FAZ 31.12.2025
08:40 Uhr

Diskussion um die AfD: Juli Zeh, Springer und die Brandmauer


Diskussion um AfD: Juli Zeh, Springer und die Brandmauer

Diskussion um die AfD: Juli Zeh, Springer und die Brandmauer

Die Schriftstellerin Juli Zeh hat der „taz“ ein Interview gegeben, in dem sie der Redakteurin Antje Lang-Lendorff und dem von Juli Zehs Romanen „Unterleuten“ und „Zwischen Welten“ „nachhaltig beeindruckten“ Chefreporter Peter Unfried erklärte, dass sie „kein Fan“ der Brandmauer sei. Es scheine ihr nicht so, dass die Brandmauer die AfD von der Macht fernhalte, so Zeh, „die Prozente der AfD steigen ja immer weiter“: „Der Versuch, mit der Brandmauer die AfD kleinzuhalten, hat in den letzten zehn Jahren nichts gebracht. Im Brandenburgischen Landtag gibt es schon jetzt keine Zweidrittelmehrheit mehr ohne die AfD“, so die Schriftstellerin. Das Interview wurde in vielen Medien zitiert. Bejubelt wurde es von der „Welt“: Andreas Rosenfelder, Chefkommentator und Leiter des dortigen Meinungsressorts, schrieb einen Kommentar unter dem Titel „Der Anfang vom Ende der ,Brandmauer‘“. Darin ließ er lieber weg, dass die Schriftstellerin der „taz“ auch gesagt hatte: „Ich bin doch nicht prinzipiell gegen ein AfD-Verbot. Ich sag’s noch mal: Ich bin Juristin. Wenn ein Parteiverbotsverfahren Aussicht auf Erfolg hat, kann und muss man es anstrengen. Wenn nicht, wird es der AfD nutzen.“ Wie die „Welt“ J. D. Vance umwirbt Rosenfelder aber bezog sich nur auf die Aussagen Zehs zur Brandmauer, behauptete, dass sie mit dieser Einschätzung „längst nicht mehr allein dastehe“, und verwies auf den ehemaligen Diplomaten Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, der entschieden habe, „wieder Fachpolitiker der AfD einzuladen“. Zwei Jahre lang waren diese auf dem Gipfeltreffen nicht erwünscht, so Rosenfelder in der „Welt“, „was US-Vizepräsident J. D. Vance als Gastredner zum Anlass nahm, das deutsche Demokratieverständnis zu hinterfragen: ,Demokratie beruht auf dem heiligen Prinzip, dass die Stimme des Volkes zählt. Es gibt keinen Platz für Brandmauern.‘“ Interessanterweise hatte Ischinger die Einladung von AfD-Politikern anders begründet und den Vorwurf, Brandmauern zu beseitigen, ausdrücklich zurückgewiesen: „Durch Einladungen an AfD-Politiker reißen wir keine Brandmauern ein, wie mancher behauptet“, sagte Ischinger der F.A.Z. Die Brandmauer solle die AfD von der Regierungsbeteiligung fernhalten. Um Regierungsbeteiligung gehe es aber nicht beim Treffen der MSC. Ischinger wies auch darauf hin, dass Auftritte von AfD-Politikern auf den Bühnen der Sicherheitskonferenz nicht geplant seien, und kritisierte die Russland-Politik der AfD: „Die Haltung der AfD in der Russland-Politik wird völlig zu Recht von der großen Mehrzahl der Experten in der Sicherheitspolitik und auch von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung abgelehnt.“ Rosenfelder dagegen nimmt die Aussagen von Zeh zur Brandmauer, fügt die Einladung von AfD-Politikern auf der Sicherheitskonferenz hinzu, erklärt beides zusammen zum „Anfang vom Ende der Brandmauer“ – und schafft es dann auch noch, J. D. Vance zu umwerben, indem er den amerikanischen Vizepräsidenten als Verfechter der Demokratie stilisiert, ohne dessen Auftritt auf der Münchner Sicherheitskonferenz einzuordnen, wo dieser behauptete, die größte Bedrohung für Europa gehe nicht von Russland, sondern von den Europäern selbst aus. Doch das ist die Haltung, die bei Springer immer deutlicher vertreten wird: Normalisierung der AfD, zuletzt mithilfe der Umfragefirma INSA und der „Bild“-Zeitung, die auf der Basis intransparenter Daten Alice Weidel zur „beliebtesten Politikerin Deutschlands“ erklärten. Und viel Lob für Trump und die amerikanische Regierung, zuletzt vom Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner persönlich, der in der „Welt“ einen Beitrag mit dem Titel „Trump will ein starkes Europa – Wir sollten auf ihn hören“ schrieb. Dass Rosenfelder mit dem Zitat von Vance beides zusammenführt, kann man für eine Meinung aus dem Meinungsressort halten. Springer-Chef Döpfner wird es gerne lesen: Bereits im November hat das Nachrichtenportal „Semafor“ berichtet, dass Axel Springer das „Wall Street Journal“ als „Top-Übernahme-Kandidat“ ausgemacht haben soll. Der Konzern ist in den USA derzeit mit „Politico“ erfolgreich. Laut „Semafor“ schiele Döpfner auch auf den Nachrichtensender CNN, sollte er von seinem Mutterkonzern Warner Bros. Discovery verkauft oder herausgelöst werden. CNN würde ihm Zugang zu einem globalen Publikum bieten. Dass das nicht ohne Trump geht, liegt auf der Hand. Und wenn dem Brandmauern nicht gefallen, scheint man bei Springer zu ahnen, was publizistisch hierzulande zu tun ist. Denn das Geschäft in den USA soll ja schließlich weiter wachsen.