Gil Ofarim hat viele Namen. Bürgerlich lautet der Passname des 1982 in München geborenen Verschwiegenheitserklärungstheoretikers: Gil Doron Reichstadt. Der Boulevard nennt ihn Lügen-Gil. In der F.A.Z.-Ressort-Kantine nennen wir ihn Baron Gil Carl Friedrich von Münchhausen. Und Ariel nennt ihn: peinlich. Das alles passt nicht sehr harmonisch dazu, wie er sich selbst nennt: unschuldig und freigesprochen. Nun ist in den vergangenen Tagen umfangreich berichtet worden, dass Gil Ofarim selbstverständlich nicht freigesprochen wurde. Per Schuldeingeständnis nebst Geldauflage entging er lediglich einer relativ wahrscheinlichen Verurteilung. Das Verfahren wurde nach Paragraph 153a der Strafprozessordnung eingestellt. Die Menschen, die auch am Samstagabend fleißig für Gil Ofarim anrufen und ihm (so viel sei schon verraten) einen Platz im Finale sichern, haben das auch gelesen. Samira Yavuz, Simone Ballack, Hubert Fella und Patrick Romer, die vier Halbfinalisten neben Gil Ofarim, dagegen nicht. Dennoch hadern sie alle sehr viel mehr mit Gils Weiterkommen als die Öffentlichkeit. Den Titel des Dschungelkönigs wünscht ihm kein Mitcamper. Aus allen relevanten Umfragen hingegen geht Gil Ofarim als klarer Favorit hervor. Da fragt man sich natürlich schon: Von welchem bizarren Sympathieverschiebungsphänomen werden wir hier gerade Zeuge? Kein Zaunpfahl, sondern ein Hochsicherheitsgefängnis Aber der Reihe nach. Die traditionell mit viel emotionaler Tränendrüsenaktivität einhergehende Verlesung der Briefe der lieben Daheimgebliebenen legt ihre Schatten noch weit über das Halbfinale. Immerhin: Patricks Brief stammt zum Glück von Freundin Annelie und nicht von Eva Benetatou. Annelie erinnert ihn darin an zwei wichtige Details. Zum einen an ihre Ringgröße. Das ist schon kein Zaunpfahl mehr, das ist ein Hochsicherheitsgefängnis. Zum anderen an seine Oma Gertrud. Die meint, Patrick solle lieber auf dem Hof bleiben und nicht dauernd im TV zu sehen sein. Ich persönlich finde ja, man sollte immer auf seine Oma hören. Als die Briefnachwehen nachlassen, wird die postalisch zugestellte Rührseligkeit mit einem wohlschmeckenden Dinner abgerundet. Wobei: wohlschmeckend? Haute-Cuisine-Influencerin Samira meldet Zweifel an: „Beinwellwurzel, das schmeckt, wie das Badezimmer von einer alten Frau riecht!“ Nun, umgekehrt wäre verhängnisvoller, aber Simone Ballack, die von Tag zu Tag mehr aussieht wie Carolin Kebekus ohne Make-up, fühlt sich dennoch angesprochen: „Damit meinst du jetzt aber nicht mich?“ Man spürt förmlich, wie Diversity-Galionsfigur Patrick der Spruch „Nein, Hubert!“ auf der Zunge liegt. Statt sich abermals für eine wenig zeitgeistkompatible Entgleisung in das Orkanauge eines sogenannten Shitstorms zu werfen, philosophiert er lieber über Gil Ofarims Schuldbewusstsein: „Jemand, der sich nicht entschuldigt, sieht seine Fehler vielleicht gar nicht ein!“ Potzblitz, möchte man da rufen. Welchen Jahrhundertgedanken teilt uns der Immanuel Kant der Kamelhodengenießer als Nächstes mit? Ich tippe auf: „Jemand, der nicht weiß, dass fünf plus fünf zehn ergibt, ist vielleicht gar nicht so gut in Mathe!“ „Alle für einen und alle für einen“ Zum Glück hat Patrick keine Zeit, weiter an seinem Erstlingswerk „Die Metaphysik hat gelitten“ zu schreiben. Er ist Teamchef und muss sich als solcher um reibungslose Abläufe im Camp kümmern. Diese Aufgabe nimmt er ernst: „Jetzt werden die Bandagen angezogen!“ Wahrscheinlich legt er zusätzlich auch noch das Tempo an. Um auch mal wieder was zu sagen, mischt sich pünktlich zur legendären „Creek der Sterne“-Prüfung auch Hubert Fella ins fröhliche Volksweisheiten-Bingo ein: „Alle für einen und alle für einen!“ Das ist auch mein Lieblingsmotto. Dicht gefolgt von „Wie man in den Wald ruft, so ruft man in den Wald“ und „Der Apfel fällt nicht weit vom Apfel“. Endlich also „Creek der Sterne“. Klar wird da auch, warum das Schweizer Präzisionsbeschimpfungsuhrwerk am Vortag das Camp verlassen musste. 800.000 Liter aus Hochdruckwasserwerfern und Ariel, das hätte ziemlich geschäumt. Und die schäumt ohnehin nicht gut: „Ich habe viele Emotionen, aber ich bin schlecht darin, sie zu zeigen!“ Was die 22 Jahre alte Pöbelbarbie noch verinnerlichen muss: Emotionen sind wie Pickel. Manchmal tut es weh, sie auszudrücken. Nach einer erfolgreichen Fünf-von-fünf-Sterne-Prüfung ist plötzlich auch Samira im Schmutzige-Privatwäsche-Salon angekommen. Sie verrät, dass ihr Ex-Mann Serkan nach ihrer Trennung nun ein Buch schreiben wird und einen Podcast gestartet hat, den er für einen Euro verkaufen konnte. Serkan Yavuz ist also nicht nur ein versierter Ehebrecher, sondern auch ein Verkaufsgenie. Bei Erlösen von einem Euro pro Podcast müsste er nur 12.000 Podcasts pro Monat aufnehmen – und schon würde er zu Tommi Schmitt und Felix Lobrecht, den Topverdienern der Branche, aufschließen. Samira befürchtet außerdem, dass auch sein Buch nicht unbedingt dazu beitragen wird, ihr Privatleben aus der Öffentlichkeit rauszuhalten. Alle Mitcamper reagieren empört. Wahrscheinlich fragen sie sich: Hä? Buch? Serkan kann schreiben? Ofarim: „Ich weiß nicht, was ich noch machen kann, damit man mir das abnimmt“ Im Dschungeltelefon hadert Freisprucherfinder Gil derweil mit dem ständigen Misstrauen, dem er im Camp ausgesetzt ist: „Ich weiß nicht, was ich noch machen kann, damit man mir das abnimmt.“ Ich bin keine Trash-Expertin, aber ich denke, bei zentralen Fragen zu seiner Vergangenheit gelegentlich mal bei der Wahrheit zu bleiben, könnte helfen. Bis zur Verkündung, welche beiden Halbfinalisten das Finale aus dem Teamhotel schauen müssen, füllt RTL die werbeblockrelevanten Sendezeitmindestansprüche mit Bildern des gestrigen Auszugs von Ariel. Dabei haben alle tausend Fragen an Ariel, aber niemand stellt die entscheidende: „Wenn die Erde eine Scheibe ist, warum ist es dann in diesem Moment hier in Australien taghell, während es in Deutschland finstere Nacht ist?“ Die Antwort von Ariel darauf hätte mich fast noch mehr interessiert, als wer am Sonntag Dschungelkönig wird. Nachdem Simone Ballack und Patrick Romer vom Publikum auf der Ziellinie abgefangen werden, haben darauf nur noch Samira, Hubert und eben Gil die Chance. Morgen wissen wir mehr. Ich bleibe dran. Bis dann.
