger ist bereits gezündet. Aufregerthema Nummer eins ist Gil Ofarim. Unter dem Hashtag #IBES ist man sich einig, der semiprominente Dschungelkader sollte mit Gil dringend das machen, was der Volkssouverän zuletzt mit der FDP vorgemacht hatte: Strafversetzung in die Bedeutungslosigkeit. In Zeiten gnadenloser Kommentarspaltenkonfrontationseskalation wird das Dschungelcamp zur letzten Bastion kollektiver Einigkeit. Insofern verrät die öffentliche Rezeption des Dschungelcamps mehr über den Zustand unserer Republik als jede Talkshow. Als offizieller Markus Lanz am All-you-can-eat-Büffelhodenbuffet etabliert sich in der Frühphase dieser Saison der Schweizimport Ariel. Mit endloser Penetranz grillt sie zunächst Gil Ofarim und direkt im Anschluss Eva Benetatou. „Sie hat meine Familie zerstört“ Ex-„Bachelor“-Dropout Eva hatte zuletzt von Flugbegleiterin auf Fluchbegleiterin umgeschult und sich eigenhändig der nationalen Beleidigungsindustrie ausgeliefert. Und zwar mit ihrer Beichte, sie hätte mit dem Ex-Mann von „Sommerhaus der Stars“-Gewinnerin Samira Yavuz eine Affäre gehabt. Oder wie Samira sagt: „Sie hat meine Familie zerstört.“ Die Bonuspikanterie dabei: In einem konfrontationsdynamischen Geniestreich ist es RTL gelungen, neben Fremdgehikone Eva gleichzeitig auch noch die gehörnte Samira in den australischen TV-Busch zu locken. Dramahausse für Schicksalsvoyeure an den heimischen Endgeräten. Und auch Pulitzerpreisanwärterin Ariel ist sogleich im Bewertungsmodus: „Eva hätte die Chance, hier die Wahrheit zu sagen vor ganz Deutschland.“ Na ja, die erste Folge des Dschungelcamps verfolgten zwar stabile 4,27 Millionen Zuschauer. Bei 83,5 Millionen Einwohnern ist das allerdings nicht ganz „ganz Deutschland“, sondern etwa fünf Prozent. Mit dieser Dschungelmilchmädchenrechnung liegt Ariel direkt auf Augenhöhe mit einem der ganz Großen – Rudi Völler. Der sagte nämlich einst: „Zu 50 Prozent stehen wir im Viertelfinale, aber die halbe Miete ist das noch nicht!“ Eva Benetatou: „Ihr kennt nur die eine Seite“ Nicht mal zu 50 Prozent einsichtig dagegen zeigt sich Ehebrecherin Eva. Statt mit selbstkasteiender Showreue die Herzen der Dschungelcampfanbase zu erobern, übt sie sich in aussichtslosem Täter-Opfer-Umkehrschach. Auf Ariels Charaktermanifest, man dürfe nie etwas mit verheirateten Männern anfangen, beteuert Eva, Ariel „kenne ja nur die eine Seite“. Welche Seite fehlt, lässt sie offen. Wurde sie mit vorgehaltener Waffe zum Beischlaf mit Samiras Mann gezwungen? Ist sie versehentlich aus ihrem Kleid und auf sein zufällig erigiertes primäres Geschlechtsorgan gerutscht? Samira Yavuz jedenfalls glaubt nicht an die große Versöhnung: „Soll ich jetzt einer Frau hinterherlaufen, die meinen Mann gebumst hat, bevor ich mein Kind geboren habe?“ Womit sie das Konzept des Dschungelcamps vollumfassend beschrieben hat. Aber auch Gil Ofarim, der Lord Voldemort der Hotelleriebranche, wird vom inoffiziellen IBES-Untersuchungsausschuss namens Ariel im Schnellverfahren abgeurteilt: „Das G steht für gelogen!“ Und das, obwohl Gil sich dem Tribunal aus Mitcampern und Zuschauerauditorium per juristischem Maulkorbkniff entziehen will. So beteuert er gebetsmühlenartig: „Ich habe eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet.“ Ofarim: „Flughafen Bangkok musste wegen mir gesperrt werden“ Leider bezieht sich besagte Verschwiegenheitserklärung nur auf Gerichtsverfahren. Über seine Karriere darf er weiter unbehelligt sprechen. Also offenbart er dem staunenden Umut Tekin, der Flughafen Bangkok hätte einst seinetwegen gesperrt werden müssen. Was man mit einem laut ins Handy gebrüllten „Ja, ich konnte die Bombe platzieren“ an Flughäfen eben erleben kann. G-wie-gelogen-Gil Ofarim hatte schon zuvor einen auf Eva Benetatou gemacht und im Gespräch mit Nachtwachenpartner Hardy Krüger junior die finale Rettungsopferkarte gespielt: „Ich habe die Schuld auf mich genommen, weil ich sonst meine Kinder verloren hätte.“ Das ist auch nur noch eine Instastory von „Das war der Bruder von Hubert Aiwanger“ entfernt. Hardy Krüger junior trank sieben Flaschen Wein am Tag Aber auch Hardy selbst hat eine Lebensbeichte mit ins Camp gebracht, die es in den nächsten zwei Wochen abzuarbeiten gilt: Er war einst Alkoholiker und trank „sieben Flaschen Wein am Tag“. Mehr als 2500 Flaschen im Jahr. Das Altglas von Hardy Krüger junior hatte eine eigene Postleitzahl. Dann schaffte er den Turnaround und ist heute trocken. Dem Alkohol entsagt zu haben, hat nicht nur Vorteile. Wenn es ganz schlecht läuft, fängt man sich sogar eine Einschätzung von RTL-Landwirt Patrick Romer ein: „Wenn man in Deutschland nicht trinkt, wird man behandelt wie ein Aussätziger. Da kommt man noch hinter dem, der im Laden mit einem Fahrradhelm rumläuft!“ Hä? Genau: Ein Satz, nach dem man erst mal seine Synapsen auf Werkszustand zurücksetzen muss. Zum Abschluss dieser Peer-Review gibt es am zweiten Tag im Ferienlager der Kognitivweltmeister noch eine interessante mathematische Exkursion mit Hubert Fella. Der verrät im Deeptalk, er hätte sich mit 22 Jahren bei seinen Eltern als schwul geoutet und ein halbes Jahr später seinen Mann Matthias Mangiapane kennengelernt. Aha? Ein kurzer Faktencheck: Hubert Fella ist jetzt 58 Jahre alt. Matthias Mangiapane 42. Nach Adam Riese ergibt das einen Altersunterschied von 16 Jahren. Ich bin keine Biogerentologin, aber wissenschaftlich betrachtet gibt es dafür nur zwei Erklärungsansätze: 1. Hubert Fella hat seinen Ehemann Matthias Mangiapane kennengelernt, als Mangiapane sechs Jahre alt war. 2. Matthias Mangiapane lügt bei seinem Alter noch dreister als G-für-gelogen-Gil Ofarim. Ich freue mich schon auf den Moment, in dem Campinvestigativreporterin Ariel sich dieser Thematik annimmt. Vielleicht ja schon morgen? Ich werde berichten!