FAZ 09.02.2026
15:28 Uhr

Drama bei Olympia: Vonn hat das Risiko billigend in Kauf genommen


Ob der Unfall in der Abfahrt mit ihrem zuvor erlittenen Kreuzbandriss zusammenhängt, weiß nur Lindsey Vonn. Sicher ist, dass sie das erhöhte Risiko eines Sturzes in Kauf nahm. Er schadet auch anderen.

Drama bei Olympia: Vonn hat das Risiko billigend in Kauf genommen

Es war eine Wette mit höchstem Einsatz: Lindsey Vonn spielte in Cortina d’Ampezzo italienisches Roulette. Gold oder Rettungshubschrauber? Sie setzte alles ein, was sie hatte – und verlor. „Was sind schon 90 Sekunden in einem Leben?“, lautet ein geflügeltes Wort unter Skirennfahrern. Doch in diesen 90 Sekunden, die eine Abfahrt dauert, kann sich die Richtung eines Lebens drehen. Diesmal waren es 96 Sekunden, die Siegerin Breezy Johnson benötigte, um sich einen Platz im Olymp zu sichern. Den hat Lindsey Vonn längst inne. Dennoch wollte sie es noch einmal wissen. Ihr Traum endete nach 13 Sekunden. Vonn steuerte ein Richtungstor falsch an, blieb hängen, verlor die Kontrolle, verdrehte sich, schlug hart auf. Ihre Schmerzensschreie waren bis in die wohltemperierten Wohnzimmer zu hören. Sie erlitt wohl einen Bruch des Oberschenkelknochens, links, an dem Bein mit dem frischen Kreuzbandriss. Die Amerikanerin stellte sich bewusst über den Wettbewerb Eine Schiene stabilisierte das Knie. War sie übermotiviert? Hat ihr Kreuzbandriss den Fahrfehler begünstigt, weil sie den Außenski nicht so belasten konnte wie ohne diese Verletzung? Konnte sie ihre Muskulatur nicht richtig ansteuern? Das weiß nur Lindsey Vonn. Ob sie ihren Start bereut? Auch das kann nur die Gestürzte beantworten. Nun liegt sie im Ca’-Foncello-Krankenhaus in Treviso, bereits operiert, bereit für die nächste Rehabilitation. Dann kann sie auch gleich ihren Kreuzbandriss im linken Knie flicken lassen. Dass sie mit ihrer frischen Verletzung angetreten war, brachte ihr harsche Kritik ein. Dass sie ihre Gesundheit riskierte, lag auf der Hand. Doch sie fühlte sich fit, stand im intensiven Austausch mit ihren Ärzten, wusste, was sie tat. Sie ist letztlich allein für sich verantwortlich. Andererseits stellte sich die Amerikanerin mit ihrer Teilnahme bewusst über den Wettbewerb. Es wird ihr klar gewesen sein, dass durch ihren Start die Abfahrt so oder so zur großen Lindsey-Vonn-Show avancieren würde. Alle Augen auf sie. Was dabei den anderen widerfährt, erscheint zweitrangig. Dass durch ihren Sturz der Ablauf für zwanzig Minuten unterbrochen war, veränderte den Charakter des Rennens. Das wird sie zweifellos nicht gewollt haben. Aber sie nahm das eindeutig erhöhte Risiko billigend in Kauf. Schon Gesunde haben mitunter massive Schwierigkeiten, die Schläge auszuhalten, nicht abgeworfen zu werden. Mit Startnummer 26 stürzte die Andorranerin Cande Moreno nach dem Sprung in den Tofana-Schuss und schoss ins Fangnetz: Hubschrauber, Kreuzbandriss, Spiele vorbei, Saison beendet. Eine Randnotiz. „So ist Skirennen“, sagte Johan Eliasch kurz nach Vonns „Tragödie“. Das klingt gefühllos, so lapidar wie der Präsident des Weltskiverbandes das Drama kommentierte. Und doch ist es genauso. Der Abfahrtslauf ist gefährlich, die Menschen bei Tempi weit jenseits von 100 Kilometern pro Stunde kaum zu schützen. Verletzungen gehören zum Alltag. Sie sind Teil des Spiels, spektakuläre, teils lebensgefährliche Stürze Teil der Show, mit ein Grund für die große Attraktion. Wer wüsste das nicht besser als Lindey Vonn? Und wer hat nicht besonders auf die „Speedqueen“ geschaut am Sonntag, angespornt von der Frage im Hinterkopf, ob sie siegt oder fliegt? Deshalb eine Schlussfrage: Wie heißt nochmal die Olympiasiegerin von 2026?