FAZ 31.12.2025
12:48 Uhr

Drohende Eskalation: Was geht im Jemen vor sich?


Die Lage im Jemen spitzt sich zu. Es droht ein bewaffneter Machtkampf innerhalb der Anti-Huthi-Koalition. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Drohende Eskalation: Was geht im Jemen vor sich?

Im Jemen eskalieren Konflikte innerhalb des von Saudi-Arabien geführten Militärbündnisses gegen die Huthi-Rebellen. Die saudische Luftwaffe bombardierte sogar nominelle Alliierte, die von den Emiraten unterstützt werden. Die wichtigsten Fragen im Überblick. Welche Rolle spielen die Emirate und Saudi-Arabien im Jemen? Im Jemen sind Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate nominell Alliierte gegen die von Iran geförderten Huthi-Rebellen. Aber zugleich verfolgen sie widerstreitende Interessen und stützen rivalisierende örtliche Kräfte. Während die Emirate die südjemenitischen Separatisten des Südlichen Übergangsrats (STC) unterstützen, steht Saudi-Arabien an der Seite der international anerkannten Regierung und arbeitet mit islamistischen Akteuren zusammen, die in der emiratischen Führung verhasst sind. Die Vereinigten Arabischen Emirate blicken ferner mit Misstrauen auf die saudischen Versuche, durch Verhandlungen mit den Huthi (und möglichen finanziellen Zuwendungen) einen Ausweg aus dem erfolgsarmen Jemenkrieg zu finden. Das ist auch Ausdruck eines geostrategischen Interessenkonfliktes: Während Saudi-Arabien ein stabiles Nachbarland will, und dass der Raketenbeschuss durch die Huthi unterbleibt, ist das Jemen-Engagement der Emirate Teil einer Strategie, Einfluss am Roten Meer und am Horn von Afrika auszuüben. Exemplarisch ist der Gegensatz in der Provinz Hadramaut, die sich von der langen saudisch-jemenitischen Grenze im Norden bis zum Meer im Süden erstreckt, und die jetzt unter die Kontrolle des von den Emiraten gesponsorten STC geraten ist. Aus saudischer Sicht sind die dortigen Verhältnisse eine Frage nationaler Sicherheit. Das Königreich hätte außerdem gerne Zugang zur Küste. Wie hat sich die Lage im Jemen zugespitzt? Ursprünglich standen sich in dem Konflikt die von Iran unterstützten Huthi-Rebellen und eine von Saudi-Arabien geführte Koalition gegenüber. Die Huthi herrschen über weite Teile Nordjemens und seit September 2015 in der Hauptstadt Sanaa. In der südlichen Hafenstadt Aden sitzt offiziell die international anerkannte Regierung, deren Führungspersonal allerdings viel aus dem Ausland agiert. Sie wird seit 2022 von einem Präsidialrat geführt, dessen Arbeit immer von inneren Spannungen geprägt ist. Zur Aden-Regierung gehören unter anderem die Sezessionisten des STC, die einen eigenen Staat anstreben und von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt werden. Sowohl die Spannungen unter den jemenitischen Akteuren als auch zwischen den Führungen Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate hatten sich zuletzt verschärft und offenbar in einer unerwarteten Offensive des STC entladen. Anfang Dezember übernahmen STC-Milizen die Kontrolle über das südjemenitische Stammland der Separatisten und stellten die international anerkannte Regierung, deren Teil sie eigentlich sind, bloß. Welche Bedeutung hat die neue Krise? Mit der STC-Offensive wurden die Karten im Jemen neu gemischt. Die Separatisten kontrollieren nun ihr südjemenitisches Stammland, das von 1967 bis 1990 ein unabhängiger Staat war. Der STC kontrolliert jetzt außerdem einen Großteil der bescheidenen Ölreserven des Landes. Die Machtbalance innerhalb der Anti-Huthi-Koalition hat sich damit massiv verschoben. Ein Friedensschluss im Krieg mit den Huthi ist mit der Eskalation weiter erschwert worden. Es droht jetzt ein bewaffneter Machtkampf, der die Lage noch komplizierter macht. Westliche Diplomaten beobachten mit großer Sorge, dass sich die Spaltung zwischen den regionalen Führungsmächten – Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten – drastisch verschärft hat. Die Spannungen zwischen beiden Golfstaaten hatten sich vor dem STC-Vormarsch auch in anderen Krisenregionen verstärkt – etwa in Sudan. Profitieren die Huthi-Rebellen von dem Konflikt unter ihren Gegnern? Der nordjemenitischen Rebellenbewegung und ihren iranischen Förderern nutzt der eskalierende Konflikt unter ihren Gegnern. Sie inszenieren sich jetzt als die letzten Wächter der Einheit der Republik Jemen. Vor allem aber hätte ihnen eine einigermaßen geräuschlose Machtübernahme des STC im Süden Kopfzerbrechen bereitet. Denn dann hätte es dort eine einheitliche Kommandokette gegeben. Außerdem verfolgt der STC eine härtere Linie im Kampf gegen den Schmuggel von Waffen und Menschen in die von den Huthi kontrollierten Regionen. Einige Gegenden im Südjemen waren dafür bequeme Drehscheiben. Jetzt können die Huthi indes dabei zusehen, wie sich ihre Gegner gegenseitig schwächen – und womöglich wieder militärisch bekämpfen. Sie herrschen so unangefochten über den Nordjemen, dass sie zuletzt vor allem mit Angriffen auf die internationale Handelsschifffahrt Aufsehen erregten, die sich als Unterstützung der Hamas im Krieg gegen Israel darstellten.