FAZ 18.01.2026
17:58 Uhr

Dominanz in Bundesliga: Der FC Bayern und die Ohnmacht der anderen


Mit gnadenloser Effizienz zerlegt der FC Bayern München RB Leipzig ein weiteres Mal. Für die statistisch beste Mannschaft der Bundesliga-Historie ist der nationale Wettbewerb nur noch Trainingsprogramm.

Dominanz in Bundesliga: Der FC Bayern und die Ohnmacht der anderen

Im Alkohol soll die Wahrheit liegen. Folglich bekam der bierselige Gesang der Trunkenbolde noch eine andere Note. „Deutscher Meister wird nur der FCB“, sang eine Gruppe Bayernfans beim Verlassen der Leipziger Arena. So schief die Tonlage, so wahr der Inhalt. Das vermeintliche Spitzenspiel der Bundesliga hatte ihre Mannschaft 5:1 gegen RB Leipzig gewonnen. 5:1! Vor diesem Hintergrund hätten die Sänger ihr Textrepertoire gern um eine Passage erweitern können. „Deutscher Meister wird nur der FCB. Auf immer und ewig!“ Es hätte wohl niemand widersprochen. Was am Samstagabend in Leipzig geschah, darf als Kapitulationsaufforderung an den Rest der Liga gelten. Oder wie Leipzigs Trainer Ole Werner es zusammenfasste: „Nicht nur der heutige Abend hat gezeigt, dass die Bayern klar über dem Rest stehen.“ Müßig, die Aussage mit Zahlen zu belegen. 50 Punkte nach 18 Spielen gelangen in der Geschichte der Bundesliga bisher nur einer Mannschaft. Wem? Na klar, den Bayern. In der Saison 2013/14 war das, der Trainer damals hieß Pep Guardiola. Die Mannschaft dieser Epoche bot nicht so eine gute Torbilanz. Ergo handelt es sich beim Team der Gegenwart um das laut Statistik beste. Angesichts dieser Beweislage bei elf Punkten Vorsprung auf den Zweiten Borussia Dortmund gaben sich alle Münchner Beteiligten größte Mühe, ihr Verdienst herunterzuspielen. Ihnen zur Seite sprangen dafür die Leipziger, die versuchten, des Gegners Auftritt einzuordnen. Kapitän David Raum fasste es so zusammen: „Am Ende muss man sagen, dass die Bayern in der Bundesliga die Nummer eins sind.“ Ach. Kräfteverschiebung zwischen den Halbzeiten Ganz uneigennützig waren die Elogen nicht, sie halfen den Leipzigern beim Umgang mit diesem aus ihrer Sicht so ernüchternden Ergebnis. Denn so kurios es auch klingt, RB spielte mindestens 70, wenn nicht gar 80 Minuten – anders als im Hinspiel (0:6) – sehr gut mit. Zur Pause konnten die Bayern von Glück reden, dass sie durch das Gegentor von Rômulo nur 0:1 zurücklagen. Es war der erste Rückstand zur Pause in dieser Saison. RB hatte bis dahin beste Chancen vergeben. Nach Spielschluss geht aus einer Statistik hervor, dass Leipzig auf drei Tore hätte kommen müssen. Der Wert der Münchner lag nur marginal höher (3,24), zu Buche standen am Ende aber fünf. Gnadenloser lässt sich Effizienz kaum darstellen. „Sie haben uns vorgelebt, was Zielstrebigkeit heißt, was Kaltschnäuzigkeit ist und was es heißt, beim eigenen Plan zu bleiben, auch wenn man mal hinten liegt. Wir haben heute ein Paradebeispiel für Überzeugung gesehen. Da können wir uns alle eine Scheibe von abschneiden“, sagte Raum. Es fällt nicht schwer, daraus zu schließen, dass Leipzigs Kapitän all diese Eigenschaften seiner Mannschaft in diesem Ausmaß in Abrede stellte. Angesichts der Kräfteverschiebung zwischen Halbzeit eins und Halbzeit zwei stellte sich hinterher die Frage nach den Geschehnissen während der Münchner Pause. Hatte Trainer Vincent Kompany ein geheimes Elixier gereicht? Oder in einer von Pep Guardiola verfassten Taktikbibel geblättert? Wer eine spektakuläre Antwort erwartete, wurde enttäuscht. „Wir haben alle ein bisschen was draufgelegt und das Spiel dann dominiert“, sagte Manuel Neuer. So einfach das klingt, so einfach sah es auch aus. Es schien, als würden die Münchner den Ernst der Lage erkennen und dann mir nichts, dir nichts das spielen, wozu sie im Stande sind. Dieses Muster ist seit Saisonbeginn zu erkennen. In den Spielen gegen Union Berlin (2:2 und 2:3) zogen sie immer dann das Tempo an, wenn beim Gegner der Glaube an die eigene Stärke überhandzunehmen schien. Dann verabreichten ihnen die Bayern ein Gegenmittel, meist in Form von individuellen Leistungen. Beispielhaft dafür das Traumtor von Luis Díaz im Ligaspiel. Werner relativiert: „Bisher ist es nur Arsenal gelungen“ Der Kolumbianer gehörte auch in Leipzig zu den auffälligsten Akteuren. Seinen Tempodribblings ist in der Bundesliga kein Gegenspieler gewachsen. Genauso wenig wie denen von Michael Olise. Der Angreifer saß gegen RB knapp eine Stunde lang auf der Bank, nach seiner Einwechselung kippte das Spiel, wurde geprägt von einer selten gesehenen „Gnadenlosigkeit“. Serge Gnabry, Harry Kane, Jonathan Tah und Aleksandar Pavlović trafen, den letzten Treffer erzielte Olise höchstselbst. Zur Halbzeit hatte Trainer Kompany vor Olise schon Joshua Kimmich für den angeschlagenen Leon Goretzka gebracht, der bei einem üblen Tritt von Nicolas Seiwald Schaden genommen hatte. „Am Ende haben die Bayern die Qualität, uns fünf Tore einzuschenken. Alleine wenn man sieht, wen sie einwechseln“, sagte Raum. Dass der Kader des FC Bayern denen der Konkurrenz qualitativ weit überlegen ist, war vor der Saison bekannt. Neu ist aber die Verlässlichkeit, mit der jeder seine Fähigkeiten abruft, und das nahtlose Ineinandergreifen aller Einzelteile. „Es sieht immer alles so leicht aus. Gegen Wolfsburg stand es nur 2:1, in Köln 1:1, und heute lagen wir zur Halbzeit sogar zurück. Aber die Mannschaft weiß, was zu tun ist, sie wehrt sich, sie akzeptiert nicht, dass sie zurückliegt, und dann drehen wir dieses Spiel halt, indem wir eine Riesenintensität an den Tag legen“, sagte Bayerns Sportvorstand Max Eberl. Diese Intensität schlug sich ebenfalls in Zahlen nieder. Bayerns Spieler liefen sechs Kilometer mehr als die sehr lauffreudigen Leipziger. Selbst in den Kernkompetenzen der anderen sind die Münchner so heillos überlegen, dass es bei der Konkurrenz Ohnmachtsgefühle hervorruft, auch wenn Leipzigs Trainer Werner dieses Wort nicht mochte. Er versuchte zu relativieren: „Bisher ist es nur dem FC Arsenal gelungen, den Bayern beizukommen. Ansonsten keiner Mannschaft.“ Neuer: „Wir machen das ja nicht mit Absicht“ Tatsächlich datiert die einzige Saisonniederlage aus der Champions League gegen eine Mannschaft, die sich aktuell auf einem ähnlich hohen Niveau wie die Bayern befindet. Am Mittwoch kommt in der Champions League Union Saint-Gilloise nach München. Eher kein Gegner, an dem sich die internationale Leistungsfähigkeit des FC Bayern messen lassen wird. Schon jetzt ist klar, dass es in diesem Frühjahr wie so oft darum geht, die Bundesliga als Trainingsprogramm für die Aufgaben in der Champions League zu nutzen. Angesichts des großen Vorsprungs gilt die Meisterschaft als ausgemachte Sache. Vergangene Saison war das ähnlich, da folgte international aber das schmerzliche Aus im Viertelfinale gegen Inter Mailand. Das soll sich nicht wiederholen. Dafür bedarf es aber einer anderen Herangehensweise als in der Liga. In den vergangenen zwölf Spielen lag Bayern achtmal zurück. In der Champions League dürfte das in ihrer entscheidenden Phase nicht gut ausgehen. „Wir machen das ja nicht mit Absicht, grundsätzlich nehmen wir uns das nicht vor“, sagt Neuer, dessen Vertrag demnächst verlängert werden könnte. Sportvorstand Eberl wollte zu diesem Thema aber nicht konkret werden. „Der Manu soll erst mal 40 werden“, sagte er. Das passiert Ende März. Die Personalie Neuer könnte weiteren Auftrieb geben, ähnlich wie das Comeback von Jamal Musiala, den Kompany in Leipzig erstmals seit seiner schweren Verletzung im Sommer wieder einwechselte. Für die Konkurrenz sind das keine guten Aussichten.