FAZ 14.01.2026
10:06 Uhr

Dortmunder Sieg in Bremen: Pragmatismus statt Feuerwerk beim BVB


Borussia Dortmund beendet eine der besten Hinrunden seit Jahren mit einem 3:0-Sieg gegen Bremen, trotzdem möchte keine echte Begeisterung aufkommen. Dabei hat das Team seine größten Fortschritte vielleicht noch vor sich.

Dortmunder Sieg in Bremen: Pragmatismus statt Feuerwerk beim BVB

Fábio Silva mochte seinen Kollegen, der zugleich sein Konkurrent ist, gar nicht mehr loslassen, nachdem klar war, dass der Abend gut ausgehen würde für Borussia Dortmund. Es lief die 83. Spielminute, die Südtribüne jubelte über den Treffer zum 3:0 durch den Krisenstürmer Serhou Guirassy und ließ sich beglücken von der Hoffnung auf eine erfolgreiche Rückrunde. Guirassy hatte nach vier Toren während der ersten drei Spieltage nur noch ein weiteres Mal getroffen, was mehr und mehr zu einem Störfaktor geworden war. Zuletzt war sein Spiel wie gelähmt gewesen, und gegen Werder Bremen hatte Trainer Niko Kovač Silva statt des Torschützenkönigs der vergangenen Champions-League-Saison aufgestellt. „Manchmal muss man vielleicht von der Bank kommen, damit der Druck abfällt“, sagte Kovač später, „der Plan ist aufgegangen.“ Es besteht die Aussicht auf einen Durchbruch in der Guirassy-Problematik, und dass der um Einsatzminuten kämpfende Silva sich so sehr mitfreute, deutet auf ein gutes Teamklima hin. Der Treffer bildete jedenfalls den Abschluss einer Hinrunde, in der Borussia Dortmund sich auf bemerkenswerte Art und Weise verändert hat. Vollständig zufrieden ist niemand beim BVB Der Revierklub ist Zweiter hinter dem FC Bayern München, mehr als 36 Punkte haben die Dortmunder im vergangenen Jahrzehnt nur einmal in einer ersten Saisonhälfte erspielt: unter Lucien Favre 2018/2019. „Mit der Entwicklung der Mannschaft sind wir zufrieden“, sagte Kovač, „wir haben nur ein Bundesligaspiel verloren.“ Vollständig zufrieden ist aber niemand beim BVB. Am Ende der ersten Halbzeit pfiffen Teile des Publikums trotz einer 1:0-Führung, die Nico Schlotterbeck schon früh per Kopf nach einem Eckball gelungen war (11. Minute). Vor der Pause hatte der BVB extrem fehlerhaft gespielt und Glück gehabt, dass die Bremer ihre Chancen ungenutzt ließen. Gegen den Ball fehlte die Ordnung im Pressing, mit Ball reihten sich technische Fehler und Ungenauigkeiten aneinander. „Wir hatten gar keine Kontrolle“, sagte Marcel Sabitzer, dem in der erheblich besseren zweiten Hälfte schließlich das 2:0 gelungen war (76.). „Souverän“ sei die zweite Halbzeit gewesen, erklärte auch Schlotterbeck, merkte jedoch an, dass die Mannschaft „noch ein paar Steps zu gehen“ habe. „Es geht in erster Linie um die A-Note“ Es ist seltsam mit diesen Dortmundern in der laufenden Saison: Die Ergebnisse in der Bundesliga sind gut, und wäre da nicht die Übermacht aus München, könnten sie vielleicht sogar als sehr gut gelten. Im Vergleich zur ersten Hälfte der vergangenen Saison sind enorme Fortschritte zu erkennen. Zudem hat die Mannschaft in den ersten beiden Partien des neuen Jahres sechs Tore geschossen, was auf einen großen Unterhaltungswert hindeutet. Und dennoch mangelt es an Kräften, die so etwas wie eine echte Begeisterung erzeugen könnten. Nach dem 3:3 in Frankfurt zum Jahresauftakt war die Freude getrübt, weil zwei Punkte verloren gingen und die drei Gegentreffer schmerzten. Nun hatte die Mannschaft ihr Publikum mit einer sehr zähen ersten Halbzeit gequält. Ein Titelgewinn ist nach dem Aus im DFB-Pokal kaum mehr möglich, und eigentlich gibt es nur zwei Spieler, die konstant auf einem sehr hohen Niveau performen: Schlotterbeck und Torhüter Gregor Kobel, der zum Abschluss der Hinrunde bilanzierend sagte: „Eigentlich hätten wir noch mehr holen können, das kann uns für die Rückrunde motivieren.“ Der seit dem Spätherbst amtierende Klubchef Carsten Cramer spricht derzeit gerne über die Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer sei, und wirbt dafür, die positiven Dinge in den Vordergrund zu stellen. Aber sind Stabilität und die abermalige Qualifikation für die Champions League genug, um das anspruchsvolle Publikum zu begeistern und die Spieler zu befriedigen? „Wir sind Fußballer, es geht in erster Linie um die A-Note“, lautete die Antwort von Kovač, dessen Pragmatismus ein prägendes Element beim BVB geworden ist. Zur Saisonhalbzeit ist vieles unfertig und verbesserungswürdig Auch dieser 3:0-Sieg kann als Ergebnis einer starken Coachingleistung betrachtet werden. Kovač hat in der Pause die passenden Impulse gesetzt, mit denen die Probleme der ersten Halbzeit behoben wurden. Seine Idee, Guirassy zunächst auf die Bank zu setzen und ihn damit vom Druck zu befreien, ist ebenfalls aufgegangen. Hinzu kommt, dass Fábio Silva zwar ohne eigenen Treffer blieb, fußballerisch aber gerade in der ersten Halbzeit der stärkste Offensivspieler war, nachdem er endlich einmal der Startelf angehörte. Zugleich ist zur Saisonhalbzeit jedoch vieles unfertig und verbesserungswürdig. „Wir sind nicht auf einem perfekten Weg, aber auf einem ordentlichen“, sagte Schlotterbeck, der tatsächlich noch die Hoffnung auf den Gewinn der deutschen Meisterschaft in sich zu tragen scheint. Jedenfalls verkündete er: „Ich habe keine Lust zu sagen, im März ist die Meisterschaft entschieden.“ Und in einer Kategorie liegen die Dortmunder nach der ersten Saisonhälfte zweifellos weit vor den Bayern: Sie haben die erheblich größeren Verbesserungspotentiale.