Angenehm sind die Tage vor dem Spiel gegen Bayern München wahrlich nicht in Dortmund, auch wenn eine goldgelbe Sonne die Stadt in ein warmes Frühlingslicht taucht. Denn dem Drama von Bergamo folgten wirtschaftliche Hiobsbotschaften. Die für die Achtelfinalteilnahme ausgeschütteten elf Millionen Euro seien eigentlich „fest eingeplant“ gewesen, sagte Sportdirektor Sebastian Kehl noch in der Lombardei, bevor das börsennotierte Fußballunternehmen tags darauf eine Ad-hoc-Mitteilung versendete: Statt der mehr oder weniger ausgeglichenen Bilanz, die zuvor angekündigt worden war, sei für das laufende Geschäftsjahr ein Verlust zwischen zwölf und 22 Millionen Euro zu erwarten. Noch schmerzlicher ist jedoch, dass die Dortmunder jenseits ihrer ausgesprochen guten Situation in der Bundesliga auf der europäischen Ebene eindrücklich zu spüren bekamen, was schon länger befürchtet wurde: Der BVB besiegt unter Trainer Niko Kovac zwar zuverlässig fast alle kleineren Klubs. Sobald das Niveau steigt, werden aber fußballerische Grenzen sichtbar. In den 16 Champions-League-Partien unter ihm hat die Mannschaft 28 Gegentore zugelassen und nur ein einziges Mal einen der richtig großen Gegner geschlagen: den FC Barcelona, der sich die Niederlage aber nach einem 4:0-Sieg im Hinspiel gut leisten konnte. Stolz sind die Dortmunder aber darauf, dass sie in der Bundesliga so verlässlich punkten wie seit Jahren nicht. Abgesehen vom Hinspiel gegen den FC Bayern ist der BVB ungeschlagen. Wenn kein dramatischer Einbruch erfolgt, wird sich der Klub souverän für die kommende Champions-League-Saison qualifizieren. Es ist das wichtigste Saisonziel, das mehr und mehr den Geist des Fußballunternehmens zu prägen scheint: Safety First. Es geht um Stabilität und Risikominimierung, um die Absicherung des für einen Klub aus einer 600.000-Einwohner-Stadt ohne Metropolenflair tatsächlich bemerkenswerten Status als Top-15-Klub im Weltfußball. Für diese Art des Sicherheitsdenkens steht der Trainer Niko Kovac. Und nicht zuletzt zeigt sich diese Attitüde in der Kaderplanung. „Das ist eine Zwei-Wege-Strategie“ Am Tag vor dem Spiel in Bergamo sitzt der Sportvorstand Lars Ricken auf einem Lederstuhl in einem Konferenzraum am Dortmunder Rheinlanddamm, um zu erklären, welche Überlegungen hinter seiner Kaderplanung stecken. „Ich denke, man sieht da schon eine Entwicklung“, sagt der ehemalige Profi, der seit knapp zwei Jahren die Verantwortung für den Sport trägt. Zunächst seien nach dem Abschied von Mats Hummels und Marco Reus erfahrene Anführer unter Vertrag genommen worden: Waldemar Anton, Serhou Guirassy und Pascal Groß. Anschließend habe der BVB dann aber „viel in die Jugendlichkeit investiert“, sagt Ricken und zählt auf: Yan Couto, Maximilian Beier, Daniel Svensson, Carney Chukwuemeka, Jobe Bellingham und Fabio Silva, die zum Zeitpunkt ihrer Verpflichtung alle unter 23 Jahre alt waren. „Und trotzdem waren wir immer dann am stärksten, wenn wir auch Erfahrung auf dem Platz hatten. Das ist eine Zwei-Wege-Strategie.“ Die aber neuen Grundgedanken folgt. Es gab eine Zeit, in der aus ganz Europa bewundernd nach Dortmund geblickt wurde, weil dort regelmäßig kaum bekannte Fußballer auftauchten, die schnell auf dem höchsten Champions-League-Niveau ankamen: Shinji Kagawa aus Japan, Robert Lewandowski aus Polen, Ousmane Dembélé vom kleinen französischen Verein Stade Rennes, Erling Haaland aus Salzburg, Jude Bellingham aus der zweiten Liga in England. Aber das ist mittlerweile vorbei. Die Rolle der Abenteurer, die irgendwelche Fußballer entdecken, die innerhalb kurzer Zeit Begehrlichkeiten bei den reichsten Klubs der Welt wecken, haben inzwischen die Frankfurter mit ihrem Sportchef Markus Krösche übernommen: Randal Kolo Muani, Omar Marmoush und Hugo Ekitiké wurden mit sagenhaften Gewinnen weiterverkauft. In Dortmund werden unterdessen vor allen Dingen Spieler unter Vertrag genommen, die bereits eine bestimmte Ebene erreicht haben und auch dann noch wertvoll bleiben, wenn sie in Dortmund nicht funktionieren. Guirassy war in Stuttgart einer der besten Torjäger der Liga, Anton, Groß, Beier und auch Nico Schlotterbeck hatten bereits Länderspiele für Deutschland absolviert, als sie nach Dortmund kamen. Couto war brasilianischer Nationalspieler, Chukwuemeka hat den FC Chelsea als Arbeitgeber in seinem Lebenslauf stehen, und Jobe Bellingham ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil er diesen Nachnamen trägt. Andere Zwänge als so mancher Konkurrent Ricken mag nicht bestätigen, dass er diese Art der Risikominimierung betreibt, und sagt: „Wir brauchen Spieler, die alle drei Tage performen können. Deswegen muss die Balance zwischen Mehrwert auf dem Platz, sportlicher Entwicklung und Marktwertentwicklung stimmen.“ Klar ist aber, dass der BVB anderen Zwängen ausgesetzt ist als mancher Konkurrent. „Die Idee, mit Spielern hohe Transfergewinne zu erzielen, wenn wir sie nicht bei uns halten können, gibt es nach wie vor“, sagt Ricken. „Aber Vereine wie Frankfurt, Stuttgart oder Leipzig hatten vor der Saison das Ziel, sich für den europäischen Wettbewerb zu qualifizieren. Das heißt, wenn sie Sechster oder Siebter werden, haben sie ihr Ziel erreicht.“ Dortmund kann so einen schlechten Tabellenplatz nicht riskieren. Vor ein paar Tagen hat der Vorstandsvorsitzende Carsten Cramer auf einem Kongress angekündigt, künftig anders scouten zu wollen als zuletzt: „Wir sind gut beraten, auch im Scouting nicht immer nur in den Nachwuchsleistungszentren der Premier League und in Frankreich zu gucken, sondern unseren Fokus zu erweitern, und das tun wir auch.“ Im Sommer kommen aus Südamerika der Verteidiger Kauã Prates (für 12 Millionen von EC Cruzeiro) und der Mittelfeldspieler Justin Lerma (für vier Millionen von Independiente aus Ecuador). Bereits im Klub sind Teenager wie Samuele Inacio, 17, der 16 Jahre alte Amerikaner Mathis Albert und Enzo Duarte, der mit 17 in der luxemburgischen Nationalmannschaft spielt. Dass diese Teenager zeitnah wechselwillige Leute wie Nico Schlotterbeck oder Felix Nmecha ersetzen können, glaubt allerdings niemand. Zumal sich erst noch zeigen muss, ob Kovac solche Teenager entwickeln kann. Der auf Stabilität und auch Fehlerreduktion angelegte Fußball dieses Trainers macht es schwer, Verantwortung an sehr junge Spieler zu übergeben. Wobei Ricken dieser Annahme widerspricht. „Wir tragen weiter in unserer DNA, dass wir junge Spieler auf sehr hohem Niveau weiterentwickeln wollen“, sagt er. „Gerade bei Defensivspielern hat Niko schon den Mut bewiesen, sehr junge Talente einzusetzen: Das hat er mit Aaron Anselmino in der Hinrunde gezeigt, jetzt mit Luca Reggiani und Filippo Mane auch wieder.“ Wie dem auch sei, die Balancefrage wird bleiben: Der BVB ist so groß geworden, dass kein großer Aufstieg mehr möglich ist. Zugleich ist das in so einer Situation automatisch entstehende Bedürfnis nach Besitzstandswahrung noch nie eine gute Grundlage für mutige Entwicklungsschritte gewesen.
