Dieser Tage summt und surrt es wie noch nie bei einem Sportereignis; am Himmel über Cortina d’Ampezzo, Bormio und Antholz. Die Geräusche stammen vom Einsatz der Kameradrohnen, die bei diesen Olympischen Spielen massiv zum Einsatz kommen – und neue Einblicke in das Sportgeschehen auf Skipisten und im Eiskanal bieten. Einem reicht ein Surren nicht: „Es muss richtig im Helm dröhnen“, fordert Max Langenhan, „dann sind die Bilder auch gut.“ Der Rodel-Olympiasieger zitiert mit seinen Worten eine altbekannte Fotografenweisheit: „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.“ Langenhan hätte die Drohnen gerne noch näher am Geschehen, damit sein Sport, mit seinen Kurven und „Schlüsselstellen“, im Fernsehen gut rüberkommt. Doch mit dem „näher ran“ ist das so eine Sache, wie der deutsche Drohnenpilot Alex Andy im Gespräch mit der F.A.Z. erklärt. „Sicherheit steht an erster Stelle“, sagt Andy. „Wir wollen nahe ans Geschehen, wir wollen schöne Bilder haben – aber ohne die Athleten zu gefährden oder auch nur abzulenken.“ Schon so bietet die Perspektive der Drohnen eindrucksvolle Einstellungen: knapp hinter dem Skifahrer vor dem Sprung bei der Abfahrt, im Rücken der Skeletonis beim Start in die Eisrinne, schräg über dem Snowboarder beim Trick in der Halfpipe. Die Sicherheit, das betont Andy mehrmals, stehe dabei „an höchster Stelle“. Was für ihn bedeutet, dass sein Job mit der Trilogie an Anforderungen aus „Sicherheit, schönen Bildern und interessanten Stories“ durchaus anspruchsvoll ist. Das Feedback der Athleten ist gut Insgesamt 15 FPV-Drohnen, die für den Einsatz in der Film- und Videoproduktion entwickelt wurden, sind nach Aussage der Olympia-Organisatoren bei den Winterspielen im Einsatz. Sie werden von Piloten ferngesteuert, die über Spezialbrillen virtuell den Blick der Drohne einnehmen. Im Eiskanal von Cortina steuert Ralph Hogenbirk die Drohnen. Der 35 Jahre alte Niederländer hat schon im Herbst bei den olympischen Testfahrten mit den Athleten „trainiert“, um sich die Kurven der Bahn und daraus resultierend seine Flugbewegungen einprägen zu können. Bis auf ein bis zwei Meter darf er nach dem Start an die Sportler heranfliegen. Das Feedback der Athleten ist gut: „Schaut wirklich ganz cool aus“, sagte Rodler Felix Loch: „Schöne Sache, was die Jungs dort machen.“ „Selbst wenn eine Drohne vom Himmel fallen würde ...“ Yiannis Exarchos, Chef der Olympic Broadcasting Services (OBS), die alle Bilder von den Olympia-Orten produziert und an die Fernsehanstalten verteilt, spricht von einer „neuen Dimension“ der Sportübertragung. Auch ARD-Teamchef Christoph Netzel berichtet davon, dass die Zuschauer die neue Technik als „spannend und optisches Erlebnis“ empfinden. Drohnenpilot Andy erklärt die Kriterien, die er dabei beachten muss: „Wir fliegen nie über Athleten, wir fliegen nie über Zuschauer, wir fliegen nie im Sichtfeld von Athleten.“ Heißt: „Selbst wenn mal eine Drohne vom Himmel fallen würde, dürfte sie auf niemanden drauffallen.“ In der Probephase dieser Technik bei Skirennen wäre dem Österreicher Marcel Hirscher einmal beim Slalom in Madonna di Campiglio 2015 ein abgestürztes Flugobjekt beim Slalom fast auf die Skienden gekracht. Andy beruhigt: „Seit dem Zwischenfall mit Marcel Hirscher ist sowohl in der Drohnentechnologie viel passiert als auch in den Sicherheitsprotokollen, die wir einhalten.“ Zudem sind die Drohnen auch viel leichter geworden. Die aktuellen Geräte wiegen gerade mal 250 Gramm und sind in etwa handflächengroß. Über die Preise schweigt sich Andy aus. Er selbst arbeitet als Vollzeit-Drohnenpilot und Kameramann mit eigener Firma. Andy wird oft für Filme, Werbung oder Sportevents gebucht – wo immer spektakuläre Luftaufnahmen gebraucht werden, so auch während Olympia von OBS. „Ich baue mir je nach Sportart oder Filmdreh meine Drohnen selbst, damit sie den Anforderungen gewachsen sind“, sagt er. Der Freiburger hatte ursprünglich Wirtschaftsingenieurwesen studiert, dann aber gemerkt, dass er „nicht mein Leben lang nur im Office und am Computer arbeiten will“. Er begann, seine Passion fürs Filmen zum Beruf zu machen und erkannte Potential: „Mit Drohnen ist noch so viel mehr möglich als mit herkömmlichen Kameras“, so seine Erkenntnis. Der Fahrtwind ist lauter Bei den Olympischen Spielen agiert Andy mit seinen Flugobjekten in Antholz und hat eine genaue Vorstellung davon, wie die Bilder wirken sollen. „Beim Biathlon ist die spannendste Arbeit für die Drohnen nicht das Schießen im Stadion, sondern das Skifahren außerhalb.“ Er bezieht deshalb mit seinem vierköpfigen Team eine Position in der Mitte der Wettkampfstätte. Dort hat er seine Basis, mit einem Zelt als Mittelpunkt, damit die Ausrüstung gegen Schnee und Regen geschützt ist. Der Pilot steuert sein Gerät mit einem Joystick. Seine Mitarbeiter unterstützen ihn, halten das Umfeld der Drohne und das Renngeschehen im Auge. Der „Spotter“ überwacht den „Luftraum“. Ein zweiter Kollege kommuniziert mit dem Broadcaster. Ob die Live-Bilder tatsächlich verwendet werden, darauf hat der Drohnenkameramann keinen Einfluss. Das entscheidet der Regisseur. Er kann die Drohnenbilder ins Weltbild schneiden wie das Material aller anderen Kameras auch, die entlang der Strecke stehen. Doch die Drohnen sind eben nicht „an ein Stativ gefesselt“, sondern können relativ frei fliegen — solange der Akku hält. „Die kleine Drohne hat eine Flugzeit von etwa drei Minuten.“ Das reicht, um einen Athleten beim Aufstieg zu begleiten und bei der Abfahrt ins Stadion hinein. Danach kommt die Drohne „nach Hause“, wie Andy es ausdrückt. Der Akku wird gewechselt, und dann kann sie neu starten. Die größere Drohne, die eher für die Beautyshots zuständig ist, kann sogar eine Viertelstunde unterwegs sein. Das Schöne für Andy ist, dass er entweder das aktuelle Wettkampfgeschehen verfolgen kann, „schon mal zum spannenden Zweikampf am Berg hinfliegen kann“. Oder aber er nutzt den Moment und kann „leichter als Kameras vom Boden zeigen, wie schön eigentlich dieser Ort ist, an dem die Wettkämpfe stattfinden“. Bleibt der etwas nervige Ton, dieses ewige Surren – das aber eher die Zuschauer stört als die Sportler. Die Olympioniken bekommen davon kaum etwas mit. Abfahrer Romed Baumann berichtete schon nach dem Drohneneinsatz beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel, dass der Fahrtwind viel lauter sei. Und der deutsche Eisschnellläufer Felix Maly erzählte in Mailand: „Die Halle ist so laut, viel lauter als die Drohne.“ Woraus zu schließen ist, dass der Sicherheitsabstand eingehalten wurde.
