Diesmal verlor Emma Aicher streckenweise ihre viel gerühmte Gelassenheit. Als sie ins Ziel kam, knallte sie verärgert ihren Stock gegen die Werbebande. Zuvor hatte sie bei der zweiten Abfahrt im Val di Fassa ein paar Umwege auf dem Weg ins Ziel eingebaut. Im Kampf um die Kristallkugeln im alpinen Ski-Weltcup erlitt die 22-Jährige damit einen nicht einkalkulierten Dämpfer. Einen Tag nach ihrem zweiten Platz landete sie diesmal nur auf Rang zwölf. Ins letzte Abfahrtsrennen beim Weltcup-Finale in Kvitfjell (Norwegen) in 14 Tagen geht Aicher nun mit 408 Punkten und einem Rückstand von 28 Zählern auf Laura Pirovano (436). Die Italienerin gewann auch die zweite Abfahrt im Fassatal – und siegte wie schon am Vortag mit dem geringstmöglichen Vorsprung von nur einer Hundertstel Sekunde, diesmal vor der Österreicherin Cornelia Hütter. Die bis dato in der Abfahrtswertung führende Lindsey Vonn muss verletzt aus der Reha zuschauen, in der sie bereits wieder mit Krafttraining begonnen hat, wie die Kugel weitergereicht wird. Darauf reagierte die Amerikanerin mit einem emotional gehaltenen Eintrag bei Instagram: „Warum bedeutet mir dieser Titel so viel? Warum heule ich wegen einer Kristallkugel?“, fragte Vonn sich und die Welt. Die Amerikanerin hatte gleich die erste Weltcup-Schussfahrt der Saison in St. Moritz gewonnen und bis zu ihrer schweren Verletzung bei den Olympischen Spielen 400 Punkte gesammelt. Kira Weidle-Winkelmann belegte nach dem vierten Rang vom Vortag diesmal den fünften Platz. Die zweitbeste Deutsche hat in der Abfahrtswertung mit nun 85 Punkten Rückstand auf die Überraschungsführende Pirovano aber praktisch keine Chance mehr auf den Sieg in der Disziplinwertung. Das Gleiche gilt für Hütter (92 Punkte zurück), sodass es auf einen Zweikampf zwischen Pirovano und Aicher herausläuft. „Es ist nicht zu Ende, bis alle Rennen gefahren sind“, sagte Aicher mit genervtem Tonfall im ZDF und fügte an: „Ich weiß, dass ich nicht besser Ski fahre, wenn ich an die Kugel denke. Darum: Fokus auf mich selbst. Der Rest kommt oder kommt nicht.“ Im aktuellen Rennen beklagte sie einen „dummen Fehler“, der ihr bei besten Bedingungen und strahlend blauem Himmel einen Rückstand von 1,06 Sekunden einbrachte und eine bessere Platzierung kostete. Wolfgang Maier, Alpindirektor im Deutschen Skiverband, betonte, dass man „die Kugel nicht erzwingen“ könne. Maier schöpfte aber Hoffnung aus der Tatsache, dass Aicher nun nicht mehr Gejagte, sondern Jägerin sei. Die zweimalige Olympiazweite Aicher verpasste es durch ihr Zwischentief auch, den Rückstand im Gesamtweltcup auf Mikaela Shiffrin maßgeblich zu verringern. Die Amerikanerin hat bislang 1133 Punkte gesammelt, wird aber nur noch in den ausstehenden vier Technikrennen starten (zweimal Riesenslalom, zweimal Slalom). Allesfahrerin Emma Aicher, die 117 Punkte zurückliegt, hat dagegen noch sieben Möglichkeiten zu punkten. Am Sonntag findet im Val di Fassa der vorletzte Super-G der Saison statt. Auch in dieser Disziplin liegt Aicher als Drittplatzierte der Wertung noch aussichtsreich im Rennen. Und bis zum Start um 10.45 Uhr dürfte sie auch wieder ihre Gelassenheit zurück gewonnen haben.
