Die Bilanz der deutschen Rodlerinnen und Rodler auf der Olympiabahn von Cortina d’Ampezzo liest sich wie ein Countdown: Sechs Könner im Eiskanal, fünf Entscheidungen, vier Wettkampftage, drei Olympiasiege, zwei weitere Medaillen, ein einziger schwarz-rot-goldener Rausch. 6, 5, 4, 3, 2, 1 und dann: vorbei. Noch besser war die Bilanz nur 2022 in Peking, wo es in vier Rennen viermal Gold und zweimal Silber gab. Was folgt daraus für den Rodelsport? Bundestrainer Patric Leitner, selbst einst Olympiasieger auf dem Doppelsitzer, äußerte sich nach Abschluss der Rodelwoche völlig begeistert. „Das waren wirklich geile Spiele für uns“, bilanzierte der 48 Jahre alte Berchtesgadener. Und ließ noch einmal genussvoll die Wettkämpfe Revue passieren. Max Langenhan: mit vier Bahnrekorden in vier Fahrten überlegen zur Goldmedaille gesaust. Julia Taubitz: in Peking noch vom Schlitten gefallen, nun mit einem „wahren Olympiamoment“ und Gold. Danach „ein ganz schwieriges Doppelrennen für unsere Männer“. Doch auch das bekamen sie in den Griff. „Jeder hat seinen Teil zum Erfolg beigetragen“ Tobias Wendl und Tobias Arlt, die „Tobis“, wie sie genannt werden, was nach volkstümlichem Musikantenduo klingt, nun aber die mit sieben Goldmedaillen erfolgreichsten deutschen Wintersportler der Olympiageschichte beschreibt. Nach mäßigen Trainingsfahrten legten sie eine Nachtschicht im Materialkeller ein. Gemeinsam mit ihrem Techniker Christian Thurner feilten sie die Schienen unter dem Schlitten so zurecht, dass sie doch noch medaillenwürdig waren. Es gelang und wurde Bronze, „das sich wie Gold anfühlte“. Was Leitner zu einem Lob an das Team hinter dem Team inspirierte: „Jeder hat seinen Teil zum Erfolg beigetragen.“ Dajana Eitberger wird von dem Anspruch angetrieben, „das Beste aus ihrem Körper herauszuholen“. Sie hatte schon vor acht Jahren Silber im Einsitzer gewonnen, ist danach Mutter geworden, ließ sich auf das Abenteuer Doppelsitzer ein – auf Bitten von Bundestrainer Leitner – und begann mit der 15 Jahre jüngeren Magdalena Matschina noch einmal von vorn. Vorzeigbarer Erfolg der Mission: erst einmal „Dabeisein bei Olympia“, wie sie bescheiden ausführte. Doch dann der Gewinn einer Medaille, wieder Silber. Sie glaubt, den tieferen Sinn des Unterfangens gefunden zu haben: „Meine Grenzen neu zu verschieben.“ „Es hat sich herausgestellt, es war der Bundeskanzler“ Zur olympischen Wunderwelt im Eiskanal gehört, dass sich die jeweils Besten einer Mannschaft zum Abschluss der Spiele zu einem Teamwettbewerb zusammenfinden dürfen. Der Bonustrack sozusagen. Und erwartungsgemäß gaben die sechs Deutschen auch hier den Ton an. Gold als „i-Tüpfelchen“, wie es Leitner nannte. Was folgte, war die Beweisführung, dass Einzelsportler besondere Gemeinschaftsgefühle entwickeln, wenn sie im Team aufgehen dürfen. „Sich alleine freuen, ist nicht so geil wie mit dieser ganzen Gang“, sagte Max Langenhan. Man sah es ihnen an, als sie sich zur Feierstunde im Deutschen Haus einfanden. Um es krachen zu lassen, oder „das Haus einzureißen“, wie es Taubitz ankündigte. Die Playlist des Abends spricht Bände: „Sarà perché ti amo“ in der Party-Version (deutsch: „Es wird sein, weil ich dich liebe“) – alle lagen sich in den Armen. „Bella Napoli“, geografisch in den Dolomiten nicht ganz passend, aber immerhin mit der Zeile: „Mein Herz schlägt Azzurro“. Und als Fazit: „Ich fühl mich Disco.“ Die Rivalen in der Rodelbahn, das wurde in diesen Tagen von Cortina einmal mehr deutlich, leben in einer sehr speziellen Sportwelt, getrieben von einem aberwitzigen Kampf um Tausendstelsekunden, betrieben mit einer Akribie, die sich jedoch auch nur wenige Nationen leisten (können). Genau genommen sind es gerade mal drei Teams, die auf hohem professionellem Niveau arbeiten und das Geschehen dominieren: Deutsche, Österreicher und die Südtiroler für Italien. Die Deutschen rasten vorneweg, wenn etwas schiefging, dann eher außerhalb des Eiskanals. So waren alle sechs Team-Rodler unmittelbar vor dem Staffelrennen in der Umkleidekabine eingesperrt. Ein rumänischer Rodler hatte die Tür hinter sich zugeknallt, dabei fiel der Griff ab. „Da war es kurz still“, sagte Eitberger über den Moment der Panik. Langenhan wollte die Tür schon eintreten, doch dann fand sich ein Handy, ein Trainer wurde angerufen – der hatte den Schlüssel befreite alle. Später erzählte Langenhan noch belustigt, dass er einen Anruf erhalten hatte, als er an der Bushaltestelle stand und sich ein Video der TV-Familie „die Geissens“ anschaute. „Ich bin nicht rangegangen, weil ich die Nummer nicht kannte“. Er wischte den Anruf weg. „Es hat sich herausgestellt, es war der Bundeskanzler – Friedrich Merz“, so Langenhan. „Max macht Max-Sachen“, meinte dazu Tobias Wendl. Und Langenhan appellierte in Richtung Kanzleramt: „Lieber Friedrich, lieber Herr Merz, tut mir leid, vielleicht schaffen wir es in den nächsten Tagen zu telefonieren.“ Schließlich müssen sie noch einen Termin für eine Fahrt mit dem Doppelsitzer finden. Die hatte der Kanzler mit Langenhan schon vor Olympia verabredet – auf der Hausbahn des Sauerländers in Winterberg.
