FAZ 28.09.2026
07:39 Uhr

Drehkreuz Naher Osten: Kehrt der Tourismus am Golf zurück?


Wegen des Irankriegs blieben die Touristen über ein halbes Jahr fern. Nun keimt in den arabischen Golfstaaten Hoffnung auf, dass der Besucherstrom wieder zurückkehrt, wenn es kalt wird in Europa.

Drehkreuz Naher Osten: Kehrt der Tourismus am Golf zurück?

Die geographische Lage am Persischen Golf ist Segen und Fluch zugleich. Dubai, Doha und Abu Dhabi schienen als Drehkreuz für Interkontinentalflüge unverzichtbar geworden zu sein, und ihre Transithubs entwickelten sich zu eigenen Destinationen. Dann machte Iran die Geographie zum Fluch. Im Krieg, der am 28. Februar begann, flogen die Waffen nicht nur über die reichen Golfstaaten hinweg. Sie wurden und werden auch selbst Ziel iranischer Raketen und Drohnen. Plötzlich waren die Malls ebenso leer wie die Strände, die Saison brach völlig weg. Die Auslastung der Hotels fiel auf teilweise einstellige Prozentzahlen. Mit Rabatten von 60 Prozent und mehr versuchten die Hoteliers entgegenzusteuern. Besonders hart traf es Stadthotels, da in Europa zahlreiche Unternehmen ihren Mitarbeitern aus versicherungsrechtlichen Gründen Reisen in Krisenregionen untersagt haben. Die Nachfrage aus dem deutschen Markt sei um 60 bis 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen, bei Pauschalreiseveranstaltern im mittleren Preissegment sogar um mehr, sagt Christian Ullrich, der COO von „Emirates World Travel Cologne“ (EWTC), einem Spezialisten für Reisen in die arabischen Golfstaaten. Anders als während der Pandemie, als das Reisen nicht möglich war, aber durch planbare Schutzmaßnahmen begleitet werden konnte, sei der aktuelle Konflikt unberechenbar. Das löse bei Reisenden eine andere, tiefer sitzende Verunsicherung aus. Am heftigsten traf es Dubai, das 2025 noch ein Rekordjahr gefeiert hatte. Mit 95 Millionen internationalen Passagieren führte es die Rangliste aller Flughäfen weltweit an, 20 Millionen machten im Emirat Urlaub, mehr als je zuvor. Dann wurden am Golf die Flughäfen geschlossen, Urlauber saßen fest, Reisende wichen auf andere Flughäfen aus. Sie sorgten sich, einen Flug wegen der Sperrung des Luftraums erst gar nicht antreten zu können, sagt Ullrich. Und so verschob sich die Nachfrage zu langen Nonstop-Verbindungen und zu Transitverbindungen innerhalb Asiens. Vorausbuchungen für 2027 Für die Wintersaison beobachtet er eine steigende Nachfrage, selbst wenn sie noch vorsichtig sei. Stark seien die Vorausbuchungen für Anfang 2027. Das betreffe insbesondere Flugbuchungen nach Dubai und Anschlussflüge in die Region Indischer Ozean. Schließlich ließen sich die Frequenzen, mit denen Emirates, Qatar Airways oder Etihad Ziele in Asien bedienen, nicht von europäischen Airlines auffangen, und für Emirates zahle sich die Aufrechterhaltung des Flugbetriebs auch in den Krisenmonaten aus. Vertrauen schaffe, dass ab Ende Oktober die Lufthansa-Gruppe und Eurowings ihre Flüge wiederaufnehmen wollen. „Bleibt die Lage ruhig, rechnen wir mit einer soliden Buchungslage“, sagt Ullrich, der seit Beginn des Konflikts dreimal in die Vereinigten Arabischen Emirate gereist ist und sich dort zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt hat. Das Auswärtige Amt hat die offizielle Reisewarnung für die Vereinigten Arabischen Emirate im Mai aufgehoben, rät in einem schwächeren Reisehinweis jedoch „dringend von nicht notwendigen Reisen“ in das Land ab. Das gilt auch für Qatar. Anders als Dubai will Qatar Touristen vorrangig mit attraktiven Veranstaltungen zurückgewinnen. Der dichte Kalender umfasst mehr als 560 Veranstaltungen, Festivals und Sportereignisse – darunter Sportevents wie die Formel 1, die U-17-Weltmeisterschaft der FIFA sowie Tennis- und Padelmeisterschaften, ferner die Kunstmesse Art Basel Qatar, Konzerte, kulinarische Festivals und Outdoor-Erlebnisse in der Wüste. Wer zu einem solchen Anlass kommt, bleibt, so die Erwartung, weitere Tage. Weniger hart als Dubai und Qatar traf es das benachbarte Oman. Denn das Sultanat pflegt mit Iran traditionell gute Beziehungen und zieht sich damit etwas aus der Schusslinie. Während des Kriegs sind Urlauber von Dubai nach Oman ausgewichen. Vor allem waren die Hotels während des Monsuns, der es im südlichen Oman von Mitte Juni bis Mitte September regnen lässt, mit Touristen aus der arabischen Welt voll belegt. Mit vorsichtigem Optimismus blicken auch die omanischen Anbieter auf die Wintersaison. „Es liegen gute Anfragen vor“, heißt es in der Hauptstadt Maskat. Jedoch zögerten die Leute mit dem Buchen. Am mutigsten seien die Italiener, die Deutschen würden die Situation sehr genau beobachten, vorsichtiger seien die Franzosen. Tourismus als Schlüsselbranche Die Branche entwickelte sich vielversprechend, die Hotels waren voll, und groß wird in Oman in den Tourismus investiert. Die ägyptische Orascom Development Holding von Samih Sawiris hat an der Küste zum Indischen Ozean am Hawana Beach bei Salalah den größten Tourismuskomplex Omans gebaut, nahe Maskat folgte das Resort Jebel Sifah. Der Erfolg zieht Nachahmer nach sich, und so wird die Trump Holding demnächst in Maskat ein Luxushotel betreiben – sofern Donald Trump nicht zuvor mit einer seiner vielen Drohungen ernst macht, nun auch Oman, das sich mit Iran die Straße von Hormus teilt, zu beschießen. Ganz abhaken wollen die Veranstalter das Jahr 2026 nicht, es kommt aber nur langsam wieder in Gang. „Daher bereiten sich alle auf 2027 vor“, sagt Abdullah Ashgan vom saudischen Reiseveranstalter „88 Destinations“. An seinem Unternehmen lässt sich ablesen, dass Saudi-Arabien die jüngste Destination auf der Arabischen Halbinsel ist. Es wurde 2012 gegründet, um Reisen der Saudis in alle Welt zu organisieren. Heute bringt es internationale Touristen ins Königreich. Die Regierung erklärte den Tourismus im Rahmen der „Vision 2030“ zu einer Schlüsselbranche. Doch nun trifft es auch Saudi-Arabien. Die Ankunftszahlen waren kontinuierlich gestiegen, der April 2026 sollte Rekordmonat werden. Dann blieben mit dem Kriegsbeginn die internationalen Touristen aus. „Und bis jetzt hatten wir niemanden mehr.“ Immerhin lägen für Oktober und November halb so viele Buchungen wie für die Vergleichsmonate von 2025 vor. Als gutes Zeichen wertet der Anbieter aus Dschidda, dass die meisten stornierten Reisen lediglich auf 2027 verschoben worden sind. Viele Gäste aus Russland Die völlig stornierten Reisen stammen überwiegend aus Europa, was Ashgan nicht zuletzt auf die amtlichen Reisehinweise zurückführt. Resilienter und weniger risikoscheu sind die Reisenden aus den GUS-Staaten. Ihr Anteil dürfte weiter zunehmen, da Saudi-Arabien und Russland seit Mai 2026 gegenseitig die Visumpflicht aufgehoben haben. Zuvor waren bereits zusätzliche Direktflüge zwischen den beiden Ländern eingerichtet worden. Bislang war der Kreis der visabefreiten Länder auf die sechs Mitglieder des Golfkooperationsrats beschränkt. Touristen aus Europa kommen meist in kleinen Gruppen von bis zu 20 Teilnehmern nach Saudi-Arabien, und sie bleiben acht bis zwölf Tage. Ihre Route bringt sie an archäologische und historische Stätten wie Diriyyah und Al-Ula, an kulturelle Sehenswürdigkeiten wie die riesigen Dattelpalmenplantagen von al-Ha’il und den Kamelmarkt in Buraida. Sie verläuft dann entlang des Roten Meeres und endet mit dem Schnellzug von Medina nach Dschidda. Wer länger bucht, bleibt zum Tauchen am Roten Meer. „Das Rote Meer“, schränkt Ashgan ein, „entwickelt sich jedoch zu einem Ultra-Luxus-Reiseziel, das sich nur wenige Glückliche leisten können.“ Die neuen Topdestinationen liegen nördlich von Dschidda und heißen Shura Island und neuerdings Amaala. Auch wenn die Resorts den Geldbeutel durchschnittlicher Reisender sprengen, waren sie in den vergangenen Monaten mit Reisenden aus dem eigenen Land sehr gut ausgelastet. Denn die Saudis geben das Geld, das sie früher im Ausland gelassen haben, zunehmend im Königreich aus. Die Zahl der inländischen Touristen war 2025 weiter um 8 Prozent auf 93,3 Millionen gestiegen. Positiv schlägt zudem zu Buche, dass die Geschäftsreisen in das wirtschaftsstärkste arabische Land auch in den vergangenen Monaten nur wenig zurückgegangen sind, sodass die Hotels kaum Rabatte geben. Die Zahl der Geschäftsreisenden summiert sich mit der der internationalen Touristen etwa wie im Vorjahr auf lediglich 9,3 Millionen. Das liegt deutlich unter den 19,1 Millionen ausländischen Pilgern. Abseits des Kriegs am Golf ist im Nahen Osten Ägypten der Gewinner. Das Ende 2025 eröffnete neue Ägyptische Museum bei den Pyramiden entfalte eine ungebrochene Nachfrage, sagt Andrea Diefenbach von dem auf Kulturreisen in die arabische Welt spezialisierten Anbieter Orientaltours. Davon kann die frühere Spitzendestination Dubai nur träumen. Ein Geschäftsmann aus Dubai macht aus der Not eine Tugend: „Das ist die beste Zeit, um Dubai einmal ohne Massen zu genießen.“ Auf den Krieg zwischen den USA und Iran haben die arabischen Golfstaaten jedoch kaum Einfluss.