FAZ 07.03.2026
16:43 Uhr

Dorf Dabel: Wo jeder fünfte Grundschüler Flüchtling ist


Im mecklenburgischen Dabel wurden viele Flüchtlinge untergebracht, gegen den Willen der Gemeinde. Nun gehen die Kinder auf die Dorfschule – für die Dorfbewohner ist es nicht das einzige Ärgernis.

Dorf Dabel: Wo jeder fünfte Grundschüler Flüchtling ist

Erst vor einer Woche seien sie angekommen, sagt der junge Mann. Vadym heißt er, seinen müden kleinen Sohn trägt er auf dem Arm, seine Frau kommt mit der Tochter gerade den Flur entlang aus der Gemeinschaftsküche. Sie stammen aus Mykolajiw in der Ukraine. Wie es ihnen hier gehe? Es sei okay, sagt Vadym. In ihrer Heimatstadt habe man es nicht mehr aushalten können. Sie hätten fliehen müssen, der russische Beschuss mit Raketen und Drohnen sei immer stärker geworden. Die Neuzugänge wissen vielleicht noch nicht, dass sie ein Politikum sind. Die Familie lebt im dritten Stockwerk der großen Flüchtlingsunterkunft in Dabel. Kleine Zimmer, langer Flur, Toilette und Küche für alle auf dem Gang. Dabel ist ein kleines Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Und es ist nicht glücklich über die Flüchtlinge, die dort einquartiert werden. Seit dem vergangenen Sommer sind auf dem ehemaligen Militärgelände der Nationalen Volksarmee (NVA) am Ortsrand Flüchtlinge untergebracht. Dabel hat nur rund 1300 Einwohner. Da war der Aufschrei groß, als es hieß, dorthin sollten bis zu 540 Flüchtlinge ziehen. Der Gemeinderat wehrte sich, es gab Bürgerproteste. Geändert hat das nichts. Die alte NVA-Kaserne wurde saniert, die Flüchtlinge kamen. Aber nicht so viele wie befürchtet. Aufgrund der geringen Zugangszahlen sind derzeit nur rund 130 Flüchtlinge und Asylbewerber untergebracht. Trotzdem ist die Wut im Ort weiter groß. Die Anwohner fühlen sich übergangen vom Landkreis und von der Landesregierung, werfen den Behörden Wortbruch vor. Und die AfD sucht das Thema vor der anstehenden Landtagswahl im September für sich zu nutzen. Erste Sammelunterkünfte werden schon geschlossen Zuletzt ist die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, stark zurückgegangen. Das merkt man auch im hiesigen Landkreis Ludwigslust-Parchim. Dem wurden 2025 rund 570 Personen zugewiesen, 30 Prozent weniger als im Jahr davor. Für dieses Jahr rechnet der Kreis nur mit 250 bis 300 Personen. Erste Sammelunterkünfte und Dutzende Wohnungen für Asylbewerber wurden schon aufgegeben. Die Unterkunft in Dabel ist für bis zu 380 Personen ausgelegt. Derzeit steht jedes zweite Stockwerk leer. Angesichts der Weltlage könne sich das Fluchtgeschehen aber rasch wieder ändern, sagt eine Mitarbeiterin des Landratsamts. Die Malteser, die die Unterkunft betreiben, halten die Zimmer in den leeren Stockwerken bereit für die rasche Aufnahme weiterer Personen. An diesem Morgen sind mehrere Asylbewerber mit Putzzeug im Haus unterwegs. Sie seien verpflichtet, Gemeinschaftsarbeit zu verrichten, erklärt der Leiter der Einrichtung, Stefan Rein. Das umfasse das Putzen und Säubern von Toiletten und Küchen, Fluren und Grünanlagen. Dafür erhielten die Asylbewerber 80 Cent die Stunde. Nur die Ukrainer seien davon befreit, müssten aufgrund ihres Sonderstatus nicht putzen. Auch das Mülltrennen bringe man den Bewohnern bei, sagt Rein. Das verstehe anfangs kein Mensch. Rein schwärmt von der schönen Umgebung, der wunderbar hergerichteten Unterkunft. Draußen entstehe gerade noch ein Volleyballfeld, morgens höre man hier die Vögel zwitschern. Von der Tristesse der alten kaputten NVA-Kasernen drum herum spricht er nicht. „Wir hätten es besser machen können“ Dabel ist nicht grundsätzlich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Aber gegen die Pläne des SPD-Landrats Stefan Sternberg, sagt Jörg Neumann (parteilos), Dabels Bürgermeister. Derzeit würden die Flüchtlinge „ghettomäßig“ untergebracht. Seinen Angaben nach schlug die Gemeinde vor, bis zu 60 Asylbewerber dezentral im Ort unterzubringen. „Wir hätten es besser machen können“, sagt Neumann. Er hat über 30 Jahre als Soldat gearbeitet, erst in der NVA und später in der Bundeswehr – auch in der Kaserne, in der heute die Flüchtlinge untergebracht sind. Ihm ist wichtig, dass im Ort „nicht alle ausländerfeindlich“ seien. „Hier geht keiner zum Flüchtlingsheim und schmeißt Eier an die Wand oder schmiert Parolen. Außer den paar Idioten, die das davor schon taten“, sagt Neumann. Auf die Vorschläge der Gemeinde für eine dezentrale Unterbringung sei der Landkreis nicht eingegangen. Stattdessen versprach der Landrat, wohl um die Sorgen der Anwohner zu mindern, ein „Dorf im Dorf“-Prinzip. Versprochen worden sei, dass die Asylbewerber in der Unterkunft alles haben sollten, von ärztlicher Versorgung über Einkaufsmöglichkeiten bis hin zur Kinderbetreuung, sodass der Ort nicht belastet werde, sagt Neumann. „Aber davon wurde gar nichts umgesetzt.“ Der Landrat habe die Dabeler auf der Einwohnerversammlung „belogen“. Zudem habe der Landkreis die Gemeinde bei der Planung nicht eingebunden. „Wir wurden einfach überrollt“, sagt Neumann. Der Landrat habe die Bedenken der Anwohner nicht ernst genommen, sondern einfach „weggewischt“, sagt auch Elke Brandt, die Vorsitzende einer Bürgerinitiative im Ort. Brandt ist Ärztin, zusammen mit ihrem Mann betreibt sie im Ort eine Arztpraxis, einen Pflegedienst sowie ein Hotel. Eines ihrer Enkelkinder geht auf die örtliche Grundschule. Die macht ihr derzeit Sorgen. 13 Flüchtlingskinder in der Grundschule Die Grundschule ist klein, ein flacher Bau mit einem kleinen Spielplatz davor. Rund 60 Schüler werden hier in vier Räumen unterrichtet. Vor ein paar Tagen kamen noch 13 Flüchtlingskinder dazu. Unter den Eltern gibt es nach Angaben Brandts die Befürchtung, dass bald noch deutlich mehr Flüchtlingskinder kommen könnten. Auch Neumann erzählt davon. Demnach überlegen einige Eltern derzeit, ihre Kinder herauszunehmen und etwa auf eine Privatschule nach Schwerin zu schicken. Bisher wurden die Flüchtlingskinder in sogenannten DAZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) im Nachbarort Demen unterrichtet und so an einen normalen Unterricht herangeführt. Insgesamt 60 Kinder und Jugendliche leben in der Unterkunft. Laut Neumann ist unklar, ob noch mehr Flüchtlingskinder in die Grundschule kommen werden. Seinen Angaben nach erhält die Schule nun für die Flüchtlingskinder zusätzliche Lehrkräfte im Umfang von 18 Wochenstunden, dazu eventuell weitere Hilfskräfte im Umfang von 27 Stunden. „Das würde man sich natürlich auch für eine normale Schule wünschen“, sagt Neumann dazu. Die AfD versucht vor der anstehenden Landtagswahl im September, das Thema für sich zu nutzen. Derzeit liegt die Partei in Umfragen bei 37 Prozent, die regierende SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig bei 23 Prozent, die CDU nur bei 13. Um gegen die Rechtspopulisten ein Bündnis zu bilden, müssten SPD und CDU vermutlich mit den Linken koalieren. Unmut im Land gibt es vor allem über die Russlandpolitik, viele wünschen sich eine bessere Beziehung zu Moskau, die Wiederaufnahme der Gaslieferungen. Migration ist das zweite Reizthema. Die AfD kritisiert die SPD Der örtliche AfD-Landtagsabgeordnete Jan-Phillip Tadsen teilte kürzlich mit, besorgte Eltern aus Dabel hätten sich an ihn gewendet. „Man spricht davon, dass fast die Hälfte aller Schüler der ersten Klasse einen nicht deutschen Hintergrund haben“, behauptete er. Der SPD warf er vor, gelogen und ihr Versprechen gebrochen zu haben. Schließlich habe sie ein „Dorf im Dorf“-Prinzip versprochen, mit dem die bestehenden Strukturen nicht überlastet werden sollten. „Das ist keine demokratische Mitbestimmung mehr. Das ist ein ideologisch fundiertes Durchdrücken der Sozialdemokratie“, so Tadsen. Die Aufnahme der Schüler aus der Flüchtlingsunterkunft in der Grundschule sei „definitiv nicht“ ein Widerspruch des versprochenen „Dorf im Dorf“-Prinzips, teilt ein Sprecher des Landkreises Ludwigslust-Parchim mit. Es handele sich um Regelbeschulung, da sei das Prinzip nicht vorgesehen und folglich auch niemals versprochen worden. Das Konzept beziehe sich auf die ärztliche Versorgung, die über ein nahes Klinikum erfolge, auf den Kindergarten und die DAZ-Klassen in Demen sowie auf die Turnhalle auf dem Kasernengelände. Durch die ausgebaute Buslinie werde außerdem dafür gesorgt, dass die Menschen aus der Unterkunft die Angebote erreichten. Über den Bus, der bis nach Sternberg fährt, freuen sich die Leute in Dabel. Und ärgern sich zugleich. Bis die Flüchtlinge kamen, gab es vor Ort kaum öffentlichen Nahverkehr. Morgens der Schulbus, dazu der sogenannte Rufbus. Das ist ein vom Land eingerichtetes Angebot, mit dem kleine Orte angeschlossen werden sollen. Der Bus kommt nur auf Bestellung. Und manchmal dem Vernehmen nach gar nicht. „Wir haben jahrelang für eine bessere Busverbindung gekämpft“, sagt Neumann. Nun, da die Flüchtlinge da seien, fahre plötzlich „jede Stunde ein Bus. Und ich muss als Bürgermeister jetzt ständig erklären, warum das früher nicht ging.“ Neumann hatte anfangs Sorge, dass das Thema Flüchtlinge die Gemeinde zerreiße. Aber das sei nicht passiert. Vielleicht auch deswegen, weil im Gemeinderat „Gott sei Dank“ keine Parteimitglieder säßen. Nur Parteilose und Mitglieder von Wählergemeinschaften. Die Ärztin Brandt, die eigenen Angaben nach dem BSW nahesteht, sagt, die Politik regiere über die Köpfe der Bürger hinweg, nehme sie nicht ernst. Zudem würden die Probleme der Menschen nicht gelöst. „Die Leute sind ja nicht dumm. Wenn wir keine Probleme lösen, dann ist es nur folgerichtig, dass die AfD stärker wird.“ In Mecklenburg-Vorpommern gebe es Tausende leer stehende Wohnungen, sagt Brandt. Stattdessen sei für fast elf Millionen Euro die alte Kaserne saniert worden, und der Landkreis habe behauptet, die Alternative sei eine Unterbringung in Turnhallen gewesen. Brandt hat sich eigenen Angaben nach an die Malteser gewandt und um Hilfe auf der Suche nach neuen Mitarbeitern gebeten. Es sei schwierig, vor Ort gutes Personal zu finden. Warum nicht Flüchtlinge? Aber das hatte keinen Erfolg – was an den Maltesern gelegen habe. Sie kritisiert, die Hilfswerke verwalteten die Asylbewerber nur, hätten gar kein Interesse an Integration. Mittlerweile hat Brandt im Hotel und in ihrem Pflegedienst vier Auszubildende aus Vietnam angestellt.