FAZ 02.03.2026
16:31 Uhr

Doppelter Lockruf: Darum zieht es immer mehr Basketballtalente in die USA


Europas beste Basketballtalente gehen schon lange nach Amerika: in die NBA. Doch nun spüren die Vereine auch den Sog der Colleges. Und der hat eine Kraft, mit der Europas Klubs nicht mithalten können.

Doppelter Lockruf: Darum zieht es immer mehr Basketballtalente in die USA

Die besten Basketballer der Welt tummeln sich in der nordamerikanischen Profiliga NBA, aber die derzeit wahrscheinlich fünf besten Profis dort sind ausländische Akteure. Mit dem Serben Nikola Jokic, dem Kanadier Shai Gilgeous-Alexander, dem Franzosen Victor Wembanyama, dem Slowenen Luka Doncic und dem Griechen Giannis Antetokounmpo führen fünf Nichtamerikaner die Liste der Superstars an. In der Breite aber ist das Reservoir der Amerikaner nach wie vor unübertroffen. Das gilt auch für den Nachwuchsbereich. Bei der U-19-Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer in der Schweiz gewannen die Amerikaner souverän, obwohl sie mit sieben Basketballern des jüngeren Jahrgangs 2007 angetreten waren. Für dieses Turnier wären auch fünf der ersten sieben Spieler des NBA-Drafts 2025 spielberechtigt gewesen, darunter die Großtalente Cooper Flagg und Dylan Harper, geboren 2006 und 2025, an erster und zweiter Stelle gedraftet. Das US-Team aber brauchte sie gar nicht, um den Wettbewerb nach Belieben zu dominieren. Bei ratiopharm Ulm geht es um entscheidende Spieler Auf dem zweiten Platz landete die deutsche Mannschaft, die nach ihrem Europameistertitel im Vorjahr abermals ihre Klasse unter Beweis stellte. Zwar verfügten die Deutschen nicht über einen so tiefen Talentpool wie die Amerikaner, aber über eine erste Fünf, in der alle Spieler NBA-Potential mitbringen. Und in dieser ersten Fünf fällt etwas auf: Mittlerweile spielen mit Christian Anderson (Texas Tech), Declan Duru (Texas), Hannes Steinbach (Washington) und Eric Reibe (Connecticut) vier dieser Starter in den USA am College. Sie streichen dort teilweise ein siebenstelliges Jahressalär ein. Anderson und Steinbach werden für den Draft im Sommer in der ersten Runde gehandelt. Jack Kayil von Alba Berlin, der einzige Leistungsträger des Vizeweltmeisterteams, der noch in Deutschland spielt, hat für die nächste Spielzeit die Wahl: College oder NBA? Scouts glauben, der 20-Jährige würde von einem Team der Profiliga gedraftet werden, sollte er sich für das Auswahlverfahren anmelden. Diese Konstellation – Interesse an europäischen Talenten sowohl vom College als auch aus der NBA – sorgt dafür, dass immer mehr Talente Europa verlassen. Auch die deutschen Klubs spüren bereits die Folgen. So haben einige Teams Probleme, ihre Kaderplätze mit deutschen Spielern zu füllen, die genug Talent mitbringen. Das betrifft in erster Linie die Plätze auf der Bank, für die deutsche Spieler wichtig sind angesichts der „6+6-Regel“, die besagt, dass nicht mehr als sechs ausländische Spieler im Kader stehen dürfen. Bei ratiopharm Ulm aber geht es um entscheidende Spieler. Die Ulmer zählen zu den führenden Teams für die Entwicklung junger Talente hin zu NBA-Spielern. In den letzten beiden Jahren wurden jeweils zwei Ulmer Spieler im NBA-Draft ausgewählt. Doch solche Überflieger stehen nun, wo in den USA auch College-Athleten Geld verdienen dürfen, aufgrund der neuen finanziellen Attraktivität des College-Basketballs nicht mehr zur Verfügung. Den Spielern kann man diesen Schritt nicht verübeln. Sie können in jungen Jahren schon so viel Geld verdienen, dass sie für den Rest ihres Lebens ausgesorgt haben. Wer sich nach drei Jahren am College schwer verletzt, hat eine andere Basis ­geschaffen als der Gleichaltrige, der in Europa geblieben ist. Größe kann man nicht lehren Da die NBA-Teams bei ihren Entscheidungen im Draft zunehmend auf Entwicklungspotential schauen statt auf aktuelle Leistungsstärke, sinkt das Alter der Neuprofis. Für die Colleges geht es aber primär darum, Spieler aus Europa zu finden, die ihre Mannschaft sofort verstärken. Dafür werden bei den akademischen Voraussetzungen auch schon einmal beide Augen zugedrückt. Die NBA und die Colleges tragen den Kampf um Talente auf einem finanziellen Niveau aus, das für die Europäer unerreichbar ist. Dementsprechend müssen sie ihre vielversprechendsten Spieler ziehen lassen. In der NBA hat jede Mannschaft ihren Scout für Europa, der vor allem nach Spielern Ausschau hält, die in der US-Liga athletisch mithalten können oder – trotz der Tendenz zu einem schnelleren Spiel – außergewöhnlich groß sind. „You can’t teach height“, sagen die Amerikaner gern, Größe kann man nicht lehren. Die Colleges sind noch im Prozess, ihr Scouting-Konzept zu entwickeln. Aber es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch sie ihre Späher in Massen durch die Hallen pilgern lassen. So schwierig, wie es auf den ersten Blick scheint, ist die Lage für den europäischen Basketball aber nicht. Denn dass Talente nicht nur den Weg in die USA, sondern auch den in die NBA finden, bleibt die Ausnahme. Die meisten von ihnen dürften nach vier Jahren am College zurückkehren. Und dann wird sich zeigen, ob die Erfahrung in Amerika für sie nicht nur finanziell, sondern auch sportlich wertvoll war. Der Autor ist zweimaliger Trainer des Jahres in Deutschland.