FAZ 20.12.2025
14:17 Uhr

Drei Jahre nach dem Erdbeben: Eine Stadt kämpft sich zurück ins Leben


Vor drei Jahren wurde Antakya von einem Erdbeben zerstört. Die Bewohner der türkischen Stadt sind traumatisiert. Aber aufgegeben haben sie nicht.

Drei Jahre nach dem Erdbeben: Eine Stadt kämpft sich zurück ins Leben

Zwanzig Tage nach dem Erdbeben saßen Sabiha Asfuroğlu und ihr Bruder nachts im Auto und fassten den Entschluss, ihr Hotel wieder aufzubauen. Es war Ende Februar 2023. Wegen der Nachbeben mussten sie im Auto in der Tiefgarage übernachten. Sie froren und hatten Hunger. Viele der Toten waren noch nicht begraben. „Wir haben uns gesagt, okay, wir sind verzweifelt, wir sind niedergeschlagen, aber wir müssen diejenigen sein, die das Feuer wieder entzünden.“ Eineinhalb Jahre später, im September 2024, wurde das Museum Hotel Antakya wiedereröffnet. Bislang sind die meisten Gäste Geschäftsleute und Wohlmeinende, die in die Stadt tief im Süden der Türkei kommen, um etwas für die traumatisierten Kinder zu tun. „In den ersten beiden Jahren war das wirklich wichtig, und ich bin dankbar dafür“, sagt Asfuroğlu. „Aber wenn Leute von jetzt an etwas tun wollen, sollten sie herkommen, um Geld auszugeben.“ Für Souvenirs, Restaurants, Cafés. Die Unternehmerin hofft, dass die ausländischen Touristen zurückkommen, für die das Fünfsternehotel einst gebaut worden war. Ein Hotel mit römischem Bad Asfuroğlu sitzt in der weihnachtlich geschmückten Hotelbar auf dem Sofa. In dem edlen Ambiente vergisst man leicht, dass der Rest der Stadt noch immer eine matschige Großbaustelle ist. Durch die Glaswände der Bar kann man die archäologische Ausgrabungsstätte sehen, die sich über das gesamte Hotelgelände erstreckt. 17.000 Quadratmeter mit antiken Mosaiken und einem römischen Bad. Das hier ist kein gewöhnliches Hotel. Es war schon vor dem Erdbeben eine Lebensaufgabe, die Asfuroğlu sich nicht ausgesucht hat. 2009 wollte die Familie, die ihr Geld mit Baumaterialien verdient, in ihrer Heimatstadt ein gehobenes Hotel bauen. Es war die Zeit, als Kultur- und Religionstouristen aus aller Welt nach Antakya kamen, das aus der Bibel als Antiochia bekannt ist. Bei den Bohrungen für die Tiefgarage stießen sie auf bedeutende Kunstschätze. Um sie zu erhalten, entstand ein Bau, den es so wohl kein zweites Mal gibt. Unten das Open-Air-Museum, darüber das Hotel, gestützt von gewaltigen Stahlträgern. Von der Rezeption aus blickt man auf ein 2200 Jahre altes Pegasus-Mosaik. Asfuroğlu gab für das Projekt ihren Job als Bankerin in Istanbul auf. Die Ausgrabungen und der Bau dauerten zehn Jahre. Es war ein Mammutprojekt. 30.000 Artefakte wurden gefunden. „Ein Schatz für die Menschheit“, sagt Asfuroğlu. Nachdem das Hotel 2019 eröffnet worden war, nahm die „New York Times“ es in die Liste der 52 Orte auf, die man auf der Welt im folgenden Jahr besuchen sollte. Das taten auch viele. Dann kam Corona. Eineinhalb Jahre nach der Wiedereröffnung dann das Erdbeben. Das Museum-Hotel hat eine hohe Symbolkraft für Antakya. Eine Stadt, die mit dem Bewusstsein lebt, dass sie schon etliche Male von Erdbeben verwüstet und wiederaufgebaut worden ist. Wenn man genau hinschaut, sieht man die Spuren davon in den gewellten Mosaiken und den verschiedenen Schichten der ausgegrabenen Gemäuer. „Dieses Gebäude hat eine Seele“, sagt Asfuroğlu. „Wir wollen auch zu den Menschen gehören, die Steine legen, um die Stadt wieder aufzubauen.“ Die existenzielle Erfahrung des Erdbebens lässt sie zu großen Worten greifen. Vielleicht, sagt sie, sei ihr in dieser Welt die Aufgabe zugedacht, „dieses Kunstwerk zu schaffen und diese Hinterlassenschaften zu schützen“. Als am 6. Februar 2023 in Antakya die Hölle losbrach, war Asfuroğlu in Istanbul. Zwei Minuten nach Beginn des Bebens, um 4.19 Uhr, rief der Nachtportier an. „Bitte hilf uns, wir sterben“, sagte er. Im Hintergrund hörte sie Schreie. Asfuroğlu beschaffte einen Kleinbus, Lebensmittel und fuhr los. 22 Stunden später war sie in Antakya. Im Hotel selbst starb niemand. Die Wände hielten stand. Aber die 300 Kilo schweren Glasscheiben zerbarsten. Unter den Gästen damals waren Deutsche, Japaner, Araber, Brasilianer, Afrikaner – und die Istanbuler Fußballmannschaft Kasımpaşa Spor. Asfuroğlu verlor Freunde, Nachbarn, Mitarbeiter, die Lehrerin ihrer Tochter und ihre Cousine. „Wir haben noch Glück gehabt, weil wir sie gefunden haben. Es gibt Leute, die ihre Angehörigen nie gefunden haben.“ Es fehlt an Vielem Viele, die es sich leisten konnten, sind weggezogen. Asfuroğlu hätte das auch tun können. Sie hat ein Haus in Istanbul. Ihr Mann und ihre Kinder leben dort. Aber wie hätte das ausgesehen? Das große Familienprojekt aufgegeben? In Antakya kennt jeder jeden. „Die Leute hier schauen dir direkt in die Augen.“ Der Dönerverkäufer, der Taxifahrer, der Ladenbesitzer. Sie leben von den Hotelgästen. „Sie erwarten viel von dir.“ Das Hotel ist ein großer Arbeitgeber. Es beschäftigt 200 Mitarbeiter. Es gibt viele in der Stadt, die noch immer leiden. Unter den seelischen Schmerzen. Dem toxischen Feinstaub. Dem Mangel an Infrastruktur, Arbeitsplätzen, Normalität. Sie sind wütend auf den Staat. Asfuroğlu will ein anderes Narrativ verbreiten. „Wir müssen über unsere Stadt erzählen, dass ihre Bewohner die Hoffnung nicht verlieren, dass sie stur und leidenschaftlich sind und versuchen zu überleben.“ Für sie bedeutet das auch, den multikulturellen Charakter der Stadt zu erhalten, der zur Identität der Leute in Antakya dazugehört. Auf ihrem Handy zeigt die Hotelbesitzerin ein Video vom letzten Weihnachtsfest in der griechisch-orthodoxen Sankt-Paulus-Kirche, die kurz später zerstört wurde. Wie jedes Jahr hatten sich Hunderte Muslime im Kirchhof versammelt. Heute gibt es kaum noch Christen in Antakya. Während im Rest der Stadt neue Wohnblocks wie Pilze aus dem Boden schießen, liegt die Altstadt, in der sie wohnen, noch immer in Trümmern. Es gibt Pläne, einen Teil des Kulturerbes originalgetreu wieder aufzubauen. Doch das wird noch Jahre dauern. An Heiligabend vor drei Jahren, dem letzten vor dem Erdbeben, gab der Kinder- und Jugendchor von Chorleiter Ali Uğur zum ersten Mal ein großes Konzert. Ihr Probensaal wurde sechs Wochen später durch das Erdbeben zerstört. Aber die Musik hat überlebt. Uğur, ein Mann mit lockigem Wuschelkopf und runder Brille, sitzt in einem kalten Wohnzimmer, das zu einem Klassenzimmer umfunktioniert wurde. Eine Musikerin hat ihr Haus dafür zur Verfügung gestellt. Vor Uğur stehen in dem halbdunklen Raum zwei Dutzend Schüler und machen Stimmübungen. Der Chorleiter seufzt. Der Strom ist mal wieder ausgefallen. Die Zivilgesellschaft sprang für den Staat ein Insgesamt unterrichten Uğur und seine Mitstreiter 120 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und vierzehn Jahren. „Das erste Ziel ist es, den Heilungsprozess zu unterstützen, von den Traumata, die die Kinder beim Erdbeben davongetragen haben.“ In der Stadt gebe es fast keine Orte, an denen Jugendliche sich treffen könnten. „Sie können nirgendwo einen freien Kopf bekommen.“ Ein weiteres Ziel sei, in Antakya eine Kulturszene zu schaffen, die der kulturhistorischen Bedeutung der Stadt würdig sei. Darum ging es Uğur schon 2019, als er gemeinsam mit anderen Musikern, unabhängig von Staat und Kommune, das „erste und einzige Symphonieorchester“ der Provinz Hatay gründete. Ein Publikum für klassische Musik gab es damals noch nicht, sie mussten es selbst erst heranbilden. In der ganzen Provinz gab es keinen Ort, an dem junge Leute etwas über klassische Musik lernen konnten. „Um zu wissen: Wer ist Bach? Was ist ein Orchester? Was ist eine Oper?“ Damals hatte das Orchester 75 Mitglieder, die ihre Kunst anderswo erlernt hatten. Vier von ihnen kamen beim Erdbeben ums Leben. Alle anderen zogen erst einmal weg. Uğur, der Dirigent, blieb allein zurück. Zuerst stürzte er sich in humanitäre Arbeit. Er verteilte Zelte, Lebensmittel, Wasser, Kleidung, die von befreundeten Orchestern aus anderen Städten geschickt wurden. Das Vertrauen in die staatlichen Hilfsstrukturen war erschüttert. Die Zivilgesellschaft füllte die Lücken. Nach offiziellen Zahlen kamen allein in Hatay etwa 22.000 Menschen ums Leben. Eineinhalb Monate nach dem Beben trafen sich die landesweit verstreuten Orchestermitglieder zu einer Onlinekonferenz. Sie beschlossen, weiterzumachen, indem sie in verschiedenen Städten zu Konzerten zusammenkamen. Wie konnten sie jetzt, nach so einer Katastrophe, einfach aufhören? Später kamen manche nach Antakya zurück. Etwa 30 sind sie heute. Einige hatten keine Kraft mehr, Musik zu machen. Andere sind aus Enttäuschung über den Zustand der Stadt doch wieder gegangen. Eine neue Idee kam hinzu: Künstler sollten ihre Solidarität mit der geschundenen Stadt bekunden können. Überall, wo das Orchester jetzt auftritt, nehmen lokale Musiker teil. So wie im Januar in Aalen, der deutschen Partnerstadt von Antakya. Und in Paris. Warum ist er geblieben? „Das ist eine sehr schwere Frage“, sagt Uğur. „Um sie zu beantworten, müssen wir über Antakyas alte Geschichte sprechen.“ Vielleicht, sagt er, fließe in seinen Adern römisches Blut. Uğur hat am Konservatorium in Izmir studiert. Er schloss mit Auszeichnung ab, hätte bleiben oder ins Ausland gehen können. Aber er kam zurück. „Antakya war immer eine einsame Stadt“, sagt er. „Seit dem Erdbeben umso mehr. Ich wollte sie nicht allein lassen.“ Nach allen großen Katastrophen habe Kunst zur Heilung beigetragen. Das Wichtigste sei, in Antakya wieder Hoffnung zu wecken. Das klinge kitschig, sagt der Dirigent. Aber es sei harte Arbeit. Er erzählt von Eltern, die wegziehen, deren Kinder aber weiter im Chor bleiben wollten. Von anderen, die ihm berichtet haben, dass er ihnen den Mut gegeben hat, in die Stadt zurückzukehren. „Wenn du einem Kind hilfst, hilfst du indirekt auch den Eltern.“ Sie gaben Konzerte in Containerdörfern. Die Leute, sagt er, hätten zwischen all dem Schutt und Staub ein Stück Normalität gebraucht. Inzwischen gebe es manche sichtbare Verbesserung: Häuser und Straßen. Im Rest des Landes glaubten die Leute, jetzt sei alles gelöst. „In Wirklichkeit beginnt erst alles. Die Traumata treten hervor.“ Lastwagen lösen Panik aus Das ist auch auf dem Kinderfest zu spüren, das vom Goethe-Institut im Dezember zum dritten Mal seit dem Erdbeben in Hatay organisiert worden ist. Dafür hat es deutsch-türkische Künstler eingeflogen, die zwei Tage lang mit Kindern tanzen, schreiben, schauspielern und malen sollen. Die Anfahrt zum Veranstaltungsort gestaltet sich schwierig. Dort, wo Google Maps den Weg eingezeichnet hat, ist eine Großbaustelle. Die Umleitung führt kilometerweit durch tiefe Pfützen und über aufgerissene Straßen. Das Fest findet auf einem neu gestalteten Gelände mit kleinen Pavillons statt. Kinder wuseln durcheinander, die Eltern schauen zu. Ein neun Jahre alter Junge ruft permanent nach seinem Vater. „Seit dem Erdbeben hat er ständig Angst, dass ich nicht da bin“, erzählt der Vater, ein Lehrer. Er habe seinen Sohn in letzter Sekunde vor einem umstürzenden Schrank retten können. Danach ging die Ehe in die Brüche. Es war einfach alles zu viel. Ein fremder Junge fragt den Lehrer, ob er ihm die Treppe hochhelfen könne. Es sind nur ein paar Stufen. Aber seit dem Erdbeben hat er Höhenangst. Eine Mutter erzählt, dass ihre Tochter noch immer jede Nacht bei der Großmutter schlafe, weil die in einem Haus mit nur zwei Stockwerken wohnt. Jeder Lastwagen, der die Erde ein wenig erschüttert, löst Panik bei den Kindern aus. Mit der Konzentration in der Schule ist es schwierig. Drei Monate hätten sie bei Verwandten in Ankara gewohnt, erzählt die Frau. Aber dort hätten sie sich unverstanden gefühlt. Hier würden die Leute wenigstens die gleichen Erfahrungen teilen. In einem der Pavillons sitzt der Autor und Verleger Dinçer Güçyeter, der für seinen Roman „Unser Deutschlandmärchen“ 2023 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. „Ihr könnt einen Brief an einen Verwandten schreiben“, schlägt er den Kindern vor. Oder auch an ihn, den sie hier kurz „ağabey“ nennen, großer Bruder. Sie könnten über ihre Träume schreiben und darüber, wer sie sein wollen. Ein Junge aus der vierten Klasse schreibt über das Ende der Welt. „Es wird nichts mehr da sein. Das ist alles, was ich sagen will. Tschüss“, hat er mit Bleistift auf das Blatt gekritzelt. Nach dem Erdbeben habe er angefangen, sich für den Anfang und das Ende der Welt zu interessieren, erklärt er. Andere bitten den „ağabey“, ihnen beim nächsten Besuch ein iPhone oder eine 3D-Brille aus Deutschland mitzubringen. „Wenn nicht, ist das auch okay.“ Güçyeter freut sich über die Texte. „Sie sind hemmungslos, bedingungslos, wie Literatur sein sollte.“ So kommt er mit den Kindern ins Gespräch. Über die Schule, das Leben und ihre Lieblingsstars. Er gibt den Kindern seine Adresse in Deutschland, damit sie ihm weiter Briefe schicken können. „Ich habe das Gefühl, hier hat keiner aufgegeben“, sagt er. „Jemand, der keine Hoffnung hat, kann auch nicht über Träume reden.“ Es sei bewundernswert, wie die Leute versuchten klarzukommen, während in Deutschland jedes Problem schnell zum Weltuntergang gemacht werde, findet der Schriftsteller. Besonders nah sei ihm gegangen, dass viele Kinder Berge gemalt haben. Die Häuser auf den Berghängen rund um Antakya hielten dem Erdbeben meist stand.