Mit flinken Händen verschraubt Dima Paschtschenko zwei schmale Streifen aus Carbonfaser zu einem Kreuz. Dann montiert er an jedem Ende einen kleinen Elektromotor. Die werden später die Propeller antreiben. Anschließend verlegt er entlang der Streifen Kabel, zieht darüber zur Isolierung Stoffhülsen und befestigt alles mit Kabelbindern, deren überhängende Enden er abschneidet. Fertig ist das Grundgestell einer Drohne. „Es ist ganz einfach zu bauen“, sagt der 26 Jahre alte Mann und zieht die Stoffhandschuhe aus, die er zum Schutz vor dem abfärbenden Carbon trägt. „Die Montageschritte sind nicht schwer zu lernen.“ Dima ist einer von gut 30 Freiwilligen, die in ihrer Freizeit in einem Kiewer Hinterhof Drohnen für die Front bauen. Der genaue Ort darf aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden. Denn die kleine Werkstatt ist, wenn man so will, ein Rüstungsbetrieb und damit potentielles Ziel für Angriffe und Sabotage im Verteidigungskampf der Ukraine gegen Russlands Angriff. „Ich will Frieden, ich will keine Menschen verletzten“, sagt Dima, während er eine Halterung für Kamera und Relais in der Mitte des Gestells verschraubt. „Aber wir leben in einer komplizierten Lage.“ Drohnen sind zum Hauptkampfmittel geworden Russische Raketen und Drohnen töteten und verletzten Ukrainer jeden Tag, sagt er. Auch in Kiew, das Russland in diesem Herbst noch heftiger als sonst und bevorzugt nachts angreift. Das alles mache ihm sehr zu schaffen. Dima ist ein groß gewachsener, schlanker, eher zurückhaltender Typ. Noch vor zwei Jahren arbeitete er als Finanzanalyst, beobachtete Märkte und Aktien, traf schnelle Entscheidungen. Dann wurde er krank und stieg aus. Die Drohnenmanufaktur sieht er auch als Versuch, wieder in einem strukturierten Alltag Fuß zu fassen. Seine ältere Schwester nahm ihn im Spätsommer hierher mit. „Es gefiel mir sofort“, sagt er. Ihm gegenüber sitzt Kseniia Kalmus, die Gründerin der Werkstatt. Sie arbeitete bis Anfang 2022 als Floristin, hatte in Kiew ihren eigenen Laden und kreierte preisgekrönte Sträuße und Bouquets. Doch nach Russlands Angriff am 24. Februar 2022 habe sie nicht weitermachen können, erzählt sie. Kalmus ist 36 Jahre alt, sie trägt schulterlange Haare, Hornbrille und eine Silberkette mit einer Minidrohne um den Hals. „Ich habe damals meinen Laden geschlossen und gesagt: Wir sind im Krieg. Ich kann doch jetzt keine Blumen mehr binden!“ Sie organisierte zunächst Hilfe für Menschen in den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten, sammelte Spenden, um dort Häuser zu reparieren sowie Kleidung und Ausrüstung für die Soldaten zu kaufen. Die berichten ihr Ende 2023 auch, dass sie dringend Drohnen benötigten, aber kaum welche bekämen. Es ist die Zeit, als sich der mit Flugzeugen, Panzern und Haubitzen begonnene Krieg in einen praktisch omnipräsent von Drohnen beherrschten Kampf zu wandeln begann. Inzwischen würden nur fünf Prozent der kaputten ukrainischen Panzer von anderen Panzern beschädigt oder zerstört, berichtete Olexandr Kamyschin, der Rüstungsminister war und heute den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj berät, im Herbst auf einer Konferenz in Kiew. Stattdessen seien 95 Prozent der Schäden durch Drohnen verursacht. „Drohnen sind heute in jedem konventionellen Kriegssegment im Einsatz.“ Die Armee habe inzwischen Mörser durch Drohnen ersetzt. „Mit Drohnen für wenige Hundert Euro lässt sich heute Militärgerät, das Millionen Euro kostete, unschädlich machen“, sagt Shamil Krutkow, Kommandeur der 93. Mechanisierten Brigade der Ukrainischen Streitkräfte. 90 Prozent des zerstörten russischen Militärgeräts und 80 Prozent der Soldaten, die getötet oder verwundet wurden, seien mittlerweile auf Drohnen zurückzuführen. „Sie sind unser Hauptkampfmittel heute, sie helfen, das Leben unserer Soldaten zu sichern“, so Krutkow. Das größte Problem jedoch sei der Nachschub. Ukraine will Drohnenteile aus China verringern Kseniia Kalmus hörte Ende 2023 bei ihren Hilfseinsätzen an der Front immer häufiger, dass Drohnen fehlten. „Ich habe mich kundig gemacht und festgestellt, dass es kein Hexenwerk ist, eine Drohne zu bauen.“ Zurück in Kiew hörte sie von Drohnen-Kursen an einer Militärakademie und bewarb sich kurzerhand. „Normalerweise akzeptieren sie dort keine Zivilisten.“ Doch die Militärs machten eine Ausnahme. „So saß ich mit 70 Militärleuten in einem Kurs, und sie haben mich alle unterstützt.“ Auch die ukrainische Armee musste ihre Soldaten erst für den Umgang mit Drohnen fit machen. So hätten sie gemeinsam gelernt, wofür Drohnen eingesetzt werden, wie man sie steuert und welche Funktionen für den Fronteinsatz essenziell sind, sagt Kalmus. In dieser Zeit sei in ihr die Idee immer stärker geworden, selbst eine Drohnenproduktion auf die Beine zu stellen. Sie besorgte sich im Internet Baupläne und bestellte Material, zugleich warb sie um Spenden. Mit Bekannten setzte sie an Wochenenden ihre ersten Drohnen zusammen und lieferte sie den ihr von den Fronteinsätzen bekannten Brigaden. Die wiederum gaben Tipps, was die Drohnen leisten müssten und wie sie für die neuesten Anforderungen im Gefecht zu verbessern seien. „Das Montieren ist nicht schwer. Eins nach dem anderen, im Grunde ist es wie beim Blumenstecken.“ Im August 2024 gründete Kalmus in ihrer Werkstatt „Klyn-Drohnen“. Klyn hießen einst die Gebiete, in denen vornehmlich ethnische Ukrainer wohnten. Mit den Spenden, die sie einnimmt, kauft Kalmus Bauteile, die sie dann mit Freiwilligen anhand der Bestellungen aus der Armee zusammensetzt. „Wir arbeiten mit sechs befreundeten Einheiten zusammen.“ Sie liefert FPV-Drohnen, das steht für First Person View. Es sind Kamikaze-Drohnen, die samt Sprengladung in feindliche Ziele gesteuert werden. Sie gleichen den Drohnen von Hobbyfilmern, nur dass sie an der Front mit Munition bestückt werden. Kalmus zeigt auf ihrem Handy Videos, die Soldaten mit ihren Drohnen aufgenommen und ihr geschickt haben. Sie fliegen auf einen Militärtransporter zu, dann, im letzten Moment, wird der Bildschirm schwarz: Einschlag. Mit einer kleinen, hier gebauten Drohne lasse sich Militärgerät für viele Millionen Euro zerstören, sagt sie. Die reinen Materialkosten je Drohne lägen bei rund 360 Euro. Anfangs kamen viele der Teile noch aus China, inzwischen sind ihre Drohnen zu 90 Prozent ein ukrainisches Produkt. Immer mehr Firmen hätten sich auf den Bedarf spezialisiert, und Klyn ist nur einer von vielen kleineren Drohnenherstellern. Der Regierung in Kiew zufolge werden allein in der Ukraine in diesem Jahr mehr als zwei Millionen Drohnen hergestellt, eine Zahl, die 2026 noch übertroffen werden soll. Viele Spenden kommen aus dem Ausland Auch Russland hat seine Kapazitäten längst ausgebaut. Mit den gut tausend Stück, die Kalmus bisher produziert hat, leistet sie einen kleinen Beitrag, inklusive Lieferung binnen 24 Stunden in Frontorte wie Cherson, Kupjansk, Pokrowsk. In den Regalen der Werkstatt stehen stapelweise Drohnengestelle, die sie hier je nach Auftrag bestücken. Ihre Produktion ist abhängig vom Spendenaufkommen. Anfangs habe es sich schnell herumgesprochen, sogar bis nach Europa, sagt sie. Im Frühjahr seien allein von dort 80.000 Euro gekommen. In der Ukraine werde auch viel in Kryptowährungen gespendet. Das Geld geht fast vollständig in die Drohnenproduktion, nur Miete und ein kleines Gehalt zieht sie ab. Die Freiwilligen, die sich mit ihr zusammengefunden haben, kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen, es sind IT-Ingenieure, Schüler, Tänzer, Schichtarbeiter im Alter von 15 bis 79 Jahren. Sie alle haben verschiedenste Gründe, warum sie ihre Freizeit hier verbringen. „Ich will meine Heimat nicht noch mal verlieren“, sagt Dima Paschtschenko. Bis 2014 lebte er mit seinen Eltern und der Schwester auf der Krim. Während der russischen Besetzung der Halbinsel 2014 floh die Familie nach Kiew. „Im Februar 2022 standen die Russen dann 30 Kilometer vor unserem Ort“, erzählt er. „Für uns alle war das furchtbarer Stress.“ Die Gedanken kreisten: Würden sie abermals umziehen müssen, auch ihre zweite Heimat verlieren? Und wenn ja, wohin? Dima erzählt seine Geschichte, während er routiniert ein Drohnengestell nach dem anderen fertigt. Die Schritte beherrscht er beinahe blind. „Mir ist wichtig, dass ich etwas für mein Land machen kann“, sagt er. „Wenn mit diesen Drohnen Feinde getötet werden, bin ich nicht glücklich, wirklich nicht.“ Dann überlegt er und sagt schließlich: „Aber ein wenig Zufriedenheit oder Genugtuung, die fühle ich schon.“
