Pornos im Kinderzimmer? Diesen Zusammenhang blenden die meisten Eltern aus. Eine ZDF-Dokumentation von Kajo Fritz, Hannah Hartwich und Marc Schlömer zeigt jetzt in aller Deutlichkeit, wie naiv und fahrlässig dieses Denken ist. Den Autoren ist es nicht nur gelungen, sechs Jugendliche zum Sprechen über ihren Kontakt mit sexualisierten Bildern im Netz zu bewegen, in zwei Fällen werden auch die Eltern erstmals mit den Erlebnissen ihrer Kinder konfrontiert. Anschließend fließen bei den Erwachsenen Tränen, eine Mutter, die ihr Geld mit Kinderbüchern verdient, sagt: Wir dachten, wir hätten unserem Kind eine heile Welt bereitet. In der Dokumentation „Generation Porno“ zeichnet sich eine erschreckende Mediennutzungsbiographie von Kindern und Jugendlichen ab. Viele bekommen ihr erstes Smartphone bereits mit acht Jahren, einige sehen schon in diesem Alter die ersten sexuellen Motive. Im Alter von zehn Jahren, so schätzen Experten, bewegen sich viele Kinder schon allein im Internet. Eine von ihren Eltern ansonsten wohlbehütete Jugendliche berichtet davon, erste Szenen aus einem Pornovideo von einem Gleichaltrigen auf einem Klettergerüst in ihrer Reihenhaussiedlung gezeigt bekommen zu haben. „Man sieht einfach alles“ Im Alter von elf, zwölf Jahren sind Pornos ein gängiges Gesprächsthema für Jungs auf dem Pausenhof. Der 15 Jahre alte Laith sagt: „Du musst bei Google nur ‚Porno‘ eingeben, schon bist du drin, ob du 18 bist oder nicht.“ Ein anderer Jugendlicher, der von seiner Pornosucht im Alter von elf Jahren berichtet, erzählt, wie reichhaltig das Angebot auf dem sozialen Netzwerk Twitter/X für ihn war: „Man sieht einfach alles.“ Bei Mädchen findet der Kontakt zu sexualisierten Bildern meist in anderer Form statt. Sie suchen nicht danach, ihnen werden Penisbilder (Dick-Pics) oder die unsittlichen Phantasien Erwachsener ungefragt zugeschickt. Ihren Eltern berichten sie davon nichts – aus Scham, einem Gefühl von Schuld und der Angst, das Handy weggenommen zu bekommen. Sie gewöhnen sich an eine übersexualisierte digitale Welt, die ihnen auch auf Tiktok, Instagram und Snapchat entgegenschlägt. Ein Polizist berichtet, die erste Reaktion auf das Babysitting-Angebot einer 14-Jährigen auf Ebay-Kleinanzeigen sei die Frage gewesen, ob sie ihre Dienste auch nackt anbiete. Fast jedes dritte Kind im Alter zwischen elf und dreizehn Jahren kam nach offiziellen Zahlen durchs Internet in Kontakt mit Pornos; bei den Jugendlichen zwischen 14 und 17 sind es 56 Prozent. Nach Einschätzung von Experten seien diese Zahlen jedoch aus nachvollziehbaren Gründen zu niedrig. Man vergegenwärtige sich nur, dass in manchen Klassenchats am Tag mehr als 2000 Nachrichten, darunter immer wieder grenzüberschreitende Bilder und Screenshots, verschickt werden. „Schützt uns!“ Besonders erschütternd ist der Fall eines zwölf Jahre alten Jungen, der von einem 27-Jährigen missbraucht wurde, nachdem er ihm zuvor Tausende manipulative Nachrichten über eine Kommunikationsplattform für Videospieler geschickt hatte. In diesem Fall spricht man von Cybergrooming; auch sexuelle Erpressung und Demütigung durch Deep-Fakes sind Begleiterscheinungen der unzureichend regulierten Soziale-Medien-Landschaft. Nach einer in der Dokumentation zitierten Umfrage halten 75 Prozent der Jugendlichen Pornos für sexuelle Realität. Zwei Jugendliche berichten, einige Gleichaltrige dächten, selbst Schläge gehörten beim Sex dazu. Und eine Expertin ergänzt, dass für viele Jugendliche das erste Mal „wie ein perfekter Porno“ auszusehen habe, was wiederum zu Angst und Unsicherheit führe. Sexualerziehung, folgt aus alldem, muss sich diesen neuen Gegebenheiten schnellstens anpassen. Im Grunde müssen schon Kinder in der heutigen digitalen Welt auf anstößigste Bilder vorbereitet werden. Doch die meisten Eltern, die ihre Pubertät in einer analogen Welt erlebt haben, sind weit davon entfernt, dem nachzukommen. Kann man Lehrern eine entsprechende Aufklärung zumuten, braucht es Profis von außerhalb? Auch wenn es immer absurder wird, wovor Eltern ihre Kinder in der digitalen Welt noch alles beschützen müssen, so ist auch klar, dass Kinder und Jugendliche bei sexuellen Grenzüberschreitungen jemand Vertrauten zum Sprechen benötigen. Die Botschaft der Jugendlichen ist einhellig, sie lautet: „Schützt uns!“ So sagt die 15 Jahre alte Jana: „Wenn ich denke, dass meiner siebenjährigen Schwester auch so etwas zugeschickt wird, wird mir schlecht.“ Und der heute 17 Jahre alte Merlin, der in jüngeren Jahren am Tag über mehrere Stunden hinweg Pornos konsumierte, sagt: „Meinem elfjährigen Ich würde ich das Internet einfach entziehen.“ Die zupackendsten Vorschläge kommen von dem Kriminalhauptkommissar und Cybercrime-Experten Eric Dieden. Er schlägt ein Social-Media-Verbot bis zu einer bestimmten Altersgrenze und eine Evaluation nach drei Jahren vor. Wenn es nichts bringe, müssten andere Wege beschritten werden: „Wir müssen den Mut haben, in irgendeiner Form tätig zu werden.“ Generation Porno – Was unsere Kinder online sehen läuft am Dienstag, 20.15 Uhr, im ZDF, eine längere Streamingversion mit weiteren Praxistipps gibt es in der ZDF-Mediathek.
