FAZ 21.11.2025
14:05 Uhr

Drama im Davis Cup: Völlig irre und ein bisschen traurig


In einer dramatischen Tennisnacht ziehen die deutschen Herren ins Davis-Cup-Halbfinale ein. Dennoch ist nicht nur für Alexander Zverev längst nicht alles gut in Bologna.

Drama im Davis Cup: Völlig irre und ein bisschen traurig

Da saßen sie nun und strahlten sich gegenseitig an. Die Spieler der deutschen Davis-Cup-Mannschaft freuten sich in der Messehalle 36 über ihren Halbfinaleinzug beim Finalturnier in Bologna. Ja, das schon. Aber es war auch weit nach ein Uhr in der Nacht auf Freitag. Eigentlich wollten sie alle nur noch schnell etwas essen und dann sofort schlafen. Aber das, was sie gerade als Team erlebt hatten, wird sie vermutlich noch etwas länger vom sanften Einschlummern abgehalten haben. Alexander Zverev hatte schon so eine Vorahnung: „Wen mich einer vor zwölf Uhr weckt, wird er ignoriert.“ Deutschlands Starspieler sprach auf dieser Late-Night-Veranstaltung nach dem dramatischen 2:1-Sieg über Argentinien mit heiserer Stimme. „Ich habe keine Stimme mehr. Es ist, als wäre ich die ganze Nacht in einem Club feiern gewesen. Genau so fühlt es sich an.“ Krawietz/Pütz nutzen ihren fünften Matchball Die Party, die Zverev meinte, lief zwar nicht die ganze Nacht, aber immerhin zwei Stunden und 28 Minuten. Es war das abschließende Doppel zwischen Kevin Krawietz und Tim Pütz und den Argentiniern Andres Molteni und Horacio Zeballos, das an Spannung nicht zu überbieten war und das das deutsche Duo nach Abwehr von drei Matchbällen 4:6, 6:4 und 7:6 für sich entschied. Zverev und die anderen deutschen Teammitglieder um den zweiten Einzelspieler Jan-Lennard Struff und Ersatzmann Yannick Hanfmann verfolgten den Krimi hinter der Bande. Sie konnten teilweise nicht mehr hinsehen. Zverev vergrub sein Gesicht immer wieder in seinen Händen. Die Spannung erfüllte die „Super Tennis Arena“ bis unter das Dach, bis Krawietz/Pütz ihren fünften Matchball nutzten. Kurz vor dem Doppel hatte Struff sein Auftaktmatch gegen die Argentinier etwas unglücklich gegen Tomás Etcheverry 6:7, 6:7 verloren. Zverev glich danach mit einem souveränen 6:3, 7:6-Erfolg gegen Francisco Cerundolo für Deutschland aus. Alles lief auf das Doppel hinaus. Das Match wogte eigentlich bis zum letzten gespielten Punkt hin und her, nie war eine Tendenz abzusehen. Der Tiebreak des dritten Satzes war ein Spiegelbild dessen. Und doch gab es eine Schlüsselszene. Im entscheidenden Moment ging Pütz volles Risiko und servierte gleich zweimal durch die Mitte – bei Matchball für die Argentinier. Den ersten Versuch setzte der Frankfurter noch knapp ins Aus, den zweiten verwandelte er mit einer unglaublichen Wucht zum Ass. Kurz darauf kippte die Partie zugunsten der deutschen Mannschaft. „Wenn es funktioniert, heißt es, ich hätte Nerven aus Stahl. Wenn es nicht funktioniert, fragt jeder, warum ich das überhaupt probiert habe“, sagte Pütz hinterher. „Was für ein großartiges Davis-Cup-Duell“ Das deutsche Doppel könnte auf dem Weg zum Titel zum entscheidenden Pfund werden. Bei 17 gemeinsamen Einsätzen im Davis Cup haben Krawietz/Pütz nur eine Partie verloren. Team-Kapitän Michael Kohlmann hob nach dem Einzug ins Halbfinale, das am Samstag (12.00 Uhr bei tennis.de) gegen Spanien über die Bühne gehen wird, die besondere Bedeutung seines Doppels hervor: „Ja, im Davis Cup sage ich immer, jedes Doppel ist ein 50:50-Spiel. Am Ende gewinnen diese Jungs neben mir aber sehr häufig. Ich denke, das ist ein großer, großer Vorteil für uns, dass wir ein Team haben, das auch auf der Tour zusammenspielt, das sich sehr gut kennt und gemeinsam durch schwierige Phasen gehen kann.“ Pütz, der immer sehr cool rüberkommt, stand nach dem Match die Aufgewühltheit ins Gesicht geschrieben: „Es ist irre, Teil von so einem Match gewesen zu sein. Natürlich ist es leicht gesagt, jetzt, wo wir gewonnen haben. Was für ein großartiges Davis-Cup-Duell! Was für eine tolle Atmosphäre, vor allem, wenn man bedenkt, dass wir in einem neutralen Land gespielt haben. Es hätte in beide Richtungen gehen können“, sagte der Siebenunddreißigjährige. Pütz hatte Recht: Die Atmosphäre hatte etwas von einer echten Davis-Cup-Schlacht. Die argentinische Fangruppe lieferte sich ein Gesangsduell mit den deutschen Anhängern. Mit klaren Vorteilen für die Südamerikaner. Zur Wahrheit gehört auch: die 10.000 Zuschauer fassende Halle war beim Doppel nur noch spärlich gefüllt. Oben auf der Tribüne konnten man die Absprachen der Spieler vor den Aufschlägen hören. Auch Tennisfan Zverev, der nach dem Sieg seiner Kollegen mit schwarz-rot-goldener Flagge um den Hals auf dem Court stand, sah darin eine Trübung: „Findest du nicht auch, dass es ein Stück weit traurig ist, dass bei solchen Spielen und beim Doppel vielleicht maximal tausend Zuschauer in der Halle sind?“, fragte er einen Reporter. „Wenn wir in Argentinien oder Deutschland spielen würden, wären es vielleicht 15.000. In dieser Hinsicht finde ich das etwas schade.“ Es war der einzige Downer dieser rauschenden Party-Nacht.