FAZ 23.09.2026
18:21 Uhr

Doderer-Tagung in Wien: Vielbesprochenes möbelhaftes Schweigen


Flanieren? Aber doch nicht hier! Die Heimito-von-Doderer-Gesellschaft tagt in Wien und untersucht das Verhältnis des Schriftstellers zu seiner Leib- und Magen-Stadt.

Doderer-Tagung in Wien: Vielbesprochenes möbelhaftes Schweigen

Kann es sein, dass die Werke des österreichischen Schriftstellers Heimito von Doderer wieder in Mode kommen? Darum bemüht sich zumindest seit ihrer Gründung 1995 die Heimito-von-Doderer-Gesellschaft mit Sitz in Berlin. Am vergangenen Samstag veranstaltete deren Wiener Filiale kurz nach dem 130. Geburtstag des Autors unter dem Titel „Doderers Wien: Ein Autor und seine Stadt“ ein Symposium. Doderer, geboren am 5. September 1896 im damals noch nicht zum offiziellen Stadtgebiet gehörenden Vorort Hadersdorf-Weidlingau (heute Teil des XIV. Gemeindebezirks namens Penzing), verstorben am 23. Dezember 1966, wäre wohl von dem großen Publikumsinteresse überrascht gewesen. So auch die Veranstalter. Erwartet hatte man etwa achtzig Leute, erschienen sind, die Referenten eingerechnet, beinahe zweihundert. Die Vorträge sind nicht von ganz leichter Art, gute Kenntnisse der Texte Doderers sehr hilfreich. Und gleich im ersten Referat kommt der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach zu der Erkenntnis, dass so wie Doderer eben nur ein Wiener schreiben könne; Mosebach attestiert ihm gar einen Hang zum Expressionismus. Ein eigener Wiener Stil also? Diese Behauptung darf gerne weiter untersucht werden. Von bisexuellen voyeuristischen Neigungen geprägt Der Germanist Michael Maar zieht sodann Vergleiche zwischen Doderer und Thomas Mann, besonders anhand erotischer Szenen und Anspielungen in beider Werke. Auch Doderer war von bisexuellen voyeuristischen Neigungen geprägt, wie man seinen Werken durchaus entnehmen kann. Selbst sadomasochistische Gedanken waren ihm nicht fremd. Man denke etwa an den jungen Conrad Castiletz in „Ein Mord, den jeder begeht“ (erschienen 1938 bei C. H. Beck). Claudia Girardi, Mitbegründerin der Wiener Doderer-Gesellschaft, stützt sich in ihrem Vortrag über „Doderers Wien“ hauptsächlich auf dessen Mammutwerk „Die Dämonen“. Während sich auch in der durch Doderer persönlich von den schlimmsten rechtsextremistischen und antisemitischen Anspielungen penibel gereinigten endgültigen Fassung, erschienen 1956 (Vorbereitungen und erste Entwürfe dazu gingen indes mehr als ein Vierteljahrhundert zurück), noch Hinweise auf den Ursprungstenor entdecken lassen, forscht Girardi dem Bild der Wienerstadt, das Doderer zeichnet, nach: als eines Wiens, das es heute nicht mehr gibt und selbst zur Erscheinungszeit des mehr als 1300 Seiten starken Wälzers kaum mehr gegeben hat. Sind Wiener Gassen einfach zu eng? Dieses Thema greift dann in seinem Beitrag auch Gerald Sommer, Germanist und seit 2008 Vorsitzender der Heimito-von-Doderer-Gesellschaft, auf, indem er die Beziehung des Werks zum Flanieren und zum Flaneur näher untersucht. Nicht nur die Entstehungsgeschichte dieser Begriffe rollt Sommer auf, er weist auch nach, dass Doderer selbst das Wort kaum jemals verwendet hat, einige (wenige) Charaktere in all seinen Erzählungen aber durchaus als Flaneure darstellt. In der anschließenden Diskussion kommt man übrigens zu dem Schluss, dass sich Wien vermutlich wenig zum Flanieren im klassischen Sinne eigne – zu eng sind die meisten Gassen, zu verwinkelt die Straßen, etwa verglichen mit Paris oder Berlin. Schon gar nicht flanieren lässt sich auf der Strudlhofstiege, bekanntlich eine vielfach geschwungene Treppenanlage, der Doderers bekanntestes Buch seinen Titel verdankt. Martin Maxl, Rechtsanwalt und als Gründungsmitglied der Wiener Doderer-Gesellschaft Initiator sowie Organisator des Symposiums, vermutet, durch zahlreiche Zitate gut belegt, dass für den Autor die Stadt Wien, zumindest die Bezirke innerhalb des Gürtels, insgesamt so etwas wie eine behagliche Wohnung darstellte. Ein spannender Vergleich, trennt der Gürtel doch heute noch in gewisser Weise Wien in Innen und Außen. Abschließend bringt der Literaturwissenschaftler Achim Hölter zahlreiche Beispiele für Doderers bisweilen seltsam verschachtelte, eigensinnige Sprache und Wortwitze ins Spiel. Die Phrase „möbelhaftes Schweigen“ findet man wohl kaum anderswo. Und wieso sollte das Sonnenlicht durch hölzerne grüne Jalousien in die für Sommerurlaube verlassenen Wohnräume plötzlich selbst grün, eher an ein Aquarium erinnernd, hereinfallen? Poliert worden waren diese Wohnungen während der Abwesenheit der Bewohner auch, und sie strömten laut Doderer dann meist Kampferduft aus. Ähnliches hat Hölter bei Virginia Woolf entdeckt. Da ist Doderer in guter Gesellschaft – und weit weg von Wien.