Als Recep Tayyip Erdoğan vergangene Woche mit Wladimir Putin in Turkmenistan zusammenkam, ging es recht vertraut zu. Man sah die beiden Präsidenten scherzend auf einem Sofa sitzen. Putin zwickte seinem türkischen Amtskollegen freundschaftlich die Hand. Wenn es stimmt, was die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, ging es bei ihren Gesprächen in Aschgabat auch um das S-400-Luftabwehrsystem, das die Türkei 2019 von Russland gekauft hat. Erdoğan wolle das System an Moskau zurückgeben, schrieb die Agentur unter Berufung auf „Leute, die mit der Angelegenheit vertraut sind“. Im Gegenzug wolle er einen Teil des Kaufpreises zurück. Denkbar sei, dass Russland der Türkei einen Teil der Kosten für Öl- und Gaslieferungen erlasse, sagten die „Leute“. Dementi in Moskau, Schweigen in Ankara Erst vor zwei Wochen hatten beide Länder zwei Gaslieferverträge für ein Jahr verlängert. Die Gespräche über eine mögliche Rücknahme des S-400 durch Russland laufen laut dem Bloomberg-Bericht schon länger. Der Kreml wies die Darstellung auf Anfrage der Agentur zurück. Aus dem Präsidentenpalast in Ankara gab es dazu am Donnerstag keine Stellungnahme. Unbestritten ist, dass die Türkei seit Monaten mit den Vereinigten Staaten über den Verbleib des S-400 verhandelt. Die Beschaffung des Systems hatte 2019 dazu geführt, dass Amerika die Türkei aus seinem Programm für F-35-Kampfflugzeuge ausgeschlossen hatte, in das Ankara gern zurückkehren möchte. Außerdem hatte Washington 2020 CAATSA-Sanktionen gegen die Türkei verhängt, die eine solche Rückkehr zusätzlich erschweren. Eine wichtige Rolle in den Verhandlungen spielt der amerikanische Botschafter Tom Barrack, dessen offizieller Amtssitz Ankara ist, der aber lieber in Istanbul weilt. Er schrieb kürzlich auf der Plattform X: „Wie im US-Recht dargelegt, darf die Türkei das S-400-System weder betreiben noch besitzen, um zum F-35-Programm zurückzukehren.“ Das Wort „besitzen“ ließ aufhorchen, denn bis dahin war in Ankara gemunkelt worden, dass die Türkei das System einmotten oder auf einem NATO-Stützpunkt in der Türkei unter ausländische Kontrolle stellen könnte. Das reicht den USA offensichtlich nicht. Die Rolle des amerikanischen Botschafters Auch über einen Verkauf an einen Drittstaat wurde in der Vergangenheit spekuliert, dem Russland aber zustimmen müsste. Erdoğan hatte das S-400 unter dem Eindruck des Putschversuchs von 2016 gekauft, als die Beziehungen zum Westen auf einen Tiefpunkt sanken. Ein Betrieb des Systems im Zusammenspiel mit F-35-Flugzeugen hätte Russland aus amerikanischer Sicht wertvolle Erkenntnisse liefern können. Die Türkei hat es bisher einmal getestet und ansonsten nicht mehr in Betrieb genommen. US-Botschafter Barrack schrieb, „die positive Beziehung zwischen Präsident Trump und Präsident Erdoğan“ habe „die fruchtbarsten Gespräche“ ermöglicht, die es seit 2019 zu diesem Thema gegeben habe. Man hoffe auf „einen Durchbruch in den kommenden Monaten“. Zuvor hatte er allerdings gesagt, er rechne mit einer Lösung bis Ende des Jahres. Erdoğan hatte sich schon bei seinem Treffen mit Trump im Weißen Haus im September um Fortschritte in der Frage bemüht. Es hieß, er habe gehofft, Trump könne am Kongress vorbei eine Ausnahmeregelung schaffen. Erdoğans Kritiker hielten ihm dann vor, er sei mit leeren Händen aus Washington zurückgekehrt. Seit dem Amtsantritt Trumps haben sich die Beziehungen aber merklich verbessert. So holte der amerikanische Präsident die Türkei in den Verhandlungen mit der Hamas über einen Waffenstillstand in Gaza gegen israelische Vorbehalte mit ins Boot. Bessere Beziehungen seit Trumps Amtsantritt Auch in Syrien stimmen sich beide Seiten eng ab. Die Türkei dringt auf eine Schwächung der von den USA unterstützten kurdisch geführten SDF-Miliz. Die ungelöste Frage, wie und ob sie in die syrischen Streitkräfte integriert wird, hat den Friedensprozess des türkischen Staates mit der kurdischen PKK-Guerilla zum Stillstand gebracht. Eine andere Frage ist, ob eine Rückgabe des S-400 für die Türkei tatsächlich den Weg für den Kauf von F-35 freimachen würde. Israel hat dagegen Vorbehalte angemeldet. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, wenn er schon gegen den Verkauf der Flugzeuge an Saudi-Arabien sei, das sich nicht in einer Konfrontation mit Israel befinde, dann wären die Bedenken bei der Türkei „vervielfacht auf Steroiden“. Netanjahu äußerte Zweifel, dass diese Möglichkeit „überhaupt besteht“. Unter anderem fürchtet Netanjahu, dass die Türkei Israel die Kontrolle über den syrischen Luftraum streitig machen könnte. Das wurde deutlich, als Israel im April einen syrischen Stützpunkt bombardierte, auf dem die Türkei ein Luftabwehrsystem stationieren wollte. Ankaras Kuppel aus Stahl Ankara wiederum hat es eilig, die eigene Luftwaffe zu stärken, seit Israel im Juni in Iran und bei einem Luftschlag gegen Hamas-Vertreter in Qatar im September demonstriert hat, wozu es militärisch in der Lage ist. In Anlehnung an das israelische Luftabwehrsystem „Iron Dome“ plant Ankara einen „Steel Dome“. Wie Qatar beherbergt die Türkei ranghohe Hamas-Vertreter. Die engen Verbindungen zu der Terrororganisation, die noch unter Joe Biden scharf kritisiert wurden, machen Erdoğan in Trumps Augen zu einem wertvollen Verbündeten. Um ihn in diesem Eindruck zu bestärken, betont die Türkei seit Wochen ihre Bereitschaft, an einer Stabilisierungstruppe im Gazastreifen mitzuwirken. Israel lehnt das kategorisch ab. In israelischen Medien wurde berichtet, dass die USA Ankara auf Drängen Israels in dieser Woche nicht zu einer Konferenz in Doha eingeladen hätten, in der es um die geplante Stabilisierungstruppe ging.
