FAZ 16.12.2025
18:34 Uhr

Drohender Golfstrom-Kollaps: „Mit Schlittschuhen von Schottland bis zum Nordpol“


Neue Berechnungen zeigen, dass der Klimawandel den Golfstrom stärker gefährdet als gedacht. Ein Frankfurter Erdsystemforscher erklärt, was die Folgen sein könnten.

Drohender Golfstrom-Kollaps: „Mit Schlittschuhen von Schottland bis zum Nordpol“

Erst erstarrt Neu Delhi im Frost, dann zerlegen Tornados Los Angeles, und schließlich überziehen Superstürme die Nordhalbkugel binnen weniger Tage mit einem Eispanzer: So endet im Blockbuster „The Day After Tomorrow“ ein Klimadesaster, das mit dem Versiegen des nordatlantischen Golfstroms begann. Die gute Nachricht vorweg: Das Roland-Emmerich-Szenario bleibt der Menschheit erspart. Auch wenn eintritt, was ein Forscherteam um Stefan Rahmstorf und René van Westen in einer aktuellen Studie als mögliche Entwicklung skizziert, wird die Menschheit nicht schockgefrostet. Beunruhigend sind die Resultate der Wissenschaftler trotzdem. Rahmstorf, der am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung arbeitet, und sein niederländischer Kollege van Westen sind zu der Ansicht gelangt, dass ein Zusammenbruch des Golfstroms und eine damit verbundene drastische Abkühlung Europas deutlich wahrscheinlicher sind als bisher gedacht. Ihre Studie, die auf Berechnungen mit 38 neuen Klimamodellen beruht, hat auch jenseits von Fachkreisen viel Aufmerksamkeit erregt. Sie lässt allerdings eine Reihe von Fragen offen. Nico Wunderling kann einige davon beantworten. Der Physiker arbeitet am Center for Critical Computational Studies der Goethe-Universität; sein Spezialgebiet ist die Untersuchung von Kipppunkten in Erdsystemen, wie zum Beispiel Meeresströmungen. Bevor Wunderling nach Frankfurt kam, war er am Potsdam-Institut tätig; er gehört nach eigenen Worten der „gleichen Denkschule“ an wie Rahmstorf, war aber nicht Mitglied von dessen Arbeitsgruppe. Wunderling nennt Rahmstorfs Studie „sinnvoll“ und „vertrauenswürdig“, auch wenn die Ergebnisse zum Teil „sehr düster“ seien. Das Team um Rahmstorf und van Westen hat verschiedene Szenarien durchgerechnet, die – anders als bisherige Kalkulationen – zum Teil weit über das Jahr 2100 hinausreichen. Je nachdem, wie viel Treibhausgase die Menschheit ausstößt, nimmt darin der Wärmetransport nach Europa durch den Golfstrom um 60 bis 80 Prozent ab oder kommt sogar ganz zum Erliegen. Unter der ungünstigsten Annahme einer weiter zunehmenden Nutzung fossiler Brennstoffe kam es in 67 Prozent aller Modellläufe zum Zusammenbruch der warmen Meeresströmung bis zum Jahr 2300. Zwei optimistischere Szenarien ergaben immer noch Wahrscheinlichkeiten von 30 respektive 21 Prozent für eine solche Entwicklung. Der Schalter könnte in diesem Jahrhundert umgelegt werden Ein Irrtum wäre es, aus diesen Zahlen zu schließen, dass der Menschheit noch 200 Jahre Zeit blieben, um den folgenschweren Temperatursturz abzuwenden. Denn schon in diesem Jahrhundert könnte im Nordatlantik sozusagen der Schalter umgelegt werden, der die Wärmepumpe für lange Zeit stilllegt. Selbst bei einer starken Senkung der Kohlendioxidemissionen könnten dann abermals Jahrhunderte vergehen, bis sich die Zirkulation wieder erholt. Rahmstorf wie Wunderling weisen zudem darauf hin, dass in den neuen Berechnungen das rasche Abschmelzen des Grönlandeises noch gar nicht berücksichtigt ist. Durch diesen Vorgang gelangen riesige Mengen Süßwasser in den Nordatlantik. Süßwasser ist weniger dicht als Salzwasser, es sinkt daher langsamer ab. Dadurch wird in der Tiefe der Rückstrom des Wassers behindert, das mit dem Golfstrom aus tropischen Breiten nahe der Meeresoberfläche in den Norden gelangt – die ozeanische Umwälzpumpe, der Europa sein mildes Klima verdankt, gerät ins Stottern. Geschwächt wird sie nach Wunderlings Worten zudem durch die Verringerung des Temperaturunterschieds zwischen Norden und Süden sowie eine veränderte Niederschlagsverteilung, die ebenfalls auf den Klimawandel zurückzuführen sei. Temperaturen unter minus 50 Grad im Winter möglich Auf die möglichen Folgen eines Golfstrom-Kollapses für Europa geht die aktuelle Studie von Rahmstorf und Kollegen nicht näher ein. Wunderling verweist aber auf eine andere Publikation René van Westens, die zeigt, was dem Kontinent in diesem Fall droht: Das arktische Meereis würde sich wohl stark nach Süden ausdehnen; im Winter könnte man „von Schottland bis zum Nordpol mit Schlittschuhen fahren“, wie Wunderling es ausdrückt. Mit dem Begriff „Eiszeit“, der eine Vergletscherung weiter Teile Europas impliziert, ist der Professor vorsichtig. Zu erwarten sei aber ein drastisches Absinken der Tiefsttemperaturen im Januar: In Skandinavien wären dann Werte unter minus 50 Grad denkbar, im Norden Großbritanniens unter minus 40 Grad und in Deutschland unter minus 30 Grad. Für das Vereinigte Königreich wäre eine Anpassung an solche Verhältnisse „nur mit größter Mühe zu bewältigen“, und Island würde „nahezu unbewohnbar“. Sollte der Schalter im Nordatlantik tatsächlich umgelegt werden, könnten die Konsequenzen nach Ansicht des Erdsystemforschers schon in diesem Jahrhundert spürbar werden. Noch aber habe es die Menschheit in der Hand, das Schlimmste zu verhindern. Gelänge es, die Erderwärmung auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen – wonach es nicht aussieht –, wäre die Gefahr des Golfstrom-Kollapses vermutlich gebannt. Eine Begrenzung auf zwei Grad wäre „vermutlich noch zu schaffen“, und darin sollte die Politik laut Wunderling all ihren Ehrgeiz setzen: Jenseits dieser Marke drohten „Kipppunkt-Interaktionen“, die die Lage unkontrollierbar machen könnten. Der Professor ist sich des scheinbaren Paradoxes bewusst, das Leugner des Klimawandels in ihrer Wissenschaftsskepsis bestärken könnte: Eben noch hieß es, man müsse sich auf steigende Temperaturen einstellen, nun könnte zumindest in Europa das Gegenteil erforderlich sein. Doch solcher Irritationen wegen über neue Forschungsergebnisse zu schweigen, ist für Wunderling keine Option. Die Öffentlichkeit müsse sich an diese Botschaft gewöhnen: „Wenn wir die Welt zu sehr erwärmen, wird es wirklich kalt.“