FAZ 02.01.2026
12:50 Uhr

„Dramatischer Fall“: Schwerstverletztes Kind in Berlin – illegale Kugelbombe?


In Berlin behandeln Ärzte zahlreiche Bölleropfer – darunter auch mehrere Kinder. In einem Fall vermuten die Mediziner eine Kugelbombe als Ursache. Der Zwölfjährige fand sie wohl auf einem Sportplatzgelände.

„Dramatischer Fall“: Schwerstverletztes Kind in Berlin – illegale Kugelbombe?

Ein zwölfjähriger Junge aus Potsdam ist an Neujahr vermutlich durch eine Kugelbombe massiv verletzt worden. Das Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) berichtete, der Junge habe schwere Verletzungen im Bauch, im Unterleib und im Gesicht an mindestens einem Auge und Ohr. Zudem seien beide Hände schwer geschädigt, ein Daumen konnte nicht gerettet werden, wie ein Sprecher sagte. Der Junge sei in einem kritischen Zustand eingeliefert worden. Alle Anzeichen sprächen für die Explosion einer sogenannten Kugelbombe, sagte der Sprecher. Die Polizei in Potsdam berichtete, dass der zwölfjährige Junge am Nachmittag des Neujahrstages auf einem Sportplatzgelände im Stadtteil am Stern einen „apfelsinengroßen Gegenstand“ gefunden und diesen angezündet habe. Der Gegenstand sei daraufhin sofort explodiert und habe den Jungen schwer im Gesicht und an der Hand verletzt. Aufgrund der lautstarken Detonation eilten andere Menschen zu dem Fußballplatz und leisteten Erste Hilfe. Der schwerstverletzte Junge wurde mit einem Rettungshubschrauber in das Berliner Unfallkrankenhaus geflogen. Sein dreizehnjähriger Begleiter blieb körperlich unverletzt. Polizei stellt Fragmente sicher Die Polizei fand in Potsdam vor Ort Fragmente eines pyrotechnischen Knallkörpers und stellte diese sicher. „Ersten Erkenntnissen zufolge konnte bislang nicht rekonstruiert werden, welche Art und Umfang der Knallkörper ursprünglich, also vor dessen Detonation aufwies“, sagte der Sprecher. Die Beamten ermitteln nun wegen des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz. Kugelbomben oder auch Feuerwerkskugeln enthalten verschiedene pyrotechnische Mischungen und können mehrere Kilogramm wiegen. Wegen der großen Menge an Explosivmasse und ihrer komplexen Funktionsweise sind die Kugeln in Deutschland nicht für den Allgemeingebrauch, sondern ausschließlich für staatlich geprüfte Pyrotechniker zugelassen. Der Name leitet sich von der kugelförmigen Form ab. Die mit den pyrotechnischen Mischungen gefüllte Hülle erzeugt bei der Explosion Lichteffekte am Himmel. Mindestens 30 Bölleropfer im UKB, darunter acht Kinder Am Neujahrsmorgen hatte das UKB auf X bereits von zahlreichen Menschen berichtet, die wegen Böllerverletzungen behandelt werden mussten: „Um 03:30 sind es 25 Patienten mit zum Teil schweren Handverletzungen mit Teil- oder kompletten Amputationen von Fingern oder Teilen der Hand“, hatte die Klinik mitgeteilt. Bis zum Nachmittag kamen fünf weitere Opfer hinzu. Es gebe außerdem Verbrennungen, Gesichts- und Augenverletzungen. Unter den Verletzten seien auch acht Kinder, „deren Leben sich durch diese schweren Verletzungen für immer verändert hat“. Wie eine Handchirurgin der Klinik im Interview mit dem RBB berichtete, sind die verletzten Kinder zwischen elf und 18 Jahre alt. „Das sind Kinder im Teenie-Alter, die sich der Gefahren nicht bewusst sind und die Böller in der Hand zünden“, berichtete die Ärztin. „Hier haben wir die schwersten Amputationsverletzungen und Zerreißungen der Weichteile.“ Bei vielen der Kinder habe man die Finger nicht retten können. Der Verlust des Daumens sowie weiterer Finger an der dominanten Hand verändere das Leben der Betroffenen dauerhaft. Brauchen „Pyrotechnikverbot für den Privatgebrauch“ Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin fordert angesichts abermaliger Feuerwerksexzesse zu Silvester ein Böllerverbot. „Wir brauchen ein Pyrotechnikverbot für den Privatgebrauch“, sagte Benjamin Jendro, Sprecher der GdP, im RBB-Inforadio. Es müsse sich was an den Rahmenbedingungen verändern. Sonst würde man in einem Jahr abermals über schlimme Ausschreitungen sprechen. Jendro bestätigte, dass es in der vergangenen Silvesternacht ruhiger als noch im Vorjahr war – dennoch sei man immer noch weit entfernt von einem aus polizeilicher Sicht hinnehmbaren Zustand. „Wir können nicht von einer normalen oder friedlichen Silvesternacht sprechen“, sagte er. Es habe zahlreiche Angriffe mit Böllern, Batterien und Raketen auf Einsatzkräfte gegeben. „Das darf niemals Normalität werden.“ Man erlebe als Polizist im Silvestereinsatz eine Szenerie, wo man von überall beschossen werde, führte Jendro aus. „Das macht natürlich auch was mit Menschen.“ Es fehle an einer wirklichen Handhabe, um Täter hart zu bestrafen und so andere potenzielle Täter abzuschrecken. „Wir sind nicht vollzugsfähig“, betonte er. Die Realität sehe so aus, dass viele Täter nie eine Anklagebank sehen würden. Wenn dann mal einer verurteilt wird, gebe es „drei Stunden Brabbelkreis und Delfin-Therapie“. „Existierende Gesetze anwenden“ Der Berufsverband Rettungsdienst äußert Zweifel, ob Strafverschärfungen für Angriffe auf Helfer abschreckend wirken. Es gebe bereits entsprechende Gesetze für hohe Strafen, die aber nicht angewendet würden, sagte der Verbandsvorsitzende Frank Flake den Zeitungen der Funke Mediengruppe über die schon jetzt geltende Rechtslage. Bis es zu Prozessen komme, dauere es Monate, manchmal Jahre, „bis dahin ist das Geschehene schon fast vergessen“. Das mögliche Strafmaß, das schon jetzt bei bis zu fünf Jahren liege, werde fast nie ausgereizt. „Den Vorschlag, jetzt den Strafrahmen zu erhöhen, halte ich deshalb für wenig zielführend“, sagte Flake. „Es würde reichen, wenn wir die existierenden Gesetze anwenden.“ Bundesjustizministerium will härter vorgehen Kurz vor Silvester hatte Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) den angekündigten Gesetzentwurf zum besseren Schutz von Polizisten, Feuerwehrleuten und Rettungskräften vorgelegt. Er sieht härtere Mindeststrafen für Angriffe auf diese Personengruppen vor. Laut Justizministerium soll es dafür künftig Freiheitsstrafen von mindestens sechs statt wie bisher mindestens drei Monaten geben. In besonders schweren Fällen soll eine Mindeststrafe von einem Jahr statt wie bisher sechs Monaten drohen. Auch in dieser Silvesternacht kam es in etlichen Städten in Deutschland wieder zu Angriffen auf Einsatz- und Rettungskräfte. Allein in Berlin zählte die Polizei 35 verletzte Beamte, zwei von ihnen so schwer, dass sie stationär in Krankenhäusern aufgenommen werden mussten.