FAZ 19.12.2025
20:06 Uhr

Dresscode: Wie Sie sich für Galas und im Alltag richtig kleiden


Stephan Görner betreibt ein Maßatelier und veranstaltet eine Gala. Er weiß, wie man sich richtig kleidet – und warum wieder mehr Krawatten getragen werden.

Dresscode: Wie Sie sich für Galas und im Alltag richtig kleiden

In einer Art Samtschatulle zeigt Stephan Görner eine umfangreiche Palette an Knöpfen. Wer sich in seinem Atelier im Frankfurter Westend einen Anzug oder ein Kostüm anfertigen lässt, hat die Qual der Wahl. Musterbücher mit Hunderten Stoffen liegen bereit. An Kleiderstangen hängen Jacken und Hosen, anhand derer sich der passende Schnitt finden lässt. Görners Kunden sind in der Regel Banker, Anwälte und Unternehmer. Weil der stets in einen Anzug gekleidete Vierundfünfzigjährige aber von Hause aus kein Maßschneider ist, sondern Werbekaufmann, hat er das „Kleider machen Leute“-Projekt ersonnen. Jedes Jahr wählt Görner sechs Personen „aus dem Maschinenraum der Stadt“ und kleidet sie mit einem maßgeschneiderten Anzug neu ein. Ob Müllwerker, Krankenpfleger, Gefängniswärter, Tellerwäscher oder Kläranlagentaucher – der Fotograf Edward Park porträtiert Görners Modelle zuerst in ihrer Berufskleidung und anschließend im neuen Outfit. Aus den Bildern entsteht ein Kalender. „Wir wollten Maßanzüge nicht in klassischer Werbung präsentieren, sondern in einem völlig neuen Kontext: im Zusammenspiel mit Persönlichkeiten, die sonst nicht im Rampenlicht stehen“, fasst Görner das Konzept zusammen. Gleichzeitig sieht er die Kampagne als „ein starkes Zeichen für Respekt, Anerkennung und Wertschätzung“ denjenigen gegenüber, die oft im Verborgenen bleiben, aber für die Gesellschaft unverzichtbar sind. Weil die Ergebnisse das Team, zu dem auch PR-Fachmann Sven Müller gehört, so sehr begeisterten, kam der Wunsch auf, sie auf einer eleganten Modenschau zu präsentieren. So entstand die „Kleider machen Leute“-Gala, die am 28. Februar 2026 im Hotel Hilton Gravenbruch ihre zehnte Auflage feiert. Herzstück der Gala mit rund 400 Gästen ist die Präsentation der sechs „Laienmodels“ aus der Kampagne auf dem Laufsteg. Unterstützt werden sie von Prominenten, die ebenfalls von Görner eingekleidet werden. Mit dabei waren schon die Boxer Henry Maske und Regina Halmich, Nachrichtensprecher Jens Riewa, Musikerin Doro Pesch und die Schauspieler Richy Müller, Peter Lohmeyer und Wolfgang Stumph ebenso wie Tatort-Star Christine Urspruch. Diesmal gehört Sänger Johnny Logan zu den Stars auf dem Catwalk und der Bühne. Wenn der Box-Olympionike Maske im pinkfarbenen Samtblazer auftritt und Kollege Sven Ottke im sandfarbenen Cordsmoking, dann zeigt das nicht nur, wie sehr die Kleidung ihren Träger verwandelt, sondern vor allem, was alles möglich ist, um bei einer Gala stilgerecht aufzutreten. Und das gilt nicht nur für die Modegala. „Vor allem für Hochzeiten werden heute Smokings bestellt“, berichtet Görner. Denn die Anlässe, bei denen der Dresscode „Black Tie“ lautet, sind seltener geworden. Den Frankfurter Opernball gibt es schon lange nicht mehr, auch der Frühlingsball im Palmengarten konnte nach der Pandemie selbst als Herbstball nicht wieder erblühen, und die festliche Gala zur Verleihung des Filmpreises hat in diesem Jahr zum vorerst letzten Mal stattgefunden. „Ein Smoking muss nicht schwarz sein“ Über mangelhafte Nachfrage nach eleganten Anzügen kann Görner jedenfalls nicht klagen. „Wir hatten zwar eine Delle in der Corona-Zeit, doch die meisten Hochzeitspaare haben ihre Feste anschließend nachgeholt.“ Und auch jetzt sieht er wieder eine gewisse Lust am Feiern. Allerdings sei dafür oft nicht ganz so förmliche Kleidung gefragt. „Seit die Tech-Chefs in Amerika im T-Shirt auftreten und selbst bei Banken die Regeln lockerer geworden sind, kann man auch mit dem Dresscode für eine Gala spielerischer umgehen“, sagt der Experte und fügt hinzu: „Ein Smoking muss nicht schwarz sein.“ Farbige Samtjacketts sind seiner Meinung nach zur Smokinghose ebenso passend wie solche aus ausgefallenen Brokatstoffen. Einen solchen schwarz-silbernen hat er schon zu einem Smoking verarbeitet und zu einem klassischen Janker, den er zum Oktoberfest trägt. „Hauptsache, elegant“, lautet seine Devise. Darum müssten auch die Accessoires stimmen, wie die Samtslipper oder Lackschuhe, die passende Fliege, Manschettenknöpfe im Hemd und das Einstecktuch. Ein weißes Dinnerjacket allerdings hat für Görner auf einem Ball oder einer Gala nichts verloren. „Das kommt nur auf einem Schiff infrage.“ Nach anderen Ratgebern ist es allerdings nicht nur auf Kreuzfahrten, sondern auch bei festlichen Anlässen im Freien angemessen. Sneaker zum Smoking? Das hält Görner höchstens beim Sportpresseball für tragbar – und nur dann, wenn der Träger auch Sportler ist. Bei klassischen Tanzveranstaltungen seien Tanzschuhe schließlich sinnvoll. Ein Frack wird bei Görner so gut wie gar nicht mehr bestellt. Der werde höchstens noch beim Wiener oder Dresdner Opernball getragen, sagt er. Und Zylinder nur noch von Zauberern. Vielleicht aber kommt auch das wieder. So berichtet Görner von einer Silvesterparty im Freundeskreis, bei der man sich im Smoking treffe. Und auch sonst sieht er eine Rückbesinnung auf formellere Kleidung. Nicht nur seine Kunden, denen er auch Jeans und Blousons nach Maß anbietet, bestellten wieder mehr Anzüge. Auch wenn er mittags durch die Stadt gehe, sehe er wieder mehr Nadelstreifen und Zweireiher mit Krawatte und Einstecktuch – selbst bei jüngeren Männern. Das sei möglicherweise politisch motiviert als ein konservatives Statement. „Vielleicht liegt es auch an den wirtschaftlich schwierigeren Zeiten, dass man nach der legeren Homeoffice-Phase sich wieder formeller zeigen und damit im Job profilieren möchte“, mutmaßt er. Kleidung als Karrierebooster also – auch das passt zu Görners Motto.